Shadow

Shadow - ConstantinWenn man großartige Farbenspektakel wie „House of Flying Daggers“ gesehen hat, ist es einerseits schwer und andererseits leicht zu glauben, dass Shadow ebenfalls von Zhang Yimou stammt. Erneut ist die Farbgestaltung eine Wucht; nur ist es diesmal eben kein bunter Bilderreigen, sondern ein trostloses Grau, das auf Bergen, im Regen und an den Gebäuden und Figuren dominiert. Lediglich die Farbe der Haut und das Blut, das diese Haut in großen Mengen verlässt, bilden Ausnahmen. Beeindruckend sind auch in diesem Martial-Arts-Film die Kämpfe, die gewohnt brachial und elegant zugleich daherkommen, aber leider nur wenig Raum einnehmen. Als Entschädigung hat sich Yimou einige Kampftechniken einfallen lassen, die zumindest in westlichen Kinosälen wohl noch nicht zu sehen waren. Eher konventionell ist hingegen die Story über Krieg, Liebe und Verrat ausgefallen. Da helfen auch die leidenschaftlichen Momente und vielen Wendungen nur wenig.

Filmplakat: Constantin

Underwater

Underwater - 20th Century FoxWer atmosphärische Genrefilme mag, die vom Mainstream abweichen, wird zwar auf Netflix regelmäßig fündig, aber selten im Kino, wo meistens Standardware wie „The Purge“ oder Blockbuster den Ton angeben. Eine sympathische Ausnahme war der SciFi-Mysteryfilm „The Signal“, der 2014 in die Kinos kam. Der neue Film von William Eubank heißt Underwater, ist mit Kristen Stewart namhaft besetzt und hat eine vielversprechende Ausgangslage zu bieten – aber leider nicht viel mehr. Rund elf Kilometer unter dem Meeresspiegel zerstört ein Erdbeben eine Bohrstation. Die wenigen Überlebenden suchen nach einem Weg an die Oberfläche und sehen sich dabei mit einer offenbar monströsen Gefahr konfrontiert. Zumindest der erste Akt ist stimmungsvoll, doch nach geraumer Zeit wiederholt sich alles. Hier ein Geräusch, dort eine Gestalt und immer wieder Krach auf der Tonspur, der die zunehmend fehlende Spannung nicht ersetzen kann. Was vor allem ganz entsetzlich fehlt, sind Ansätze interessanter Ideen.

Filmplakat: 20th Century Fox

Dracula

Dracula - NetflixRichtig viel Eindruck konnte Dracula in den vergangenen Jahren in Filmen nicht hinterlassen. Die beiden wohl bekanntesten Adaptionen der jüngsten 20 Jahre – „Van Helsing“ (2004) und „Dracula Untold“ (2014) – waren zwar kommerziell erfolgreich, aber bei Cineast*innen unbeliebt. Diesen Missstand hat eine TV-Miniserie aus Großbritannien nun behoben. Die drei Teile erzählen jeweils eine Geschichte, die weitgehend für sich selbst steht, aber gleichzeitig mit den anderen verbunden ist. Während vor allem die erste Episode, die größtenteils in einem riesigen Schloss in den Karpaten spielt, sehr klassisch wirkt, wagen die Filmemacher*innen im letzten Teil einen mutigen Schritt in die Moderne. Was die Folgen eint, ist die gelungene Mischung aus blutigem Horror und schwarzem Humor sowie die alles überragende Dracula-Interpretation des Hauptdarstellers Claes Bang, die dafür sorgt, dass man den dunklen Grafen mit seiner stolz präsentierten und immer wieder ins Lächerliche gezogenen Männlichkeit sowohl fürchtet und liebt als auch verabscheut.

Plakat: Netflix

Judy

JudyAls „Der Zauberer von Oz“ am 12. August 1939 in den USA seine Premiere feierte, war Hauptdarstellerin Judy Garland erst 17 Jahre alt. Glaubt man diversen Schilderungen, erlebte sie während der Dreharbeiten eine an Folter grenzende Behandlung, inklusive Schlaflosigkeit und sexueller Belästigung. Das von Rupert Goold („True Story“) inszenierte und auf einem Musical basierende Biopic Judy zeigt, dass diese Misshandlungen sie bis in die Monate vor ihrem Tod im Juni 1969 prägten. Bei ihren Auftritten als Sängerin in London erlebt sie Höhen und Tiefen – als Mensch und als Künstlerin. Alkohol spielt dabei eine ebenso große Rolle wie (enttäuschte) Liebe. Während manche Szenen – etwa der spontane Abend mit einem schwulen Paar – zu Tränen rühren, kratzen andere nur an der Oberfläche. Im Kern ist „Judy“ vor allem eine grandiose Renée-Zellweger-Show. Das offenbar stets Theatralische im Auftreten von Garland muss man allerdings mögen, um diesen Film wirklich genießen zu können.

Filmplakat: eOne Germany

Knives Out

Knives OutDer wohlhabende Harlan Thrombey feierte seinen 85. Geburtstag auf ganz besondere Weise. Während der Party in seinem prachtvollen Haus verkündete er einem Familienmitglied nach dem anderen eine unerfreuliche Botschaft. Am nächsten Tag fand man ihn mit durchtrennter Kehle in seinem Zimmer. Privatdetektiv Benoit Blanc – gespielt von Daniel Craig – führt daraufhin die Ermittlungen. Schnell merkt er, dass viele in der Familie ein Mordmotiv besitzen und wenig für einen Suizid spricht. Vielleicht ging es dem oder der möglichen Täter*in um Rache, vielleicht aber auch ganz klassisch ums Erbe. Rian Johnson hat mit Knives Out einen mit viel Humor und cleveren Wendungen gespickten Whodunit-Krimi geschaffen, in dem Darsteller*innen wie Christopher Plummer, Ana de Armas, Chris Evans, Jamie Lee Curtis, Michael Shannon, Toni Collette und Don Johnson ihre schrulligen Charaktere mit großer Freude spielen. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Aufklärung des Todesfalls, sondern auch die Frage: Wem gönnt man eigentlich das Erbe?

Filmplakat: Universum

Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers

Als ich 1999 “Die Dunkle Bedrohung” sah, fand ich zwar alles dort cool, konnte aber noch nicht so richtig etwas damit anfangen, was ich da sah. Erst als ich durch bloßen Zufall denselben Film im Sommer 2008 erneut sah, verliebte ich mich in STAR WARS. Ich trat einem sogenannten Forenrollenspiel bei und schrieb meine eigenen Star Wars Abenteuer, genoss es jeden Tag die Luft von Coruscant, Tatooine und Bastion (look it up) zu schnuppern. Die Filme standen mich von da an nie für sich allein – und so ging es sicher vielen Fans. Star Wars an sich steht vielmehr für eine größere Fantasie, eine wunderbare Idee. Eine Idee, die zugleich Science Fiction und Märchen ist, zugleich zauberhafte Abenteuergeschichte und Cautionary Tale vom Widerstand gegen den Faschismus. Es packt den Erwachsenen in mir, wie auch das Kind, gerade so als ob ich es von klein auf an geliebt hätte. Wie, bei der Macht, soll man da einen neuen Teil der Filmsaga nur bewerten können, verworren zwischen all den Disney-Konzern-Kalkülen, Fanhysterien und eigenen persönlichen Geschmackswandlungen? So, dass Andere nachvollziehen können, was ich gefühlt habe?

Ich probiere es mal so: Einst liebte ich die Prequels, doch inzwischen finde ich, sind besonders Teil 2 und 3 storytechnisch ziemlich doof gealtert. Früher konnte ich mit der originalen Trilogie, also Episode 4 bis 6, nicht so viel anfangen. Doch inzwischen weiß ich zu schätzen, mit wie viel Hingabe sie geschrieben und gestaltet sind. Mein Ranking pre Episode 7 war 2015 (absteigend): 654123.
Doch dann kam “Das Erwachen der Macht” und hat mich von den Socken gerissen. Es hat mir das gegeben, dass Star Wars in a nutshell für mich sein muss: Eine packende Abenteuergeschichte mit Heldenfiguren, auf deren Reise ich mitfiebern kann, die ich lieben lernen kann. Insbesondere war Rey genau die Heldin, dich ich zu dieser Zeit gebraucht habe. Die Verkörperung dessen, was ich in Star Wars schon immer sehen wollte. Episode 7 setzte sich ganz nach vorne auf meine Rangliste.
“Die letzten Jedi” konnte da nicht mithalten. Ich störte mich gar nicht mal so sehr am vermeintlichen Fokus-Mangel des Films, oder an der forcierten politischen Botschaft des Films. Die vielen Twists, die den Helden dauern gezeigt haben, dass die Dinge anders sind als sie glauben, fand ich sogar gut! Und wer liebt nicht die Thronsaal-Szene? Aber insgesamt fehlte der Abenteuergeist, der Roadmovie-Charakter, und das Händchen für die Charaktere ein bisschen. Gut, aber mehr auch nicht.

Und “Der Aufstieg Skywalkers”? Kurzum: Nicht so gut wie Episode 7, aber besser als 8.
Rey als Hauptfigur findet hier für mich gefühlt wieder fast zu alter Stärke zurück. Endlich ist das Team wieder mehr beisammen und nicht in alle Winde verstreut. Endlich liegt wieder richtiges Abenteuer in der Luft. Und ja, letztlich “reimt” sich wieder viel – wie George Lucas zu sagen pflegte –, so wie schon in Episode 7. Was ebenfalls nicht ganz unwichtig ist: Es macht die Sache rund, fühlt sich wie ein echtes Ende der Trilogie an, was ja so manche nach Episode 8 schon in Gefahr sahen. Und all das macht Episode 9 zu mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte. Ich bin zufrieden – wenn auch ein bisschen traurig, dass die Reise jetzt erst mal wieder vorbei ist.

PS: Wer gerne nachvollziehen möchte, wie schön/hässlich sich so die Perspektiven ändern können, aka was René und ich 2015 vor “Das Erwachen der Macht” von den Star Wars Filmen dachten: http://die-leinwanderer.de/podcast/podcast-15-starwarscast-das-erwachen-verklaerter-kindheitserinnerungen-an-eine-saga/
(ich lade ihn mir selbst mal wieder runter und höre rein^^)

Filmplakat: Walt Disney

 

The Society (Staffel 1)

SocietyFilme und Serien, die sich mit der Frage beschäftigen, was passiert, wenn sich eine Gesellschaft von einem Augenblick zum anderen radikal verändert, faszinieren mich seit meiner Jugend. Nach dem Flugzeugabsturz in „Lost“ gab es für die Überlebenden auf der Insel den Kapitalismus sowie die bis dahin akzeptierten Autoritäten und Herrschaftsformen nicht mehr. Ähnlich ergeht es den Schüler*innen in der Netflix-Serie The Society. Nachdem sie nachts vorzeitig von einem Busausflug zurückkehren, müssen sie feststellen, dass ihre Kleinstadt verlassen ist. Eltern, Lehrer*innen, Polizei – alle weg. Die Technik funktioniert noch immer, doch der Kontakt zur Außenwelt ist abgeschnitten – unter anderem von Bäumen an den Stellen, an denen zuvor Straßen waren. Den ersten Überlegungen zufolge befinden sich die Jugendlichen wohl in einer anderen Dimension. Um sie herum existiert offenbar nichts außer Wald. Schnell gibt es eine freundliche Anführerin, die Regeln für die grundsätzlichen Bedürfnisse wie Essen und Wohnen formuliert, an die sich zunächst alle halten. Genau wie in der ersten Staffel von „Lost“ spielt das zentrale Mysterium nur eine untergeordnete Rolle. Die sozialen Beziehungen stehen im Mittelpunkt. Besonders gut funktioniert „The Society“, wenn die Charaktere mit jenen Konflikten konfrontiert sind, die sie schon länger beschäftigen; wenn es um sexuelle Identität, toxische Partnerschaften, Außenseiter*innen, Rivalitäten und Schwangerschaft geht. Dabei entstehen einige wunderschön intime Momente, in denen eine bloße Umarmung mal alles und mal gar nichts ändert. Die politische Ebene hingegen enttäuscht. Ständig sind die Charaktere gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die das Leben aller Menschen in der Gesellschaft beeinflussen. Jene, die entscheiden wollen oder sollen oder dürfen, greifen zu teils drastischen Maßnahmen, die häufig nicht plausibel erscheinen, weil sie kaum begründet und durch das bisherige Verhalten der Charaktere kaum zu erklären sind. Während sich in „Lost“ manche Konflikte über mehrere Staffeln zuspitzen und diese von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden, entscheidet sich in „The Society“ vieles innerhalb einer Folge. Zwischen den wichtigsten Akteur*innen gibt es keine tiefgründigen Diskussionen darüber, was richtig oder falsch ist. Dass es innerhalb der Gesellschaft andere Meinungen als die dominierenden gibt, deutet sich nur gelegentlich an. Der Wettstreit um die beste Gesellschaftsform, der doch eigentlich das Herz einer solchen Serie sein sollte, findet zwar statt, aber ohne viele Argumente. So soll man letztlich mit einer kleinen Gruppe sympathisieren, die untereinander liebevoll, aber nach außen autoritär, ja fast diktatorisch agiert, andere gnadenlos bestraft und dem eigenen „Sicherheitspersonal“ sogar Folter und sexuelle Übergriffe gestattet. Das passiert halt, weil Macht korrumpiert, soll wohl die Botschaft lauten. Vielleicht ist das so. Umso schöner wäre es gewesen, zur Abwechslung mal eine Gesellschaft zu sehen, die sich von Herrschaft und Machtmissbrauch befreit – oder es zumindest versucht.

Filmplakat: Netflix