The Midnight Gospel

Worüber spricht man, kurz bevor die Welt untergeht? Zum Glück gibt es auf diese Frage keine eindeutige Antwort, sonst wäre Netflix’ neustes Adult-Cartoon-Experiment ein Kurzfilm und keine Serie geworden. In The Midnight Gospel lässt sich der selbsternannte Spacecaster Clancy, für coolen Content täglich von seinem Multiverse Simulator auf apokalyptische Planeten hochladen, auf denen er jemanden dann solange interviewt, bis diese*r sein apokalyptisches Ende findet. Soweit mitgekommen? Cool!

Die Show ist das gemeinsame Brainchild von Comedian Duncan Trussell („The Duncan Trussell Family Hour“) und Cartoonist Pendleton Ward („Adventure Time“). Trussells spirituell tiefgründige und trotzdem witzige Podcast-Interviews, inspirierten Ward dazu, diese Gespräche mit trippigen, Action-Adventure Cartoons zu kombinieren, um etwas noch witzigeres und schöneres daraus zu machen. Wenn man sich darauf einlässt, kann die Show, wie der Name schon sagt, ein „Gospel“ (eine „gute Nachricht“) am Ende der Welt sein – perfektes Timing also.

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Uncut Gems

Adam Sandler spielt in vielen fürchterlichen Filmen mit. Das macht ihn zwar zu einem Mann, der fragwürdige Entscheidungen trifft, aber nicht zu einem schlechten Schauspieler, für den ich ihn jahrelang hielt. Dass Adam Sandler eigentlich ein toller Schauspieler ist, wussten Regisseure wie Noah Baumbach und Paul Thomas Anderson, die ihn für anspruchsvolle Rollen besetzten, lange vor mir. In Uncut Gems spielt Adam Sandler vielleicht seine beste Rolle: den Juwelier Howard Ratner, auf den viele Leute richtig sauer sind. Natürlich geht es um Schulden. Es ist einer dieser Filme, bei denen es ein boshaftes Vergnügen ist, einer unsympathischen Person dabei zuzuschauen, wie sie im Größenwahn immer schlimmere Entscheidungen trifft. Dass sich die Charaktere permanent anschreien, die Schnitte hektisch sind und das Gesagte wegen der lauten Musik manchmal kaum zu verstehen ist, erzeugt eine Vorstellung davon, wie es in Howard zugehen muss. „Uncut Cems“ ist ein angenehm anstrengender Film mit steiler Eskalationskurve und großem Finale.

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Horse Girl

Horse Girl - NetflixSarah verbringt ihren Geburtstagsabend gemeinsam mit ihrer Lieblingsserie daheim – so wie jeden anderen Abend auch. Mitbewohnerin Nikki sieht das und lädt einen netten Mann ein. Dieser und Sarah sind sofort auf einer Wellenlänge. Es kommt zwar nicht zum Kuss, an dem beide offensichtlich interessiert sind, aber immerhin zu einer Verabredung zu einem (weiteren) Date. Was als schüchterne Lovestory beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Genrehybriden aus Mystery-Thriller, Psycho-Drama und irgendetwas zwischen Fantasy und Science-Fiction. Denn Sarah leidet offenbar unter Paranoia und wähnt sich im Zentrum einer Verschwörung. Was anfangs eher witzig ist – etwa wenn Sarah ihren HNO-Arzt fragt, wie sich feststellen lässt, ob sie ein Klon ist –, kippt zunehmend ins schmerzhaft Tragische. Dass die Sprünge zwischen den Genres in Horse Girl so gut gelingen, liegt vor allem an Alison Brie. Wie sie – teilweise im Sekundentakt – zwischen Wut, Angst, Freude, Trauer, Skepsis und Enttäuschung umschaltet, ist außergewöhnlich gut.

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Isi & Ossi

IsiOssi - NetflixSich über alle Gruppen gleichermaßen lustig machen zu wollen, ist häufig nur eine misslungene Rechtfertigung für rassistische und sexistische Witze. Und dass die deutsche Liebeskomödie Isi & Ossi diskriminierende Sprache massenhaft reproduziert, ist diskussionswürdig. Doch Regisseur und Autor Oliver Kienle („Bad Banks“) macht sich nicht über gesellschaftliche (Rand-)Gruppen lustig, sondern über die sie betreffenden Klischees – zumindest habe ich es so empfunden. Das deutsche Feuilleton verachtet diesen Film; vielleicht auch deshalb, weil Kienle die Klischees nicht ironisch bricht, um damit zu zeigen, dass er selbst natürlich zum Bildungsbürgertum gehört. Hinter all den albernen und derben Zoten versteckt sich ein liebevoller, manchmal sogar romantischer Film. Und die beiden Hauptdarsteller*innen Lisa Vicari und Dennis Mojen sind eine Wucht. Wer sich vorstellen kann, im passenden Kontext über Sätze wie „Kannst du mich bitte richtig asozial küssen?“ und „Der kann Gedanken lesen … der hat Abitur, der Spast“ zu lachen, dürfte viel Freude damit haben.

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All the Bright Places

Bright Places - NetflixNach einer halben Stunde möchte ich ein Loblied auf diesen Film singen, nach 90 Minuten einen Verriss schreiben und als der Abspann läuft, weine ich und bin verwirrt. Was ist passiert? All the Bright Places zeigt zunächst einen realistischen Umgang mit dem Verlust einer geliebten Person: Wenn die Schülerin Violet Gleichgültigkeit für alles und jede*n empfindet und sich ein kurzer Ausbruch aus diesem Elend wie Verrat an der Verstorbenen anfühlt. Ärgerlich ist jedoch, dass Violet nur dank ihres teils übergriffigen Mitschülers Finch (Steine ans Fenster zu werfen, ist nicht cool) aus diesem Tal herausfindet und stets dessen freundlichen „Befehlen“ folgt. Immer weiß er, was für sie angeblich am Besten ist. Das wird der Komplexität des Problems wohl kaum gerecht. Finch und seine drastischen Gefühlsschwankungen wiederum bleiben bis zum Ende ein Rätsel. Was man zunächst Drehbuch und Darsteller anlasten möchte, ist aber wohl das Kernanliegen dieser Romanverfilmung: Es geht um Warnzeichen und Widersprüche; und darum, dass die Sehnsucht nach dem Tod auch bei jungen Menschen viele Gesichter hat.

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Lost Girls

Lost Girls - NetflixDas ist kein Film, der gut unterhält. Das ist kein Film, der Mut macht. Das ist ein Film, der vom Zustand dieser Welt erzählt und damit perfekt in das Gesamtwerk der Dokumentarfilmerin Liz Garbus passt. Lost Girls handelt von einer Mordserie, der zwischen 1996 und 2010 vor allem Sexarbeiterinnen zum Opfer fielen. Polizei und Medien zeigten offenbar wenig Interesse an Aufklärung – für sie waren die Opfer wohl nur ein paar „Huren“, die es nicht besser verdient hatten. Die Frauenverachtung des unbekannten Täters und anderer Personen ist stets Gegenstand dieses Films, in dem die Mutter einer Vermissten gemeinsam mit den anderen Töchtern und weiblichen Hinterbliebenen nach Wahrheit sucht. Dass Garbus zuvor nur Dokumentationen drehte, merkt man diesem Spielfilmdebüt an. Sie verzichtet auf unnötige Zuspitzungen, interessiert sich mehr für Ambivalenz als für Spannung und zeigt Bilder, die kaum inszeniert wirken, weil sich die Charaktere natürlicher zur Kamera verhalten als man das aus ähnlichen Genrefilmen gewohnt ist.

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The Decline

Decline - NetflixIn Deutschland häuften sich zuletzt die Meldungen über – meist rechtsradikale – Einzelpersonen und Gruppen, die Nahrungsmittel, Waffen, Munition und andere nützliche Gegenstände sammeln, um sich auf den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung vorzubereiten oder diesen gar selbst herbeizuführen. Auch das im Survivalthriller The Decline an einem abgelegenen Ort in Kanada stattfindende Trainingslager hat einen solchen Hintergrund. Einige Teilnehmer*innen fürchten sich vor Naturkatastrophen oder einer Pandemie, andere schwadronieren über eine „Invasion“ durch Migrant*innen. Als es beim Waffentraining einen Zwischenfall gibt, ist all das aber egal. Die tödliche Gefahr ist nun real und ernährt sich vom gegenseitigen Misstrauen. Angenehm kurz, kompromisslos hart, schön verschneit und mit dem unschlagbaren Bonus eigentlich nicht beabsichtigter Coronavirus-Anspielungen im Rücken ist das der ideale Film für alle, denen die Realität im Moment noch nicht grausam genug ist.

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