Jackie

Jackie - TobisWie kann ein Mensch weiterleben, wenn direkt neben ihm ein anderer stirbt? Wenn der Kopf des anderen plötzlich zerplatzt und sich das Gehirn auf dem eigenen Körper verteilt? Dies zu beantworten – oder es zumindest zu versuchen – ist der Anspruch des historischen Dramas Jackie. Doch da ist noch viel mehr als das: Die dem Film seinen Namen gebende Hauptfigur ist keine Geringere als die Witwe des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy. Regisseur Pablo Larraín hat mit Natalie Portman die perfekte Besetzung für diesen faszinierenden Charakter gefunden. Schaut man sich alte Dokumentationen an, so kommt man zu dem Schluss, dass Portman das Gebaren und den Akzent der ehemaligen Präsidentengattin nahezu ohne Verlust imitiert. Zugleich schafft sie es, die zahlreichen Widersprüche dieser Person, zumal verstärkt durch die psychische Extremsituation nach dem Tod ihres Mannes, fassbar zu machen. Dabei hilft ihr der Fokus auf die Hauptdarstellerin: Portman schaut – ungewöhnlich für heutige Filme – meist nur knapp an der Kamera vorbei. Diese wiederum bleibt stets nah am Gesicht der Schauspielerin. Zusammen mit der im besten Sinne schauderhaften Streichmusik ergibt sich so ein stimmiges, intimes, fast dokumentarisches Porträt von Person und Epoche, das in einen kraftvoll inszenierten Trauermarsch mündet.

 

 

Filmplakat: Tobis

Legend

LegendWer Tom Hardy als postapokalyptischen „Mad Max“, Comic-Bösewicht Bane oder boxenden „Warrior“ gesehen hat, weiß, dass seine Präsenz alle Räume sprengt. Eine einzige Figur wird dem wandlungsfähigen Briten kaum noch gerecht. Insofern erscheint die Doppelrolle in Brian Helgelands Gangster-Biopic Legend sehr naheliegend. Hardy spielt darin die Zwillinge Ronald und Reggie Kray, die es im London der 60er Jahre zu gefürchteten und innerhalb der Eliten bestens vernetzten Berühmtheiten gebracht haben. Offiziell waren sie wohlhabende Nachtclubbesitzer, doch eigentlich regierten sie mit kriminellen Methoden Teile der Stadt. Helgeland, der für das Drehbuch zu „L.A. Confidential“ einen Oscar gewann, erzählt nur am Rande vom Aufstieg und Fall der Brüder. Im Kern geht es um die Beziehungen: untereinander, aber auch zwischen Reggie und seiner von Emily Browning gespielten Freundin Frances, die er gleich zu Beginn des Films kennenlernt, kurz bevor er seinen Bruder mit Hilfe eines erpressten Gutachtens aus der Psychiatrie herausholt. Die Katastrophen, die zum Untergang des Kray-Imperiums führen werden, resultieren nicht aus Bandenkriegen oder Fehlern bei der Steuererklärung, sondern aus zwischenmenschlichen Enttäuschungen und Verletzungen sowie grundverschiedenen Auffassungen vom richtigen Gangsterleben. Dies macht „Legend“ zu einem vielschichtigeren Porträt als es die meisten anderen Genrebeiträge sind, zumal das Drehbuch nicht nur zu Tode erzählte Pfade beschreitet. Doch die genauen Motive der Charaktere bleiben dabei leider unergründet. Insbesondere bei Frances, der einzigen nennenswerten weiblichen Figur, ist das bedauerlich, da diese durchaus eigenständig agiert und der Handlung wichtige Impulse gibt – aber nur selten aus einer wirklich aktiven Position heraus. Wer einen Gangsterfilm sehen möchte, der zwar grundsätzlich Altbewährtes erzählt, sich jedoch durch seinen schwarzen Humor sowie seine augenzwinkernde Sympathie für Schwerstkriminelle von der Konkurrenz abhebt und dabei zusätzlich in der charmant-wahnsinnigen Doppelhauptrolle mit einem grandios vielseitigen Tom Hardy aufwartet, wird mit „Legend“ gut bedient. Um zu den großen Filmen des Genres zu gehören, fehlt es jedoch ganz klar an außergewöhnlichen Ideen von Regie und Drehbuch.

 

 

Filmplakat: Studiocanal