Insurgent

InsurgentDie hochbegabte Tris (Eigenschaften: altruistisch, mutig, gebildet, freundlich, ehrlich) befindet sich nach den Geschehnissen von „Divergent“ nun auf der Flucht. Einige Leute in der dystopischen Zukunft von Chicago halten offenbar nichts davon, dass manche Menschen mehr als eine Sache richtig gut beherrschen. Gemeinsam mit denen, die angeblich gar nichts können, aber viele Waffen besitzen, plant Tris den Widerstand gegen das System, dessen Teil sie im ersten Film noch war und das sie mit ihrem Leben beschützen wollte. Eine klassische Geschichte also, bekannt etwa aus „Equilibrium“ und anderen düsteren Zukunftsphantasien, in denen die Freiheitsrechte mit Verweis auf ein angeblich höheres Gut unterdrückt werden. Und ein interessanter Stoff, den man unter philosophischen, kulturellen und politischen Gesichtspunkten mal so richtig schön auseinandernehmen könnte. Doch dafür interessiert sich dieses auf die Young-Adult-Zielgruppe zugeschnittene Spektakel freilich nicht im Geringsten. Pflichtbewusst wird irgendwann mal kurz angemerkt, dass der Preis, der für ein friedliches Zusammenleben gezahlt wird, viel zu hoch ist. Doch die eigentlichen Fragen, etwa die nach Entstehung und Sinn des Kastensystems mit den eingangs erwähnten Eigenschaften, bleiben bis zum Ende des Films weiter unbeantwortet. Die Antwort, die es dann gibt, ist ähnlich befriedigend und originell wie es ein „Alles nur ein Traum“ gewesen wäre. Veronica Roth, die damals 20-jährige Autorin der Romanvorlagen, hat sich ein Zukunftsszenario mit interessanten Prämissen überlegt, ohne sich jedoch weitere Gedanken darüber zu machen, wie man es sinnvoll erklären kann. Dafür sollte man einer so jungen Frau nicht böse sein. Kaufen oder gar verfilmen muss man das dann aber wirklich nicht. Im Kern ist Insurgent dann halt doch eine übliche Verschwörungsstory mit unglaubwürdigen Wendungen und Figuren, die sich oberflächlich feministisch gibt, aber eigentlich das genaue Gegenteil davon ist: Mehr noch als im ersten Teil ist die von Shailene Woodley solide gespielte Tris zur Passivität verdammt und von den Handlungen beziehungsweise der Hilfe ihrer männlichen Begleiter abhängig. Immerhin ist „Insurgent“ etwas besser als „Divergent“, u.a. weil es ohne gleichermaßen anbiedernde wie die Atmosphäre zerstörende Popmusik auskommt und der gebotene Inhalt diesmal einigermaßen zur Filmlänge passt. Irgendeinen Grund, sich auf die zweiteilige Verfilmung des dritten Bandes zu freuen, sehe ich nicht. Eher im Gegenteil: Diese mittlerweile weitverbreitete Cashcow-Methode vertreibt auch den letzten Anflug von Neugier.

 

Filmplakat: Concorde

Whiplash

whiplash-posterEin Schlagzeug steht in einem kleinen und kargen Raum, die Wände mit billiger Farbe bemalt. Eine Fotografie des legendären Drummers Buddy Rich klebt daran. Auf dem Drumhocker sitzt ein schlaksiger Junge (Miles Teller) mit muskulösen Armen, sein weißes T-Shirt ist mit Schweißflecken übersät. Seine Finger bluten, rote Spritzer kleben auf Becken und Trommeln. Andrew senkt seine rechte Faust für ein paar Sekunden in einen Becher mit Eiswasser und beginnt dann von Neuem mit seinen Sticks auf das Schlagzeug einzuhämmern wie ein Wahnsinniger. Vom Rhythmus seines Spiels getrieben springen wir von den Gliedern seines Instruments zu seinem schmerzverzerrten Gesicht zu dem durch die Luft spritzenden Tropfen hin und her, jede Regung diktiert vom Beat. Andrews Gedanken sind in diesem Moment nicht mehr bei seinem Vater (Paul Reiser), der sich im Kino dafür entschuldigt, wenn er von ein paar Arschlöchern angerempelt wird. Er denkt auch nicht an den großen Fletcher (J.K. Simmons), dem berühmt-berüchtigten Professor des renommierten Shaffer Conservatory of Music in New York City, der ihn am ersten Tag in seiner Studio-Band väterlich in den Arm nahm und viel Spaß wünschte, nur um ihn Minuten später beinahe mit einem Stuhl zu enthaupten. Er denkt nur an die Beats, das Tempo, die Hits. Und die Geschwindigkeit seiner Double-Time-Swings. Von einer unbändigen Atmosphäre des Ehrgeizes, der Selbstverachtung, manischer Gefühlsausbrüche und der Leidenschaft zu höchster musikalischer Brillanz getrieben, wurde Whiplash von Regisseur- und Drehbuchgrünschnabel Damien Chazelle zu der vielleicht berechtigsten Indiefilmsensation seit der Erfindung von Sprühsahne. Die Beliebtheit sowohl beim Kinopublikum als auch bei den Kritikern und Preisjurys – Audience Award und Grand Jury Prize beim Sundance Festival 2014, um nur zwei zu nennen – verdankt “Whiplash” wohl in erster Linie der kompromisslosen Geschliffenheit seiner Figuren, der schnörkellosen Handlung und blendenden Bild-Ton-Synergie. Die Hauptdarsteller Miles Teller und J.K. Simmons stürzen sich in ein schauspielerisch makelloses Psychoduell, wirken dabei sympathisch-identifizierbar und monströs-unwirklich zugleich. Der organisch-treibenden Story folgend, Plot und Charakterantrieb scheinbar mühelos verschmolzen, jagen die Darsteller dabei mit jedem Beat weiter auf das unausweichliche Finale zu, das alle Etagen des Handungsebenenhochhauses aufeinanderstürzen und selbst Jazz-Newbies wir mir mit jeder harmonischen Schnittfolge die musikalische Kinnlade ein Stück weiter offenstehen lässt. Und bevor ich den “Whiplash”-Ohrwurm je wieder loswerde, muss ich mir Wohl oder Übel erst die Ohren mit einer Drahtbürste reinigen.

 

 

Filmplakat: Sony Pictures Classic