All the Bright Places

Bright Places - NetflixNach einer halben Stunde möchte ich ein Loblied auf diesen Film singen, nach 90 Minuten einen Verriss schreiben und als der Abspann läuft, weine ich und bin verwirrt. Was ist passiert? All the Bright Places zeigt zunächst einen realistischen Umgang mit dem Verlust einer geliebten Person: Wenn die Schülerin Violet Gleichgültigkeit für alles und jede*n empfindet und sich ein kurzer Ausbruch aus diesem Elend wie Verrat an der Verstorbenen anfühlt. Ärgerlich ist jedoch, dass Violet nur dank ihres teils übergriffigen Mitschülers Finch (Steine ans Fenster zu werfen, ist nicht cool) aus diesem Tal herausfindet und stets dessen freundlichen „Befehlen“ folgt. Immer weiß er, was für sie angeblich am Besten ist. Das wird der Komplexität des Problems wohl kaum gerecht. Finch und seine drastischen Gefühlsschwankungen wiederum bleiben bis zum Ende ein Rätsel. Was man zunächst Drehbuch und Darsteller anlasten möchte, ist aber wohl das Kernanliegen dieser Romanverfilmung: Es geht um Warnzeichen und Widersprüche; und darum, dass die Sehnsucht nach dem Tod auch bei jungen Menschen viele Gesichter hat.

Filmplakat: Netflix

Insurgent

InsurgentDie hochbegabte Tris (Eigenschaften: altruistisch, mutig, gebildet, freundlich, ehrlich) befindet sich nach den Geschehnissen von „Divergent“ nun auf der Flucht. Einige Leute in der dystopischen Zukunft von Chicago halten offenbar nichts davon, dass manche Menschen mehr als eine Sache richtig gut beherrschen. Gemeinsam mit denen, die angeblich gar nichts können, aber viele Waffen besitzen, plant Tris den Widerstand gegen das System, dessen Teil sie im ersten Film noch war und das sie mit ihrem Leben beschützen wollte. Eine klassische Geschichte also, bekannt etwa aus „Equilibrium“ und anderen düsteren Zukunftsphantasien, in denen die Freiheitsrechte mit Verweis auf ein angeblich höheres Gut unterdrückt werden. Und ein interessanter Stoff, den man unter philosophischen, kulturellen und politischen Gesichtspunkten mal so richtig schön auseinandernehmen könnte. Doch dafür interessiert sich dieses auf die Young-Adult-Zielgruppe zugeschnittene Spektakel freilich nicht im Geringsten. Pflichtbewusst wird irgendwann mal kurz angemerkt, dass der Preis, der für ein friedliches Zusammenleben gezahlt wird, viel zu hoch ist. Doch die eigentlichen Fragen, etwa die nach Entstehung und Sinn des Kastensystems mit den eingangs erwähnten Eigenschaften, bleiben bis zum Ende des Films weiter unbeantwortet. Die Antwort, die es dann gibt, ist ähnlich befriedigend und originell wie es ein „Alles nur ein Traum“ gewesen wäre. Veronica Roth, die damals 20-jährige Autorin der Romanvorlagen, hat sich ein Zukunftsszenario mit interessanten Prämissen überlegt, ohne sich jedoch weitere Gedanken darüber zu machen, wie man es sinnvoll erklären kann. Dafür sollte man einer so jungen Frau nicht böse sein. Kaufen oder gar verfilmen muss man das dann aber wirklich nicht. Im Kern ist Insurgent dann halt doch eine übliche Verschwörungsstory mit unglaubwürdigen Wendungen und Figuren, die sich oberflächlich feministisch gibt, aber eigentlich das genaue Gegenteil davon ist: Mehr noch als im ersten Teil ist die von Shailene Woodley solide gespielte Tris zur Passivität verdammt und von den Handlungen beziehungsweise der Hilfe ihrer männlichen Begleiter abhängig. Immerhin ist „Insurgent“ etwas besser als „Divergent“, u.a. weil es ohne gleichermaßen anbiedernde wie die Atmosphäre zerstörende Popmusik auskommt und der gebotene Inhalt diesmal einigermaßen zur Filmlänge passt. Irgendeinen Grund, sich auf die zweiteilige Verfilmung des dritten Bandes zu freuen, sehe ich nicht. Eher im Gegenteil: Diese mittlerweile weitverbreitete Cashcow-Methode vertreibt auch den letzten Anflug von Neugier.

 

Filmplakat: Concorde