You Were Never Really Here

You Were Never Really Here - ConstantinWenn Joe (Joaquin Phoenix) den Hammer auspackt, wird‘s ungemütlich. Dann sinken Menschen reihenweise zu Boden. Warum Joe andere Personen malträtiert, bleibt erst einmal unklar. Klar ist jedoch, dass ihn sein aktueller Auftrag in ein Kinderbordell führt. Dort soll er die 13-jährige Tochter eines ambitionierten Politikers befreien – für Joe eigentlich eine Standardaufgabe. Doch daraus entwickelt sich schnell ein tödliches Komplott, das selbst ihn überfordert. Es ist mit Sicherheit nicht die Rahmenhandlung, die You Were Never Really Here (hierzulande mit anderem englischen Titel) deutlich über den Durchschnitt des Genres hebt. Denn abgesehen vom erstaunlich unspektakulären, aber inhaltlich aussagekräftigen Finale präsentiert Lynne Ramsay bekannte Kost. Viel interessanter ist das, was sie über ihren von Joaquin Phoenix mit unfassbarer Präsenz gespielten Hauptcharakter erzählt oder eben nicht erzählt. Da deuten sich in schmerzhaften Rückblenden diverse Traumata an, die der Zuschauer selbst zusammenfügen muss. Ob Joe auf bestimmte Situationen sensibel, wütend oder ängstlich reagiert, ist nicht vorherzusehen – die Reaktion fühlt sich aber immer passend an. Neben der starken Schauspielleistung bleibt vor allem die Musik des Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood im Gedächtnis. Diese erinnert in manchen Momenten in angenehmer Weise an ähnlich atmosphärische Werke wie „Drive“ oder „Mulholland Drive“, unterstreicht aber vor allem den labilen Zustand von Joe. Immer wieder springt die Musik förmlich aus der Spur, verheddert sich oder kommt einfach zum Stillstand. Diese außergewöhnlichen Elemente zu einem elektrisierenden, besonderen Film zusammenzufügen, ist die bemerkenswerte Leistung von Lynne Ramsay.

 

Filmplakat: Constantin

Jane Got a Gun

Jane Got a Gun_UniversumEigentlich sollte Jane Got a Gun für Regisseurin Lynne Ramsay der nächste Film nach „We Need to Talk About Kevin“ werden. Doch wegen Meinungsverschiedenheiten mit den Produzenten blieb der Regiestuhl am ersten Drehtag einfach leer. Nur einen Tag später nahm Gavin O’Connor, der zuvor das intensive Boxdrama „Warrior“ inszeniert hatte, darauf Platz. Auch zahlreiche Schauspieler verließen – teilweise aus Solidarität mit Ramsay – das Projekt oder wechselten munter die Rollen. Doch was zwischenzeitlich auf dem besten Weg schien, zum Desaster zu geraten, wurde letztlich ein bemerkenswerter Film, dem man die Turbulenzen während der Produktion nicht anmerkt. In ihrer ersten anspruchsvollen Rolle seit dem Oscar-Lieferanten „Black Swan“ überzeugt Natalie Portman als verzweifelte Western-Heldin Jane Hammond, deren Mann Bill (Noah Emmerich) nach einer Schießerei mit den berüchtigten Bishop Boys schwerverletzt daheim im Bett liegt. Weil die Outlaw-Gang unter ihrem Anführer Colin McCann (kaum wiederzuerkennen: Ewan McGregor) ihr Werk zu Ende bringen möchte, sucht Jane Hilfe bei einer Person, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat: ihrem Ex-Mann Dan Frost (Joel Edgerton). Doch bevor es zum spektakulären Showdown kommt, reißen alte seelische Wunden wieder auf. Die zu diesem Zweck teils hastig eingestreuten Rückblenden wirken anfangs etwas beliebig, ergeben am Ende jedoch ein stimmiges und grausames Gesamtbild. Blei, Blut, schöne Landschaften, markige Worte, opulente Bilder und große Gefühle – dieses Western-Drama hat alles, was man sich als Genre-Fan davon erhoffen durfte. Plus: ein Jahr nach „The Homesman“ die nächste starke weibliche Hauptrolle in einem solchen Film.

 

Trailer spoilert massiv, deshalb keine Verlinkung

 

Filmplakat: Universum