Babylon Berlin (Staffel 1+2)

Babylon BerlinNein, Babylon Berlin ist nicht das deutsche „Game of Thrones“, wozu es gelegentlich erklärt wird. Ganz offensichtlich nicht, da keine Fantasywelt mit fliegenden Drachen und wandelnden Toten zu sehen ist, sondern die Weimarer Republik mit korrupten Cops und bösen Gangstern. Das ist aber nicht der entscheidende Punkt. „Babylon Berlin“ ist schlicht besser, viel besser als „Game of Thrones“. Der bislang 16 Episoden umfassende Krimi, welcher auf dem Roman „Der nasse Fisch“ basiert, ist dank einer Vielzahl an Charakteren und Ereignissen komplex, aber stets im nötigen Tempo erzählt. Es entsteht nie das Gefühl, in den zurückliegenden Folgen über bestimmte Figuren oder Nebenplots zu wenig erfahren zu haben. Was sicherlich vor allem daran liegt, dass man gar nicht über das, was gerade nicht erzählt wird, nachdenkt, weil das, was erzählt wird, so packend, berührend und authentisch ist. Kein Charakter oder Handlungsstrang hat mich gelangweilt. Im Gegenteil: An jeder Straßenecke wartet das Unerwartete und Überraschende. Falls eine Wendung doch mal vorhersehbar ist – so wie am Ende der 15. Episode – dann stellt sich gleichzeitig heraus, dass ein damit verknüpfter Twist der eigentlich relevante ist. Häufig geht „Babylon Berlin“ sowieso den anderen Weg: Die vermuteten Storyelemente sind einfach nicht vorhanden; dort nicht der Verrat, hier nicht die Läuterung und da nicht die Romanze, mit denen man rechnet, weil vieles darauf hindeutet, nicht zuletzt die Genretradition – stattdessen immer wieder Kurswechsel, Rückschläge und das böse Erwachen. Zu Beginn der finalen Folge zwingt mich „Babylon Berlin“ sogar zu einem Verlangen, das mich innerlich fast zerreißt: Weil das, was ich mir in diesem Moment für die Dramaturgie der Serie erhoffe, im Gegensatz zu dem steht, was ich den Charakteren wünsche – die man trotz diverser Lügen, Intrigen und Gemeinheiten irgendwann halt doch ins Herz schließt. Sie kämpfen schließlich nicht nur im Großen gegen das organisierte Verbrechen, sondern auch im Kleinen und meistens ganz allein gegen schwere Krankheiten, ärmliche Verhältnisse und die Dominanz der Männer. Neben ausnahmslos herausragenden Schauspieler*innen, grandioser Ausstattung, meisterhaft konstruierten Spannungsmomenten und atmosphärischer Musik enthält „Babylon Berlin“ noch eine politische Komponente von höchster Relevanz: mit einer Polizei im Zentrum des Geschehens, die den Feind auf der linken Seite mit allen Mitteln bekämpft, während sich innerhalb und außerhalb der Behörde längst rechtsradikale Terrornetzwerke gebildet haben und der Zug Richtung Faschismus nahezu unbemerkt und ohne nennenswerten Widerstand an Fahrt gewinnt. Offenbar war der 2008 veröffentlichte Roman, der 1929 spielt, seiner Zeit voraus. Ob er besser oder schlecht als die Verfilmung ist, weiß ich nicht. „Babylon Berlin“ jedenfalls besitzt nahezu keine Schwächen, bleibt über 16 abwechslungsreiche Episoden hinweg durchgängig auf höchstem Niveau und ist daher nichts anderes als ein Meisterwerk.

Plakat: X-Verleih

Suburra

Suburra - Koch MediaDie Apokalypse steht am Anfang. Zumindest ihre Ankündigung. In sieben Tagen soll es so weit sein, erklärt uns eine Texttafel zu Beginn des italienischen Neo-Noir-Thrillers Suburra, dessen Handlung am 5. November 2011 beginnt und exakt eine Woche später endet. Es ist eine Zeit, in der das Land dank Eurokrise unter einer schweren Rezession leidet. Am 12. November wird ein politisches Erdbeben – mal wieder – Rom erschüttern. In Kirchenkreisen machen zudem erste Gerüchte über einen bevorstehenden Amtsverzicht des Papstes die Runde. Vor diesem Hintergrund agieren in „Suburra“ rücksichtslose Gangster, gierige Bauunternehmer und korrupte Politiker – business as usual also. Es dauert nicht lange, bis die ersten Figuren dauerhaft von der Bildfläche verschwinden. Haben die (Un-)Fälle zunächst nichts miteinander zu tun, so verweben sich die Schicksale der beteiligten Personen bald auf verhängnisvolle Weise miteinander. Rache, Angst und Größenwahn werden zu den beherrschenden Motiven der Handelnden. Daran, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen kann, lässt Regisseur Stefano Sollima („A.C.A.B.“, „Gomorrha – Die Serie“) keine Zweifel. Zu gegensätzlich sind die Interessen der freiwillig und unfreiwillig Involvierten. Wie Sollima die komplexe und komplizierte Gemengelage überschaubar hält, ist beeindruckend. Jede Entscheidung wirkt plausibel, jede Eskalation scheint unvermeidlich. In „Suburra“ passt alles: das Setting, die Darsteller, packende Schießereien, die stetes Unheil verkündenden Bilder – und die Musik! Der hypnotisierende Elektropop von M83 verleiht diesem Mafia-Krimi etwas Modernes und erinnert gleichzeitig an die 70er; eine Zeit, in der das Genre Klassiker wie „Der Pate“ hervorbrachte. Mit „Suburra“ hat der Noir-Film nun einen herausragenden Vertreter hinzubekommen.

 

 

Filmplakat: Koch Media

The Nice Guys

NiceGuysBestimmte Perioden in der US-amerikanischen Geschichte eignen sich offenbar ganz besonders gut, um auf launige Weise von amateurhaften Gaunern und Helden zu erzählen. Man denke hier vor allem an die 70er und jüngere Filme wie „American Hustle“ oder „Inherent Vice“. Mit letzterem gemein hat Shane Blacks Krimi-Komödie The Nice Guys vor allem den Privatdetektiv in der Titelrolle, diesmal gespielt von Ryan Gosling und ähnlich vertrottelt wie einst in Gestalt von Joaquin Phoenix. Ihm zur Seite und leicht außerhalb des Gesetzes steht Russell Crowe. Wie so oft in diesem Genre treiben unglückliche Umstände die beiden gegensätzlichen und zunächst feindlich gesinnten Charaktere zueinander. Der Tod eines Pornostars gibt ebenso Rätsel auf wie das Verschwinden der Tochter einer hochrangigen Politikerin. Womit man alles weiß, was es zunächst zu wissen gibt. Der Rest ist eine durchaus wendungsreiche Crimestory, in deren Verlauf immer wieder Figuren auf überraschende und/oder lustige und/oder groteske Weise das Zeitliche segnen. Die wenigen ernsten Momente des Films fügen sich hervorragend ein, da die Charaktere trotz aller Überzeichnung glaubwürdig angelegt sind und untereinander hervorragend harmonieren. Dies gilt auch für Goslings junge Filmtochter, die sich maßgeblich an den Ermittlungen beteiligt. Stimmungsvolles Setting, eine ordentliche Portion Selbstironie und unverwechselbare Charaktere – „The Nice Guys“ erweist sich damit als würdiger Nachfolger von „American Hustle“ und „Inherent Vice“. Man darf gespannt sein, ob sich die Reihe auch im kommenden Jahr fortsetzen wird.

 

 

Filmplakat: Concorde