Da 5 Bloods

Spike Lee ist einer der wichtigsten schwarzen Filmemacher*innen der USA. Dass ausgerechnet auf dem Höhepunkt der „Black Lives Matter“-Bewegung sein Vietnamkriegsveteranen-Film Da 5 Bloods erscheint, ist ein schöner Zufall. Noch schöner wäre es allerdings gewesen, wenn dieser Film nicht ganz so misslungen wäre. Denn abgesehen von einer packenden Hochspannungsszene in der Mitte (Stichwort: Seil), die weniger als fünf Minuten dauert, passt hier so gut wie nichts zusammen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Lee verschiedene Genres, Stile, Intentionen und in diesem Fall sogar Bildformate wild vermischt. „Da 5 Bloods“ möchte Action-Komödie, Kriegsdrama, Heist-Movie und politische Anklage zugleich sein. Doch das erdrückende Pathos, teils trashige Dialoge und zunehmend absurd agierende, minutenlang auf die Zuschauer*innen einredende Charaktere würden den Film allenfalls als Satire funktionieren lassen – aber dafür ist er viel zu ernst erzählt. Offenbar hat Spike Lee die Trump-Jahre nicht so gut verkraftet.

Filmplakat: Netflix

Knives Out

Knives OutDer wohlhabende Harlan Thrombey feierte seinen 85. Geburtstag auf ganz besondere Weise. Während der Party in seinem prachtvollen Haus verkündete er einem Familienmitglied nach dem anderen eine unerfreuliche Botschaft. Am nächsten Tag fand man ihn mit durchtrennter Kehle in seinem Zimmer. Privatdetektiv Benoit Blanc – gespielt von Daniel Craig – führt daraufhin die Ermittlungen. Schnell merkt er, dass viele in der Familie ein Mordmotiv besitzen und wenig für einen Suizid spricht. Vielleicht ging es dem oder der möglichen Täter*in um Rache, vielleicht aber auch ganz klassisch ums Erbe. Rian Johnson hat mit Knives Out einen mit viel Humor und cleveren Wendungen gespickten Whodunit-Krimi geschaffen, in dem Darsteller*innen wie Christopher Plummer, Ana de Armas, Chris Evans, Jamie Lee Curtis, Michael Shannon, Toni Collette und Don Johnson ihre schrulligen Charaktere mit großer Freude spielen. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Aufklärung des Todesfalls, sondern auch die Frage: Wem gönnt man eigentlich das Erbe?

Filmplakat: Universum

Die Taschendiebin

Die Taschendiebin - Koch FilmsWieder einmal ist bei Park Chan-wook („Oldboy“) einiges nicht so, wie es auf den ersten Blick scheint. Diese Feststellung bezieht sich sowohl auf die Perspektive des Zuschauers als auch auf jene sämtlicher Protagonisten. Für uns, das Publikum, macht es zunächst den Eindruck, als ob sich die Taschendiebin Sookee (Kim Tae-ri), die dem im Englischen „The Handmaiden“ genannten Film den ansonsten wenig sinnvollen deutschen Titel verleiht, als Dienstmädchen ausgibt, um das Vertrauen des reichen Fräuleins Hideko (Kim Min-hee) zu gewinnen. Dieses soll sich nach dem Eintreffen des Hochstaplers Fujiwara (Ha Jung-woo) verlieben und sich später – nicht ganz freiwillig – von ihrem Vermögen trennen. Selbstverständlich nimmt die Handlung jedoch eine andere Entwicklung als zunächst erwartet. Dabei sind nicht nur die drei Hauptcharaktere zumindest eine Zeitlang über das eigentliche Geschehen nicht ganz im Bilde, sondern auch die Zuschauer benötigen mehrere Perspektivwechsel, um die Lügen und Intrigen zu durchschauen. Park Chan-wook setzt diesmal weniger auf Verstörendes und Schockierendes, so wie etwa in eingangs erwähntem Meisterwerk, sondern mehr auf Raffinesse und Ironie – wenngleich es auch hier teils sehr bizarr zugeht. Die Taschendiebin ist clever erzählt und macht trotz langer Laufzeit von der ersten bis zur letzten Minute Spaß. Etwas ratlos haben mich lediglich die freizügigen, lesbischen Sexszenen zurückgelassen. Wenn ein Mann so etwas inszeniert, weiß man nie so genau, warum er das eigentlich gemacht hat. Was für ihn spricht: „Die Taschendiebin“ ist grundsätzlich ein Film, der von starken Frauen und schwachen Männern erzählt. Hinzu kommt: So lustig wie hier ist Sex selten inszeniert – man denke nur an den aus Vagina-Sicht gefilmten Cunnilingus und die den Akt begleitenden Kommentare.

 

 

Filmplakat: Koch Films

The Nice Guys

NiceGuysBestimmte Perioden in der US-amerikanischen Geschichte eignen sich offenbar ganz besonders gut, um auf launige Weise von amateurhaften Gaunern und Helden zu erzählen. Man denke hier vor allem an die 70er und jüngere Filme wie „American Hustle“ oder „Inherent Vice“. Mit letzterem gemein hat Shane Blacks Krimi-Komödie The Nice Guys vor allem den Privatdetektiv in der Titelrolle, diesmal gespielt von Ryan Gosling und ähnlich vertrottelt wie einst in Gestalt von Joaquin Phoenix. Ihm zur Seite und leicht außerhalb des Gesetzes steht Russell Crowe. Wie so oft in diesem Genre treiben unglückliche Umstände die beiden gegensätzlichen und zunächst feindlich gesinnten Charaktere zueinander. Der Tod eines Pornostars gibt ebenso Rätsel auf wie das Verschwinden der Tochter einer hochrangigen Politikerin. Womit man alles weiß, was es zunächst zu wissen gibt. Der Rest ist eine durchaus wendungsreiche Crimestory, in deren Verlauf immer wieder Figuren auf überraschende und/oder lustige und/oder groteske Weise das Zeitliche segnen. Die wenigen ernsten Momente des Films fügen sich hervorragend ein, da die Charaktere trotz aller Überzeichnung glaubwürdig angelegt sind und untereinander hervorragend harmonieren. Dies gilt auch für Goslings junge Filmtochter, die sich maßgeblich an den Ermittlungen beteiligt. Stimmungsvolles Setting, eine ordentliche Portion Selbstironie und unverwechselbare Charaktere – „The Nice Guys“ erweist sich damit als würdiger Nachfolger von „American Hustle“ und „Inherent Vice“. Man darf gespannt sein, ob sich die Reihe auch im kommenden Jahr fortsetzen wird.

 

 

Filmplakat: Concorde

Everybody Wants Some

Everybody Wants SomeDer junge Mann packt seine Koffer, steigt ins Auto und lässt alles andere, was ihm bislang wichtig war, zurück. So geschehen am Ende von Richard Linklaters Coming-of-Age-Epos „Boyhood“. Sein neuer Film, die College-Komödie Everybody Wants Some, setzt genau an diesem Punkt im Leben eines Heranwachsenden an. Diesmal dreht sich alles um den Baseballspieler Jake (Blake Renner), der drei Tage vor Beginn der Vorlesungen in einer für ihn neuen Stadt ein von mehreren Teamkollegen bewohntes Haus bezieht. Er scheint schüchtern und erweckt deshalb das Interesse der Performance-Künstlerin Beverly (Zoey Deutch). Nebenbei genießen Jake und seine neuen Freunde ein Leben ohne Aufsicht und Grenzen, das vor allem drei Werte kennt: Party, Frauen und Alkohol. Mag „Everybody Wants Some“ zwar inhaltlich dort anknüpfen, wo „Boyhood“ endete, erinnert alles andere doch eher an Linklaters „Dazed and Confused“ aus dem Jahre 1993. Im Mittelpunkt stehen junge Menschen an der Schwelle zum Erwachsenenalter, die Stimmung ist eher gelöst als melancholisch und statt eine – über Jahre gestreckte –  Geschichte zu erzählen geht es Linklater nun wieder darum, anhand eines Zeitraums von wenigen Tagen spürbar zu machen, wie sich seine Protagonisten in einer bestimmten Phase ihres Lebens fühlen. Dass ein Arthouse-Publikum diese häufig ziemlich plump handelnden jungen Männer zunächst womöglich eher unsympathisch finden wird, nimmt Linklater dabei in Kauf. Die Kunststudentin Beverly und ein mit Jake befreundeter Anarcho-Punk – zwei Personen, denen ich mich deutlich näher fühle als den Macho-Baseballern – dringen später in diese Kreise ein. Finnegan (Glen Powell), einer der Baseballspieler, denkt nicht lange über die Unterschiede und Vorurteile nach, sucht den Kontakt und hat Spaß dabei. Vielleicht ist „Everybody Wants Some“ auch ein Plädoyer dafür, über das Denken und Verbleiben in den eigenen Milieus hinwegzukommen. Die authentischen und am Ende zum großen Teil liebgewonnenen Charaktere sind bei diesem Versuch eine wichtige Hilfe.

 

 

Filmplakat: Constantin

Sture Böcke

StureBoecke_ArsenalIm weitgehend einsamen und überschaubar aufregenden Leben von Gummi (Sigurður Sigurjónsson) und Kiddi (Theodór Júlíusson) haben Schafe seit jeher die komplette Kontrolle. Sie sind Ersatz für Freunde und Familie, werden verehrt wie Götter und dienen als ökonomische Grundlage des bäuerlichen Daseins. Schaut man sich die Pullover der beiden getrennt voneinander lebenden Brüder an, könnte man fast meinen, sie tragen die Schafe auch täglich am eigenen Körper. Schon seit Jahrzehnten reden Gummi und Kiddi nicht mehr miteinander, obwohl sie Haus an Haus wohnen. Hat der eine dem anderen etwas Wichtiges mitzuteilen, schickt er seinen Hund mit einem Zettel im Maul hinüber. Das Verhältnis der Beiden verschlechtert sich weiter, als die Schafe des Dorfes mit einer tödlichen Krankheit befallen werden und das Veterinäramt deren Schlachtung anordnet. Die Existenz der Bauern droht zu zerfallen. Doch womöglich liegt ausgerechnet in dieser Krise auch eine Chance. Mit viel Sympathie, Einfühlungsvermögen und Geduld erzählt der isländische Autor-Regisseur Grímur Hákonarson in Sture Böcke von einem Leben, das uns globalisierten Großstädtern so fern ist. Die ruhige, unaufgeregte und meist statische Kamera fängt Gesichter und Blicke ebenso zielsicher ein wie karge, graue und unendlich weite Landschaften. Das mit einigem absurden und bösen Humor gespickte Drama entfaltet gegen Ende eine zuvor kaum für möglich gehaltene Intensität, die dem Tonfall der vorangegangenen 75 Minuten jedoch nicht entgegen steht. Erst mit der allerletzten Einstellung kann sich das Publikum sicher sein, wessen Geschichte hier eigentlich erzählt wird und um wen es sich bei den im Filmtitel genannten Figuren wirklich handelt.

 

 

Filmplakat: Arsenal