The New Mutants

Dass mich der bereits vor drei Jahren gedrehte und seitdem durch eine qualvolle Produktionshölle gejagte The New Mutants besser unterhalten würde als Christopher Nolans „Tenet“, schien mir nahezu ausgeschlossen. Doch „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“-Regisseur Josh Boone hat genau das geschafft. Klar, man merkt diesem Horror-Comicdrama die Strapazen an; vor allem die Charakterzeichnung wirkt zu Beginn, als hätte man einem Baby die Stifte in die Hand gedrückt. Doch je länger der Film dauert, desto mehr fiebert man mit den von Dämonen diverser Art verfolgten Mutanteens mit. Das auf wenige Personen beschränkte Anstaltsszenario ist atmosphärisch und die ungewohnten Horrorelemente wirken bedrohlich. Anders als der in Gesellschaftsfragen fast reaktionäre „Tenet“ kommt „The New Mutants“ modern daher. Jugendliche reden hier über Masturbation, psychische Gewalt und Traumata – und zeigen eine Variante gegenseitiger Zuneigung, die in ernsthaften Marvel-Blockbustern bislang wohl nicht zu sehen war.

Filmplakat: Disney

Tenet

Christopher Nolan ist ein Meister darin, Dinge viel größer erscheinen zu lassen, als sie eigentlich sind – und das ist nicht negativ gemeint; im Gegenteil. Wenn ein über die Landebahn rollendes Flugzeug oder eine verhältnismäßig simple und statische Actionszene dank geschickter Kameraarbeit und eskalierender Soundkulisse zum Ereignis werden, ist das Kino, wie ich es mir wünsche. Nicht so wünschenswert sind hingegen Filme, die nicht wirklich spannend sind, weil mal wieder „nur“ das Ende der Welt droht, aber keine Konsequenzen, die innerhalb einer fiktiven Logik als realistisches Szenario erscheinen. In der ersten Hälfte gleicht Tenet dieses Manko mit faszinierenden (und leider exzessiv mit Dialogen statt Bildern erklärten) Zeitphänomenen aus. Doch diese Faszination verschwindet allmählich. Überhaupt nicht wünschenswert ist es zudem, dass die wichtigste Frau im Film vor allem damit beschäftigt ist, sich um ihren Sohn zu sorgen, einem Mann zu gefallen und von eben solchen aus tödlichen Gefahren befreit zu werden.

Filmplakat: Warner Bros.

Undine

Es beginnt mit einer Trennung. Undine (Paula Beer) sitzt mit ihrem Freund in einem Berliner Café und erfährt, dass dieser sie wegen einer anderen Frau verlassen möchte. Der Mythologie nach müsste sie ihn für diesen „Verrat“ töten. Doch es geschieht zunächst etwas anderes: Nur eine halbe Stunde später trifft Undine am selben Ort auf Christoph (Franz Rogowski). Nach einem Missgeschick liegen beide blutend und durchnässt nebeneinander auf dem Boden; kurz darauf sind sie ein Paar. Regisseur Christian Petzold zeigt die erste Begegnung und die daraus folgende Liebe mit knisternder Erotik statt nervigem Kitsch. Über die Charaktere erfährt man wenig; man spürt aber, was sie füreinander empfinden. Undine ist ein zärtlicher, poetischer und ruhig inszenierter Mystery-Liebesfilm, in dem sich eine Männerphantasie auf brutale Weise emanzipiert und es stark von der individuellen Wahrnehmung abhängt, ob der Schluss ein Happy End sein kann.

Filmplakat: Piffl Medien

The Vast of Night

Es ist ein sommerlicher Abend in einer Kleinstadt in New Mexico irgendwann in den 50er Jahren. Fast alle Einwohner*innen sind bei einem Basketballspiel. Everett ist nicht da, denn er moderiert im Radio. Auch Fay ist anderweitig beschäftigt; sie arbeitet als Telefonistin im Fernsprechverkehr. Als Fay in einer Leitung ein merkwürdiges Geräusch hört und ein Anrufer bei Everett von einem Militäreinsatz mit einem unbekannten Objekt erzählt, ist schnell klar: Hier sind offenbar Ufos im Spiel. Das mit nur 700.000 US-Dollar auf die Beine gestellte The Vast of Night bietet weder Spektakel noch Überraschungen – und ist trotzdem gelungen. Denn es ist flott und nahezu in Echtzeit erzählt, atmosphärisch, düster, aber irgendwie auch ziemlich entspannt. Die Kamera klebt förmlich an Everett und Fay, die wegen des kleinen Budgets viel Zeit am Tele- beziehungsweise Mikrofon verbringen. Aber das reicht aus. Denn den Tatendrang und die Verwunderung der beiden charismatischen Figuren zu beobachten, ist das größte Vergnügen an diesem Film.

Filmplakat: Amazon

Da 5 Bloods

Spike Lee ist einer der wichtigsten schwarzen Filmemacher*innen der USA. Dass ausgerechnet auf dem Höhepunkt der „Black Lives Matter“-Bewegung sein Vietnamkriegsveteranen-Film Da 5 Bloods erscheint, ist ein schöner Zufall. Noch schöner wäre es allerdings gewesen, wenn dieser Film nicht ganz so misslungen wäre. Denn abgesehen von einer packenden Hochspannungsszene in der Mitte (Stichwort: Seil), die weniger als fünf Minuten dauert, passt hier so gut wie nichts zusammen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Lee verschiedene Genres, Stile, Intentionen und in diesem Fall sogar Bildformate wild vermischt. „Da 5 Bloods“ möchte Action-Komödie, Kriegsdrama, Heist-Movie und politische Anklage zugleich sein. Doch das erdrückende Pathos, teils trashige Dialoge und zunehmend absurd agierende, minutenlang auf die Zuschauer*innen einredende Charaktere würden den Film allenfalls als Satire funktionieren lassen – aber dafür ist er viel zu ernst erzählt. Offenbar hat Spike Lee die Trump-Jahre nicht so gut verkraftet.

Filmplakat: Netflix

Into the Night (Staffel 1)

Die Prämisse ist so simpel wie elektrisierend: Rund ein dutzend Menschen sitzen in einem Flugzeug, das immer weiter in den Westen fliegen muss, um dem Sonnenlicht zu entkommen. Denn die Sonne ist zum Feind geworden, der alles tötet, was sich in seiner Anwesenheit auf der Erdoberfläche befindet. Einiges bei Into the Night – das Flugzeug, die Rückblenden, der Mystery-Faktor, die dunklen Geheimnisse, der begrenzte Raum – erinnert an „Lost“. Vor allem in der ersten und letzten Folge dieser Staffel ist die Spannung fast durchweg am Anschlag, weil hier das Gefühl permanenten Zeitdrucks, großer Ungewissheit und unaufhörlicher Rastlosigkeit besonders stark vermittelt wird. Zwischendurch beschäftigt sich „Into the Night“ mit den Konflikten innerhalb der Gruppe – was mal mehr und mal weniger überzeugend geschieht. Diese Serie aus Belgien ist nicht besonders originell und nicht besonders clever, aber meistens rasant genug erzählt, um zumindest Freund*innen des Genres zu beglücken.

Serienplakat: Netflix

Douglas

„Hannah Gadsby hat Comedy neu erfundenund „Hannah Gadsby weiß nicht, was Comedy ist“ – zwischen diesen Extremen bewegten sich 2018 die Reaktionen auf den unglaublichen Erfolg ihres ersten Netflix-Specials „Nanette“. Wer diese Show noch nicht gesehen hat, sollte jetzt aufhören zu lesen und sich den Abend freinehmen, denn ihr zweites Special Douglas, das diese Woche Online-Premiere feierte, schließt nahtlos daran an. Hannah bleibt sich darin thematisch treu und findet Humor, wo man ihn nicht erwarten würde: in Trauma. Als queere, übergewichtige Autistin, die es wagt, auf Bühnen Witze über das Patriarchat und ihre folglich sehr zahlreichen Hater zu machen, geht ihr der Stoff nicht so schnell aus. Und trotzdem ist „Douglas“ schon wieder eine Neuerfindung des Stand-Up. Ohne zu viel verraten zu wollen: Das Thema dieses Specials ist Hannahs Autismus und warum er sie zu so einer genialen Komikerin und Aktivistin macht. Es ist wirklich nicht zu viel versprochen, wenn ich sage: Ihr werdet lachen, ihr werdet weinen (vor Wut) und ihr werdet ein bisschen besser verstehen, warum die Welt ist, wie sie ist.

Showplakat: Netflix