Mute

Mute - NetflixEin bisschen erinnert die Karriere von Duncan Jones an jene von M. Night Shyamalan. Beide schafften es mit ihren ersten (nennenswerten) Spielfilmen zumindest unter Genrefans zu großer Beliebtheit – der eine mit „The Sixth Sense“ und „Unbreakable“, der andere mit „Moon“ und „Source Code“. Doch dann folgte in der Gunst des Publikums der brutale Absturz: bei Shyamalan langsam über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren, bei Jones ganz schnell mit der in nahezu jeder Hinsicht erbärmlichen „Warcraft“-Verfilmung. Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass beide viel zu viel Häme abbekommen. Insbesondere Shyamalans Werke „The Village“ und „After Earth“ waren bei Weitem nicht so schlecht wie allgemein behauptet. Auch „Signs“ und „Lady in the Water“ hatten starke Momente – in jedem Fall stachen sie aus dem üblichen Genre-Einheitsbrei heraus. Ähnlich verhält es sich nun mit Mute, dem neuen und exklusiv auf Netflix veröffentlichten Film von Duncan Jones. Dieser spielt in einem Berlin um das Jahr 2060, in dem der stumme Protagonist Leo (Alexander Skarsgård) seine verschwundene Freundin sucht. Dabei begegnet er immer wieder diversen Klein- und Schwerstkriminellen, die wiederum ihre eigene Agenda verfolgen. „Mute“ ist dreckig, brutal und oft ziemlich kompromisslos; er bedient diverse Klischees und leidet unter einem eher blassen Hauptcharakter. Doch er steckt auch voller Leben, voller irrer Figuren, voller visueller Ideen und voller glaubwürdiger Vorstellungen davon, wie eine europäische Großstadt in 40 Jahren aussehen könnte. Dass „Mute“ so sperrig und ungeschliffen daherkommt, ist mehr Stärke als Schwäche. Gemeinsam mit Leo kämpfen wir uns durch diese bizarre Welt. Es gibt viel zu entdecken.

 

Filmplakat: Netflix

Annihilation

Annihilation - NetflixSelbst mit einigem Abstand ist nicht ganz klar, was von diesem Film zu halten ist. Was zunächst einmal für ihn spricht. Das zweite Regiewerk von Alex Garland („Ex Machina“) entführt in eine Umgebung, die auf dieser Welt liegt, aber irgendwie nicht von dieser Welt ist. Wir stoßen auf seltsame Kreaturen, hadern mit unseren Erinnerungen und zweifeln an unserem Verstand – oder vielmehr an jenem der fünf weiblichen Figuren um die Biologin mit Armeeerfahrung, gespielt von Natalie Portman, die sich in dieses Gebiet, das immer größer wird und in dem fast alle, die es betreten, spurlos verschwinden, hinein wagen. Annihilation ist auf vielen Ebenen bemerkenswert, aber auf ebenso vielen Ebenen problematisch. Auf der Ebene der Bilder findet sich in nahezu jeder Einstellung irgendein Licht, das irritiert. Mal sind es klassische Lens-Flare-Effekte, mal ist es ein künstliches oder das Sonnenlicht, das durch eine Öffnung seinen Weg findet. Auf mich wirkte das zu gewollt und daher ablenkend. Auf der inhaltlichen Ebene bleiben interessante Details in Erinnerung, aber kein stimmiges Ganzes. Ein US-Kritiker formulierte, dass sich „Annihilation“ so anfühle, als sei es ein Kurzfilm auf Spielfilmlänge. Das kommt meinen Eindrücken sehr nahe. Die angeblich so zahlreichen philosophischen Ansätze, die weit über das Filmende hinaus zum Nachdenken anregen sollen, konnte ich nicht finden. Auf mich wirkten sowohl die Charaktere als auch ihre Überlegungen eher oberflächlich. Die Dramaturgie folgt weitgehend ausgetretenen Pfaden; wirkliche Überraschungen sind rar. Entscheidend voran kommt der Film immer nur dann, wenn die Figuren nicht nachvollziehbar handeln oder Dinge geschehen, die nicht erklärbar sind. Was wohl einen Teil des großen Mysteriums darstellen soll; aber damit macht es sich Garland zu einfach. Im Grunde bietet „Annihilation“ eine handvoll Denkanstöße und greift dabei vor allem bekannte Ideen des Genrefilms auf. Vergleicht man das mit einem anderen Netflix-Film, „The Discovery“, bietet allein dessen Prämisse – ein Wissenschaftler entdeckt das Leben nach dem Tod und löst damit eine Flut von Selbstmorden aus – mehr Stoff für Diskussionen als „Annihilation“ insgesamt. Die vielleicht beste Idee kommt zudem schon ziemlich früh zum Vorschein – und wiederholt sich später, selbst im faszinierenden und audiovisuell betörenden Finale, nur noch in diversen Variationen. Aber keine Angst: Wer an „Ex Machina“ nichts auszusetzen hatte, dürfte auch mit „Annihilation“ glücklich werden. Aus meiner Sicht ist es nun aber schon der zweite Garland-Film, der die großen Menschheitsfragen behandeln möchte, dabei aber intellektuell nicht über Schulniveau hinauskommt. Weil er vor allem optisch und musikalisch ungewöhnliche Wege geht, sollte jeder Cineast dennoch einen Blick riskieren.

 

Filmplakat: Netflix

Ghostland

Ghostland - Capelight PicturesVieles in Ghostland erinnert an „Martyrs“, jenen modernen Horrorklassiker, mit dem Pascal Laugier im Jahr 2008 über das Genre hinaus bekannt wurde: zwei junge Protagonistinnen, Elemente des Home-Invasion-Films sowie Wahnsinn und gnadenlose Gewalt. Diesmal sind es die Schwestern Beth (Emilia Jones) und Vera (Taylor Hickson), die gemeinsam mit ihrer Mutter in ein geerbtes Haus ziehen. Bereits in der ersten Nacht kommt es zu einem brutalen Übergriff, der das Leben aller Beteiligten für immer verändert. Zwar scheint zumindest Beth das Trauma überwunden zu haben und als Autorin erfolgreich Karriere zu machen, doch eine Rückkehr zu ihrer schwer geschädigten Schwester und weit verdrängten Erinnerungen bringt ihre Welt ins Wanken. Der sich anschließende Twist – auch davon gab es in „Martyrs“ ja so einige – gehört zu den besten Momenten des Films. Ebenso gelungen ist der Auftakt: Die Charaktere erhalten eine Viertelstunde, um sich vorzustellen, doch selbst in dieser Zeit stapeln sich bereits die Andeutungen auf bevorstehendes Unheil – welches dann mit voller Wucht einschlägt. Laugier inszeniert gewohnt kompromisslos und versetzt die Zuschauer in ein Gefühl des Dabeiseins. Die Schläge, Tritte und Stiche sieht man nicht nur, sondern fühlt sie regelrecht. Dieses Dabeisein äußert sich aber auch in unangenehmer Weise, vor allem bei den unzähligen Jump-Scares. Im gefühlten Minutentakt hämmert es genau dann gegen die Tür, wenn jemand das Ohr daran hält; kommt genau dann jemand aus der Dunkelheit geschossen, wenn alle konzentriert hinein starren. Das ist ärgerlich, besonders weil es Laugier in der Anfangsphase schlicht mit Kamerabewegungen viel besser gelingt, Spannung aufzubauen. Jene Spannung bricht zusammen mit der Dramaturgie im letzten Akt vollends zusammen, weil das Drehbuch dort im Wesentlichen nur noch eine Wiederholung des zuvor Gezeigten vorsieht. Das Gefühl der Ungewissheit und Bedrohung, das den Film auch dank richtig unheimlicher Eindringlinge bis dahin kennzeichnete, weicht dann einem Gefühl der Gleichgültigkeit.

 

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Transit

Transit - Piffl MedienEin Zitat des Holocaust-Überlebenden Primo Levi ist seit geraumer Zeit wieder häufiger zu lesen: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ An dieses Zitat kann man denken, nachdem man Christian Petzolds Transit gesehen hat. Es ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Anna Seghers, der von der Flucht eines Deutschen nach Frankreich erzählt, wo er sich vor den Nationalsozialisten verstecken muss, gegenüber den Behörden die Identität eines verstorbenen Schriftstellers annimmt, aber dessen Frau die Wahrheit über den Tod ihres Mannes verschweigt. Dass „es“ wieder geschehen kann, legt „Transit“ nahe, indem er die originale Geschichte von Verfolgung und Faschismus ins Frankreich der Gegenwart verlegt. Die historischen Tatsachen vermischen sich dadurch mit den aktuellen Schauplätzen. Ob es realistisch ist, dass sich so etwas wie der Nationalsozialismus in ähnlicher Form auf absehbare Zeit wiederholen kann, sei offen gelassen. Dass wesentliche Teile der Bevölkerung – in anderen europäischen Ländern noch mehr als in Deutschland – vermehrt solche Parteien wählen, die zumindest teilweise faschistisch auftreten, ist aber ein Fakt. Es fällt nicht allzu schwer, zwischen den AfD-Machtphantasien vom „Aufräumen“ und „Ausmisten“ sowie den Polizeirazzien in „Transit“ eine gedankliche Brücke zu schlagen. Vielleicht war das aber gar nicht das wesentliche Ziel von Petzold; in Interviews verweist er eher auf Parallelen zu den aktuellen Fluchtbewegungen. So oder so – das Politische gerät im Laufe des Films zunehmend in den Hintergrund; zu Gunsten einer Dreiecksliebesgeschichte, bei der vieles im Unklaren bleibt. Manchmal wirkt „Transit“ sogar wie ein Fantasyfilm, denn plausibel zu erklären sind beispielsweise die unzähligen Zufallsbegegnungen der selben Figuren in einer Großstadt wie Marseille ja kaum. Unklar bleibt vor allem, was Petzold hier eigentlich erzählen wollte; vieles läuft elegant ins Leere oder wiederholt sich allzu oft; und die bedrückenden Momente der Verfolgung, Unsicherheit und Denunziation sind leider rar. Am Ende – so suggeriert es zumindest die finale Einstellung – hat Petzold wohl eine inoffizielle Fortsetzung seiner Gespenster-Trilogie gedreht. Insgesamt ist der Film okay – was in Anbetracht der Relevanz für aktuelle Debatten, die er hätte erlangen können, zu wenig ist.

 

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Black Panther

Black Panther - Walt DisneyEtwas mehr als 50 Jahre nach seinem ersten Auftritt in den Marvel-Comics feiert Black Panther seine Solofilmpremiere. Bereits vor zwei Jahren spielte er im internen Superheldenkampf „Civil War“ eine wichtige Rolle: Nach dem Tod seines Vaters begab sich T‘Challa in eigener Mission auf die Suche nach dem Mörder; am Ende landete Bucky Barnes im künstlichen Tiefschlaf in Wakanda. In jenen fiktiven afrikanischen Staat kehrt der von Chadwick Boseman gespielte T‘Challa nun zurück, um dort die Nachfolge seines Vaters als König anzutreten. Gleichzeitig beschäftigt ihn die Frage, welche Rolle sein Land in der modernen Welt spielen soll. Es ist wohlhabend und verfügt dank reicher Ressourcen über eine extrem fortschrittliche Technologie, präsentiert sich nach außen jedoch als Dritte-Welt-Staat. Unmittelbar nach seiner Krönung bricht T‘Challa gemeinsam mit zwei Kämpferinnen – darunter seine Exfreundin Nakia (Lupita Nyong‘o) – zur Jagd nach dem Waffenschieber Ulysses Klaue (Andy Serkis) auf. Dass die eigentliche Gefahr für ihn, sein Königreich und zahlreiche Menschen in Wakanda selbst lauert, ahnt der Superhelden-Politiker nicht. Wie genau das Unheil seinen Lauf nimmt, soll mit Rücksicht auf die eher unkonventionelle Plot-Entwicklung nicht verraten werden. weiterlesen

 

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Star Wars: Die letzten Jedi

StarWars8Nach anderthalb Stunden war der Verriss eigentlich schon fast fertig. Mit der Macht der Gedanken musste er nur noch auf Papier übertragen werden. Bis zu diesem Zeitpunkt war die achte „Star Wars“-Episode ein schrecklich langweiliger und vorhersehbarer Film. Die Konfrontation zwischen böser First Order und guten Rebellen verlagerte sich immer wieder an uninteressante Nebenschauplätze, die Annäherungsversuche zwischen Rey und Luke Skywalker schleppten sich mühevoll dahin und die inneren Konflikte der Charaktere wurden nur behauptet, aber nicht glaubwürdig erklärt. Was in der siebten Episode mangels anderer Schwächen kaum ins Gewicht fiel, schlägt diesmal besonders negativ zu Buche: eine Story, der es an originellen Ideen und Spannung mangelt. Stattdessen: Klischees, Pathos und ein kaum mehr zu ertragendes Dark-Light-Geschwurbel, das fast wie eine Parodie der alten Filme wirkt. Doch irgendwie konnten Regisseur Rian Johnson und die anderen Beteiligten das Ruder noch rumreißen. In der finalen Stunde präsentieren sie mitreißende Lichtschwertduelle, überraschende Figurenschicksale, sehenswerte Innenausstattungen und ein überwältigendes Finale mit betörenden Farben, epischen Momenten und einem Badass-Auftritt, der allein für die anfänglichen Strapazen entschädigt. Fairerweise muss man aber ergänzen: Die besten Momente funktionieren nur wegen der Vorarbeit der anderen Filme so herausragend.

 

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Europa – Ein Kontinent als Beute

Europa - SalzgeberVielleicht hat es Christoph Schuch ja nur gut gemeint, als er die Entscheidung traf, einen Dokumentarfilm über die vermeintlichen und tatsächlichen Ungerechtigkeiten in Europa zu drehen. Zu erzählen gäbe es da ja einiges: die sich immer weiter öffnende Schere  zwischen „oben“ und „unten“; der sich ausbreitende Nationalismus; die enge Verflechtung von Wirtschaft und teils undemokratisch konstruierter Europäischer Union; die Einschränkungen der Pressefreiheit und die Zunahme von Polizeigewalt als Reaktion auf immer wütender werdende Proteste. All das thematisiert Dokumentarfilmer Schuch in Europa – Ein Kontinent als Beute. Und das ist auch gut so. Dennoch ist der Film nicht zu empfehlen. Zum einen weil er aus künstlerischer Perspektive nicht funktioniert. Die O-Töne und Aufnahmen von Gebäuden und Gewässern wirken beliebig aneinandergereiht. So etwas wie eine Erzählung oder fortlaufenden Erkenntnisgewinn gibt es nicht. Die Positionen von Filmemacher, Interviewpartnern und Aktivisten stehen von Beginn an fest und ändern sich im weiteren Verlauf auch nicht. Wer halbwegs mit der Materie vertraut ist, weiß am Ende genau so viel wie am Anfang. Auch die Aufnahmen der Demonstrationen zeigen nichts Neues. Die Doku besitzt somit wenig Mehrwert. Zum anderen ist der Film inhaltlich problematisch, vor allem gegen Ende, wenn es nicht mehr nur um das marode Gesundheitssystem in Griechenland, die perspektivlose Jugend in Spanien und den tödlichen Kapitalismus im Allgemeinen geht, sondern zudem platter Antiamerikanismus, Verschwörungstheorien und verkürzte Medienkritik ins Spiel kommen. Die USA (oder fremde Mächte) beuten Europa aus, was ihnen dank gesteuerter Medien spielend leicht gelingt – das ist die finale Botschaft. Darauf kann man gerne verzichten.

 

 

Filmplakat: Salzgeber