Ben Is Back

Ben Is BackKurz vor Weihnachten ist Ben zu seiner Familie zurückgekehrt. Was seine Mutter Holly freut, trifft bei Schwester Ivy und Stiefvater Neal auf großes Unverständnis. Eigentlich sollte sich Ben gerade in Therapie befinden, um seine Drogensucht zu überwinden – weit weg von Zuhause, wo ihn zahlreiche Orte und Menschen an den vermeintlichen Genuss erinnern. Doch sein Therapeut sei mit diesem Ausflug einverstanden, erzählt Ben. Während Teile seiner Familie mit der Situation nur schwer warm werden, betrachten andere Bekanntschaften seine Anwesenheit überaus positiv – und schicken ihn auf einen Trip, von dem es diesmal vielleicht keine Rückkehr geben wird. Ben Is Back gehört nicht zu den Filmen, die übermäßigen Drogenkonsum und dessen unmittelbare Auswirkungen auf die Abhängigen in den Mittelpunkt der Handlung stellen. Zu sehen sind vor allem zwei Personen: eine, die sich langsam erholt, aber in Angst vor einem Rückfall lebt, und eine andere, die ebenso kämpft und zweifelt. Lucas Hedges als Ben und Julia Roberts als Holly sind das heftig schlagende Herz dieses Films. Wenn sie miteinander reden, dann stets Klartext. Gleich zu Beginn trichtert Holly ihrem Sohn ein, dass er ihr „gehöre“, wenn er Weihnachten bei seiner Familie verbringen möchte. Später fährt sie mit Ben zum Friedhof und fordert ihn auf, eine Stelle für sein künftiges Grab zu wählen – das sei bald nötig, falls er sein Leben nicht grundsätzlich ändert. Innerhalb weniger Sekunden kann mühsam aufgebautes Vertrauen wieder in Misstrauen umschlagen – ein kleiner Scherz, den beide zunächst sogar als solchen empfinden, reicht manchmal schon aus. Genau wie das Drehbuch rückt auch die Kamera die beiden Darsteller*innen permanent in den Fokus. Mit ihren Bewegungen und Einstellungen zwingt sie förmlich dazu, in die Gesichter der Protagonist*innen zu schauen. Diese Aufmerksamkeit haben Hedges und Roberts verdient.

Filmplakat: Tobis

Inherent Vice

Inherent ViceWer den Leinwanderern von Anfang an folgt, wird sich vielleicht noch an den allerersten Podcast erinnern: Damals habe ich „The Master“ von Paul Thomas Anderson als meinen persönlichen Lieblingsfilm des Jahres 2013 genannt. Entsprechend hoch waren nun die Erwartungen an den Nachfolger, die von dem phantastischen Trailer noch weiter angeheizt wurden. Nun ja. Inherent Vice ist ein typischer Anderson: anstrengend, sperrig, schwer zugänglich, präzise inszeniert, großartig gespielt, freizügig, zeitlos. Worum es eigentlich geht, ist selbst nach zweieinhalb Stunden nicht endgültig geklärt. Im Mittelpunkt der Handlung steht aber der Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello (Joaquin Phoenix), dessen Ex-Freundin Shasta (Katherine Waterston) spurlos verschwindet. Bei der Recherche bekommt es Doc immer wieder mit dem ihm übel gesinnten Polizisten „Bigfoot“ (Josh Brolin) zu tun und verheddert sich immer weiter in einem Netz aus Spionen, Drogenkartellen, Zahnärzten und verführerischen Frauen. Wer in wessen Auftrag handelt oder wer aus welchem Grund irgendwann einmal für irgendjemanden gearbeitet hat, wer die vermeintlich Guten und wer die vermeintlich Bösen sind, das alles war für mich irgendwann nicht mehr wirklich zu durchschauen. Doc ist permanent bekifft – ein Bewusstseinszustand, den Regisseur Anderson wohl auch auf die Zuschauer übertragen wollte. Um das große Ganze geht es diesmal auch gar nicht. „Inherent Vice“, der im Übrigen nicht nur in den 70er Jahren spielt, sondern dank der Auswahl der Musik, der trüben Bilder und des überzeugenden Designs auch so wirkt, als sei er in den 70ern gedreht worden, ist die Summe vieler grandioser Einzelszenen, in denen die genannten Darsteller (und einige andere wie Reese Witherspoon, Owen Wilson und Benicio Del Toro, die nur wenige Minuten Leinwandzeit bekommen) zu Hochform auflaufen. An „The Master“, Andersons Meisterwerk, in dem er von der ersten bis zur letzten Minute stets den richtigen Ton traf, reicht „Inherent Vice“ bei Weitem nicht heran. Sehenswert – sofern man bereit ist, auch mal etwas in einen Film zu „investieren“ – ist er aber allemal. Kleiner Test: Wer sich eine Szene, in der Joaquin Phoenix eine halbe Minute lang nichts anderes macht als Josh Brolin angewidert-fasziniert beim Essen einer Schokobanane zuzuschauen, grundsätzlich als brüllend komisch vorstellen kann, ist bei „Inherent Vice“ bestens aufgehoben.

 

Filmplakat: Warner Bros

Wild

WildManchmal muss man wohl einfach aufbrechen und das bisherige Leben hinter sich lassen. Welche persönlichen Rückschläge Cheryl verkraften musste und in welche Abgründe sie sich selbst gestürzt hat, offenbart das Selbstfindungsdrama Wild von „Dallas Buyers Club“-Regisseur Jean-Marc Vallée im Laufe des Films in Rückblenden. Währenddessen marschiert die wenig wandererprobte Cheryl allein und mit einem – Vorsicht, Symbolbild – riesigen Rucksack bepackt tausende Meilen quer durch die USA. Immer wieder trifft sie dabei auf unterschiedlichste Menschen, mit denen sie schöne und unangenehme Momente teilt. Die Landschaften sind neben der überzeugenden, mit vollem Körpereinsatz agierenden, aber nicht überragenden Hauptdarstellerin Reese Witherspoon und der großartigen Laura Dern als Filmmutter Bobbi der dritte Star von „Wild“. Nicht nur wegen des Titels fühlt man sich ein bisschen an Sean Penns berührendes Meisterwerk „Into the Wild“ erinnert, dessen emotionale Sogkraft dieser Film jedoch nie erreicht. Dafür gibt’s einige zu platte Lebensweisheiten und Metaphern sowie konstruierte Momente wie etwa eine Begegnung mit einem Kind, das der Protagonistin rein zufällig plötzlich genau das erzählt, was ihr Charakter zu diesem Zeitpunkt des Films benötigt. Das Ende wirkt zudem abrupt und nicht so richtig kohärent zum Rest. Schön hingegen ist die feministische Note, die „Wild“ durchzieht. Die beiden Frauen sind willensstarke, bewundernswerte, authentische Charaktere. Und es reift die Erkenntnis: In der freien Natur ist der Mann das schlimmste Tier.

 

Filmplakat: 20th Century Fox