Die Taschendiebin

Die Taschendiebin - Koch FilmsWieder einmal ist bei Park Chan-wook („Oldboy“) einiges nicht so, wie es auf den ersten Blick scheint. Diese Feststellung bezieht sich sowohl auf die Perspektive des Zuschauers als auch auf jene sämtlicher Protagonisten. Für uns, das Publikum, macht es zunächst den Eindruck, als ob sich die Taschendiebin Sookee (Kim Tae-ri), die dem im Englischen „The Handmaiden“ genannten Film den ansonsten wenig sinnvollen deutschen Titel verleiht, als Dienstmädchen ausgibt, um das Vertrauen des reichen Fräuleins Hideko (Kim Min-hee) zu gewinnen. Dieses soll sich nach dem Eintreffen des Hochstaplers Fujiwara (Ha Jung-woo) verlieben und sich später – nicht ganz freiwillig – von ihrem Vermögen trennen. Selbstverständlich nimmt die Handlung jedoch eine andere Entwicklung als zunächst erwartet. Dabei sind nicht nur die drei Hauptcharaktere zumindest eine Zeitlang über das eigentliche Geschehen nicht ganz im Bilde, sondern auch die Zuschauer benötigen mehrere Perspektivwechsel, um die Lügen und Intrigen zu durchschauen. Park Chan-wook setzt diesmal weniger auf Verstörendes und Schockierendes, so wie etwa in eingangs erwähntem Meisterwerk, sondern mehr auf Raffinesse und Ironie – wenngleich es auch hier teils sehr bizarr zugeht. Die Taschendiebin ist clever erzählt und macht trotz langer Laufzeit von der ersten bis zur letzten Minute Spaß. Etwas ratlos haben mich lediglich die freizügigen, lesbischen Sexszenen zurückgelassen. Wenn ein Mann so etwas inszeniert, weiß man nie so genau, warum er das eigentlich gemacht hat. Was für ihn spricht: „Die Taschendiebin“ ist grundsätzlich ein Film, der von starken Frauen und schwachen Männern erzählt. Hinzu kommt: So lustig wie hier ist Sex selten inszeniert – man denke nur an den aus Vagina-Sicht gefilmten Cunnilingus und die den Akt begleitenden Kommentare.

 

 

Filmplakat: Koch Films

The Nice Guys

NiceGuysBestimmte Perioden in der US-amerikanischen Geschichte eignen sich offenbar ganz besonders gut, um auf launige Weise von amateurhaften Gaunern und Helden zu erzählen. Man denke hier vor allem an die 70er und jüngere Filme wie „American Hustle“ oder „Inherent Vice“. Mit letzterem gemein hat Shane Blacks Krimi-Komödie The Nice Guys vor allem den Privatdetektiv in der Titelrolle, diesmal gespielt von Ryan Gosling und ähnlich vertrottelt wie einst in Gestalt von Joaquin Phoenix. Ihm zur Seite und leicht außerhalb des Gesetzes steht Russell Crowe. Wie so oft in diesem Genre treiben unglückliche Umstände die beiden gegensätzlichen und zunächst feindlich gesinnten Charaktere zueinander. Der Tod eines Pornostars gibt ebenso Rätsel auf wie das Verschwinden der Tochter einer hochrangigen Politikerin. Womit man alles weiß, was es zunächst zu wissen gibt. Der Rest ist eine durchaus wendungsreiche Crimestory, in deren Verlauf immer wieder Figuren auf überraschende und/oder lustige und/oder groteske Weise das Zeitliche segnen. Die wenigen ernsten Momente des Films fügen sich hervorragend ein, da die Charaktere trotz aller Überzeichnung glaubwürdig angelegt sind und untereinander hervorragend harmonieren. Dies gilt auch für Goslings junge Filmtochter, die sich maßgeblich an den Ermittlungen beteiligt. Stimmungsvolles Setting, eine ordentliche Portion Selbstironie und unverwechselbare Charaktere – „The Nice Guys“ erweist sich damit als würdiger Nachfolger von „American Hustle“ und „Inherent Vice“. Man darf gespannt sein, ob sich die Reihe auch im kommenden Jahr fortsetzen wird.

 

 

Filmplakat: Concorde

Everybody Wants Some

Everybody Wants SomeDer junge Mann packt seine Koffer, steigt ins Auto und lässt alles andere, was ihm bislang wichtig war, zurück. So geschehen am Ende von Richard Linklaters Coming-of-Age-Epos „Boyhood“. Sein neuer Film, die College-Komödie Everybody Wants Some, setzt genau an diesem Punkt im Leben eines Heranwachsenden an. Diesmal dreht sich alles um den Baseballspieler Jake (Blake Renner), der drei Tage vor Beginn der Vorlesungen in einer für ihn neuen Stadt ein von mehreren Teamkollegen bewohntes Haus bezieht. Er scheint schüchtern und erweckt deshalb das Interesse der Performance-Künstlerin Beverly (Zoey Deutch). Nebenbei genießen Jake und seine neuen Freunde ein Leben ohne Aufsicht und Grenzen, das vor allem drei Werte kennt: Party, Frauen und Alkohol. Mag „Everybody Wants Some“ zwar inhaltlich dort anknüpfen, wo „Boyhood“ endete, erinnert alles andere doch eher an Linklaters „Dazed and Confused“ aus dem Jahre 1993. Im Mittelpunkt stehen junge Menschen an der Schwelle zum Erwachsenenalter, die Stimmung ist eher gelöst als melancholisch und statt eine – über Jahre gestreckte –  Geschichte zu erzählen geht es Linklater nun wieder darum, anhand eines Zeitraums von wenigen Tagen spürbar zu machen, wie sich seine Protagonisten in einer bestimmten Phase ihres Lebens fühlen. Dass ein Arthouse-Publikum diese häufig ziemlich plump handelnden jungen Männer zunächst womöglich eher unsympathisch finden wird, nimmt Linklater dabei in Kauf. Die Kunststudentin Beverly und ein mit Jake befreundeter Anarcho-Punk – zwei Personen, denen ich mich deutlich näher fühle als den Macho-Baseballern – dringen später in diese Kreise ein. Finnegan (Glen Powell), einer der Baseballspieler, denkt nicht lange über die Unterschiede und Vorurteile nach, sucht den Kontakt und hat Spaß dabei. Vielleicht ist „Everybody Wants Some“ auch ein Plädoyer dafür, über das Denken und Verbleiben in den eigenen Milieus hinwegzukommen. Die authentischen und am Ende zum großen Teil liebgewonnenen Charaktere sind bei diesem Versuch eine wichtige Hilfe.

 

 

Filmplakat: Constantin

Sture Böcke

StureBoecke_ArsenalIm weitgehend einsamen und überschaubar aufregenden Leben von Gummi (Sigurður Sigurjónsson) und Kiddi (Theodór Júlíusson) haben Schafe seit jeher die komplette Kontrolle. Sie sind Ersatz für Freunde und Familie, werden verehrt wie Götter und dienen als ökonomische Grundlage des bäuerlichen Daseins. Schaut man sich die Pullover der beiden getrennt voneinander lebenden Brüder an, könnte man fast meinen, sie tragen die Schafe auch täglich am eigenen Körper. Schon seit Jahrzehnten reden Gummi und Kiddi nicht mehr miteinander, obwohl sie Haus an Haus wohnen. Hat der eine dem anderen etwas Wichtiges mitzuteilen, schickt er seinen Hund mit einem Zettel im Maul hinüber. Das Verhältnis der Beiden verschlechtert sich weiter, als die Schafe des Dorfes mit einer tödlichen Krankheit befallen werden und das Veterinäramt deren Schlachtung anordnet. Die Existenz der Bauern droht zu zerfallen. Doch womöglich liegt ausgerechnet in dieser Krise auch eine Chance. Mit viel Sympathie, Einfühlungsvermögen und Geduld erzählt der isländische Autor-Regisseur Grímur Hákonarson in Sture Böcke von einem Leben, das uns globalisierten Großstädtern so fern ist. Die ruhige, unaufgeregte und meist statische Kamera fängt Gesichter und Blicke ebenso zielsicher ein wie karge, graue und unendlich weite Landschaften. Das mit einigem absurden und bösen Humor gespickte Drama entfaltet gegen Ende eine zuvor kaum für möglich gehaltene Intensität, die dem Tonfall der vorangegangenen 75 Minuten jedoch nicht entgegen steht. Erst mit der allerletzten Einstellung kann sich das Publikum sicher sein, wessen Geschichte hier eigentlich erzählt wird und um wen es sich bei den im Filmtitel genannten Figuren wirklich handelt.

 

 

Filmplakat: Arsenal

Knock Knock

Knock KnockWer kennt das nicht: Mann ist allein daheim, weil Frau und Kinder das Wochenende woanders verbringen. Plötzlich klingelt es und zwei regendurchnässte, verirrte junge Frauen stehen vor der Tür. Weil Mann ein Gentleman ist, bietet er den Damen an, im Haus auf das gerufene Taxi zu warten. Die Dinge nehmen ihren Lauf und nach einer sportlichen Nacht verwandeln sich die beiden Frauen in wahre Furien, die einem erst den Verstand und später womöglich das Leben rauben. So zumindest trägt es sich in Eli Roths neuestem Horrorfilm Knock Knock zu, der sich vielmehr jedoch als rabenschwarze und streckenweise bitterböse Komödie versteht. Familydaddy Keanu Reeves erwischt nach „John Wick“ zu Jahresbeginn nun die zweite Traumrolle binnen kürzester Zeit und hat sichtlich Spaß, zunächst den ausdauernden Avancen der Frauen auszuweichen und später überhaupt nicht mehr nachvollziehen zu können, was eigentlich vor sich geht. So richtig schlau wird man aus den Beiden tatsächlich nicht. Die Fragen, was genau sie motiviert, ob sie das alles wirklich ernst meinen und wie weit sie ihre perversen Spiele treiben wollen, hält die Spannung wiederum bis zum Schluss am Köcheln. Das ist wahrlich nicht ansatzweise originell, macht aber – direkt proportional zum Leiden des männlichen Protagonisten – jede Menge Spaß.

 

Filmplakat: Universum Film

Top Five

TopFiveIch bin mir noch nicht ganz sicher, ob es das große Glück oder das große Pech von Chris Rock ist, etwa zeitgleich mit „Birdman“ in die Kinosäle eingezogen zu sein. Die von ihm inszenierte und geschriebene sowie mit ihm in der Hauptrolle besetzte Komödie Top Five ist natürlich kein zweiter „Birdman“, vor allem nicht in qualitativer Hinsicht. Aber gewisse Vergleiche drängen sich auf. In beiden Filmen geht es um Schauspieler in der Sinnkrise, die sich auf ungewohntes Terrain begeben (in diesem Fall möchte ein Komödiendarsteller auch mal was Ernstes ausprobieren), um Verweise auf die Medien- und Showbizszene und beide wirken sehr verdichtet – „Birdman“ räumlich (Theater) und zeitlich (die One-Take-Suggestion), „Top Five“ zumindest letzteres. Der Einstieg ist ein rasanter Dialog zwischen Chris Rocks Charakter Andre Allen und Chelsea Brown, gespielt von Rosario Dawson, die ihn, wie wir später erfahren werden, für die New York Times interviewt. Es geht um zukünftige Präsidenten und welche „Behinderungen“ diese haben dürften, um für den gemeinen US-Amerikaner noch wählbar zu sein. Ähnlich temporeich geht es weiter, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich Chris Rock irgendwie verheddert und nicht mehr so recht weiß, ob er hier ein selbstreferenzielles Künstlerporträt oder eine handelsübliche Schnulze abliefern soll. Zudem zünden die Gags an den entscheidenden Stellen manchmal überhaupt nicht – etwa in der Szene, in der Andre Allen seine vermeintliche und bejubelte Rückkehr zu alter Comedyform feiert, aber eigentlich nichts anderes erzählt als „Blowjob, Blowjob, Blowjob“. Und sind wir mal ehrlich: Das sind ziemliche Wohlstandsprobleme, denen man hier beiwohnen darf. In die Charaktere von „Birdman“, der auch formell in jeder Hinsicht besser war, konnte man da deutlich mehr investieren. Trotzdem: Im Großen und Ganzen macht „Top Five“ schon Spaß, ist aber nicht der Hit, den viele Kritiken in den USA haben erhoffen lassen.

 

Filmplakat: Paramount