Her

her-posterWenn Theodore (Joaquin Phoenix) von Berufs wegen jene Grußkarten, Trauerkarten, Glück-wunschkarten und Liebesbriefe für andere Leute verfasst, die selbst keine verfassen wollen oder können, dann macht ihn die erhoffte Freude bei den Beschenkten Freude, doch sie macht ihn nicht glücklich. Nicht nur will er als Autor mehr verfassen als fremde Post – er will auch weniger einsam sein. Theodore möchte jemanden haben, der ihm zuhört, ihm Witze erzählt, über seine Anekdoten nachsinnt, sich zum Mittag mit ihm über vorbeilaufende Passanten unterhält und zu dem er am Abend nach Hause kommen kann. Und so lernt er unverhofft Samantha (Scarlett Johansson) kenne, mit der er sich seltsamerweise anfreundet und zu der sich kurioserweise eine romantische Beziehung aufbaut. Denn dass er sich jemals in das Betriebssystem eines Computers verlieben könnte, eine künstliche Intelligenz, die selbstständig zu lernen zu fühlen beginnt, hätte Theodore nichte gedacht. Her ist eine absolut jetzige Geschichte in der Zukunft, bei der die Technik wie heute ist, nur viel weiter. Wo die Liebe genau so wehtut wie heute, die Grenzen zwischen Körper und Geist jedoch nicht mehr scharf zwischen Fleisch und Metall getrennt sind. “Her” ist warmherzig bebildert und klug geschrieben, doch sind die Sphären, in die er abhebt, nicht verkopft. Es ist eher so, als hätte Scarlett Johansson gerne noch Mal einen Film drehen wollen, der sich anfühlt wie “Lost in Translation”.

 

Filmplakat: Warner Bros.

Captain America 2

FirstAvengerOkay, scheiß auf den “deutschen” Titel. Captain America 2 eröffnet die Blockbuster-Saison mit einem ziemlich beeindruckenden Schlag in die Actionfresse. Was im amerikanischen Kino bislang eigentlich bloß Paul Greengrass in seinen “Bourne”-Filmen geschafft hat, nämlich hektische Kamera und wirklich spürbare Schläge-Tritte-Explosionen miteinander zu vereinen, gelingt nun auch den Brüdern Russo. Schon lange nicht mehr hat das US-Kino solch dynamische, spannende und top choreographierte Action gezeigt. Und als wäre das allein nicht schon geil genug, erzählt Captain America 2 sogar noch eine wendungsreiche Story, die wie die selbstkritische amerikanische Antwort auf die NSA-Datensammelwut wirkt und einen ur-patriotischen Superhelden glaubwürdig ins 21. Jahrhundert katapultiert. Eigentlich ein ganz großer Film. Dem bedauerlicherweise gegen Ende die Luft ausgeht. Das ist schade, sollte aber niemanden, der sich nach mitreißend inszenierten und überaus abwechslungsreichen Actionszenen sehnt, vom Kinogang abhalten.

 

Filmplakat: Walt Disney

Need For Speed

need-for-speed-posterAutorennfilme können richtig Spaß machen. Das hatte ich vor Need For Speed nicht gewusst, oder besser gesagt, zuvor war mir einfach kein tauglicher Vertreter untergekommen. Abgesehen von den manchmal sehr spaßigen, obligatorischen Verfolgungsjagden in den meisten Actionfilmen waren für mich Filme der Marke “Fast & Furious” in Sachen Autorumgedüse immer eine eher dröge Angelegenheit. Doch die diversen verschiedenen Rennsituationen in “Need For Speed” sind irgendwie frisch und werden von Situation zu Situation interessanter, mitreißender. Sowieso wird der Film mit jeder Minute auf seltsame Weise besser. Natürlich ist die Geschichte um den Mecha-niker Schrägstrich Hobbyrennprofi Tobey (Aaron “Pinkman” Paul), seine Freund- und Feindschaf-ten, seine Rache für einen befreundeten Kameraden und das große, millionenschwere und illegalste aller Geheimrennen ziemlich doof. Doch schaffen es die doch zunehmend sympathischen Charakte-re, der ausgefallen abwechslungsreiche, manchmal unanstrengte und dann wieder überbemühte Humor und Kitsch letztlich zu überzeugen. Durch die ausgezeichnete Musik-Geräusch-Abmischung und die mitreißenden Kamerafahrten mutiert somit “Need For Speed” von einem ein bisschen doofen, maximal-lose auf einem Videospiel basierenden Film zu einem sehr unterhaltsamen Spaß-streifen, der nicht zuletzt von einer krass sympathisch aufspielenden Imogen Poots getragen wird, die in den meisten Momenten auch mehr sein darf als ein hilfsbedürftiges Love-Interest. Ergo: Autorenn- und Autofans greifen zu, alle anderen gucken Trailerprobe.

 

Filmplakat: Constantin

Grand Budapest Hotel

GrandBudapestHotelTäuscht der Eindruck oder ist Wes Anderson tatsächlich auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens angelangt? Waren “Die Tiefseetaucher” und “Darjeeling Limited” noch Werke, bei denen die Balance zwischen ernsten und heiteren Momenten nicht immer funktionierte, geht seitdem so richtig die Post ab: Nach “Der Fantastische Mr. Fox” und “Moonrise Kingdom” legt Anderson nun den dritten Hit in Folge vor und gleichzeitig den vielleicht besten Film seiner Karriere. Wieder gelingt ihm eine Komödie, die Lacher auf allen erdenklichen Ebenen erzeugt: vom pointierten Dialogwitz über rasante Slapstickeinlagen und absurd brutale Momente bis hin zu eigentlich banalen Szenen, die durch Kameraführung, Schnitt und Musik ihren Witz erhalten. Der Krimiplot ist spannend und leicht verschachtelt erzählt, die unfassbare Menge an Stars wird sinnvoll integriert, die Kulissen sprühen nur so vor Einfallsreichtum, und außerdem mischen sich natürlich auch wieder traurige, nachdenkliche Elemente in den Film. Anders als in früheren Filmen wirkt diesmal jedoch alles wie aus einem Guss, es gibt keine Hänger. Absolut beeindruckend, wie es Anderson schafft, seinem unverwechselbaren Stil treu zu bleiben, aber dennoch mit jedem neuen Film wieder etwas ganz Einzigartiges zu kreieren.

 

Filmplakat: Fox

Im August in Osage County

im-august-in-osage-county-plakatViele Dramen thematisieren die Spannungen zwischen Liebe und Hass in Familien. Und während sie Geschichten davon erzählen, wie wir jenen Menschen, gegenüber denen wir am verwundbarsten sind und von denen wir die größten Verletzungen erdulden müssen, oft eine Art bedingungslose, nicht vollkommen zerstörbare Zuneigung entgegenbringen, neigen jene Filme nicht selten zum Sen-timentalisieren. Auch wenn die Trailer zu Im August in Osage County vielleicht andeuten mögen, dass auch hier die latente Komik und Zuneigung am Ende über alle Probleme triumphieren werden, so will ich versichern: Dem ist nicht so. Hier kommt eine ganz wahnsinnig gewöhnlich zersplitterte aus einem traurigen Anlass wieder zusammen, reibt sich aus denselben Gründen wie hunderte Male zuvor, und offenbart ihre vielen hässlichen und hier und da verstreuten liebenswür-digen Seiten. Und obwohl die Darsteller ein selten so ergreifendes Ensemble präsentierten und es Meryl Streep und Julia Roberts trotzdem noch gelingt, schauspielerisch alle zu übertreffen, und selbst die unsympathischsten Charakterzüge nachvollziehbar und nachfühlbar gemacht werden, ist in der Welt von “Im August in Osage County” nicht auf film-magische Weise irgendwie alles in Ordnung. Die Traurigkeit über unüberbrückbare Zerwürfnisse und unverzeihbare Verletzun-gen wiegt in jeder Sekunde genauso schwer wie die stets glimmende Schimmer, dass das Leben auch gut, schön und hoffnungsvoll sein kann.

 

Filmplakat: Tobis

Saving Mr. Banks

saving_mr_banks-posterAchtung: Dies ist ein Film über ein Frau – eine Frau, die weder jung ist, noch auf eine niedlich-attraktive Art sympathisch, noch mit einer amourösen oder sonst wie sexuellen Verbindung zu ei-nem Mann konfrontiert ist. Nach allen bestehenden Regeln der Unterhaltungsindustrie dürfte dieser Film nicht erfolgreich sein, wenn es ihm überhaupt vergönnt wäre, produziert worden zu sein. Es ist die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte der Autorin P. L. Travers, die aus dem hei-matlichen England nach Hollywood reißt, um die aus ihrer finanziellen Not bewilligte Adaption ihres Buches “Mary Poppins” zu beraten und genau genommen zu überwachen. Dabei wird sie mit Erinnerungen an ihre Jugend konfrontiert, die sie überhaupt zum Schreiben von “Mary Poppins” veranlassten. Dass Saving Mr. Banks umgesetzt werden konnte, hängt gewiss auch damit zusammen, dass darin Walt Disney und sein Studio höchstselbst die Verfilmung von “Mary Poppins” umzusetzen gedenken, und somit der auf dem Kinoplakat passend symbolische Schatten der mächtigen Mickey Mouse hinter sowohl über dem Marketing des Films als auch über der Rahmenstruktur der Erzählung hängt – und hin und wieder den Eindruck erwecken lässt, es ginge hier um ihn Walt Disney (oder den charmanten Mr. Tom Hanks). Aber Walt Disney ist nur Anstoß und Nebenfigur. Das Herz ist die grummelige Autorin. “Saving Mr. Banks” ist ein Film mit einer bescheidenen Geschichte auf großer Bühne, herausragende Darsteller im kleinen Quasi-Kammerspiel, majestätische Musik zu einer sehr persönlichen Handlung. Emma Thompson hätte eine Oscar-Nominierung verdient gehabt. Aber wichtig ist nur, dass dieser Film entstehen konnte.

 

Filmplakat: Walt Disney

Dallas Buyers Club

dallas_buyers_club_posterMatthew McConaughy ist ein Aufschneider, ein Schönling, der zu feige ist, richtig zu schauspielern. Das habe ich bis vor Kurzem noch insgeheim gedacht, wenn ich an “Der Womanizer” dachte, an “Zum Ausziehen verführt”, “Ein Schatz zum Verlieben” und wie sie alle heißen. Nun bin ich bei Weitem nicht der Einzige, den der Texaner nun doch noch eines Besseren belehrt hat. In Dallas Buyers Club erhält ein Arschloch, dass es nicht besser weiß – wie so viele -, eine einst katastro-phale Diagnose, hat Glück im Unglück und erhält die Chance, das einzig Kluge zu tun. Und dabei tut er etwas Gutes. Er muss nicht gegen AIDS kämpfen, sondern wegen AIDS. Und das verändert ihn. McConaughey und Jared Leto, der den seligen Transvestit Rayon spielt, liefern in “Dallas Buyers Club” die Performance ihres Lebens und die vielleicht stärksten Charakterdarstellungen dieses Jahres ab. Kamera, Kostüme und Sets sind herrlich simpel darauf zurechtkomponiert und fügen alle Elemente des Films auf eine Art zusammen, dass es summt. Sodass es auf eine sehr trau-rige, herzzerreißende Art summt.

 

Filmplakat: Ascot Elite