The Imitation Game

ImitationGameIch muss zugeben: Hätte mich vor Kurzem irgendjemand gefragt, wer Alan Turing war – ich hätte es nicht gewusst. Und das ist eine Schande. Denn dank Morten Tyldums Biopic The Imitation Game weiß ich nun, dass Alan Turing zu den wichtigsten (und tragischsten) Menschen des 20. Jahrhunderts gehört. Seine Entschlüsselung der Nazikommunikation verkürzte den Zweiten Weltkrieg nach Ansicht vieler Historiker um zwei bis vier Jahre. Er entwickelte einen Prototypen dessen, was wir heute Computer nennen. Und er war es, der wegweisende Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Maschine anstellte. Turing war ganz offensichtlich eine faszinierende Person, ein schwieriger Charakter und ein Mensch, der unter den Verhältnissen seiner Zeit litt – denn er war homosexuell, was in Großbritannien damals als „grobe Unzucht“ galt und unter Strafe stand. Wer verurteilt wurde und nicht ins Gefängnis wollte, musste extrem gesundheitsschädigende „Medikamente“ zu sich nehmen. „The Imitation Game“ ist somit nicht nur ein gerade in den Schlüsselszenen spannender Spionagethriller, sondern vor allem ein bewegendes und manchmal richtig aufwühlendes Charakter- und Gesellschaftsporträt. Mit Benedict Cumberbatch hat es einen enorm differenziert spielenden Darsteller in der Hauptrolle, der sich zu Recht Hoffnungen auf einen Oscar machen darf. Auch Keira Knightley, die für viele ja nicht die ganz große Schauspielkunst verkörpert, überzeugt. Trotz vieler starker Momente ist „The Imitation Game“ insgesamt aber ein ziemlich konventionell erzählter Film mit ordentlich Pathos. Da gibt es die übliche „Wenn er geht, gehe ich auch“-Szene, die tiefsinnigen Sätze, die dadurch weiter an Bedeutung gewinnen sollen, dass sie von verschiedenen Charakteren wiederholt werden, und natürlich die unvermeidliche Nachdenken/Ausdauerlauf-Parallelmontage. Es ist zweifelsfrei – sehenswertes – Oscar bait.

 

Filmplakat: SquareOne

Herz aus Stahl

FuryFilme, die vom Zweiten Weltkrieg erzählen, gab es schon viele. Dem realen Szenario noch neue Facetten abzugewinnen, ist daher wohl gar nicht so leicht. Auch die Idee, einen kompletten Film lediglich in einem Panzer spielen zu lassen, wurde bereits umgesetzt; erinnert sei an den Gewinner des Goldenen Löwen von 2009 namens „Lebanon“. Der bezog sich allerdings auf den ersten Libanonkrieg und dürfte zudem in den USA nur von wenigen Filmfreunden wahrgenommen worden sein. Zumindest für viele Amis wird sich David Ayers Herz aus Stahl also sehr innovativ anfühlen, wenngleich der Schauplatz nicht so konsequent auf einen Panzer beschränkt bleibt wie im offensichtlichen Vorbild. Nun sind es Brad Pitt, Shia LaBeouf, Michael Peña, Jon Bernthal und  Logan Lerman, die auf wenigen Kubikmetern Raum miteinander auskommen und nebenbei die Nazis abknallen müssen. Milchgesicht Lerman spielt einen Newbie, der eigentlich für Aufgaben im Büro vorgesehen war, nun aber wenige Wochen vor dem Untergang des Dritten Reiches in Deutschland übers Schlachtfeld rollt. In seiner besten Szene – die fünf Soldaten quartieren sich für einige Stunden bei zwei deutschen Frauen ein und lassen sich in mehrerlei Hinsicht verwöhnen – ist „Fury“ (Originaltitel) das, was ich mir davon erhofft habe: spannendes Kino, das verschiedene Charaktere in einer unbeschreiblichen Extremsituation kollidieren lässt. Oft genug ist „Fury“ aber auch einfach nur auf Krawall gebürstet. Die Schlachtszenen sind zwar wuchtig inszeniert und Ayer gibt sich alle Mühe, die Schrecken des Krieges in seiner ganzen brutalen Schonungslosigkeit und mit angemessenem Realismus darzustellen. Am Ende scheint er den Zuschauern dennoch eine ungenießbare heroische Botschaft mit auf den Weg geben zu wollen: Jeder kann ein Held sein, auch ein unbrauchbarer Schwächling in einem Weltkrieg – sofern er Dutzende Menschen über den Haufen schießt (und an Gott glaubt). Aber auch ohne erhobenen Zeigefinger ist das kein guter Film. Denn die eigentlich interessanten Charaktere erfüllen spätestens im Finale doch die gängigen Kriegsfilmklischees. Insbesondere dass ein junger Mann, der eben noch keiner Fliege was zu Leide tun konnte, sich plötzlich komplett mit der Mission identifiziert und „Scheiß Nazis“ brüllend am Abzug steht, kann nicht wirklich überzeugen. Immerhin verkneift sich Ayer aber allzu viel Patriotismus und Pathos und ist vielen (US-)Genrekollegen dadurch letztlich überlegen.

 

Filmplakat: Sony Pictures