La La Land

La La Land - StudiocanalEs zerfetzt mir das Herz, sie weinen zu sehen. Mia, gespielt von Emma Stone, sitzt einfach nur da, an einem Tisch, sagt nichts, doch in ihren Augen spiegelt sich die ganze Enttäuschung, die sie in diesem Moment empfindet. Bis zu diesem folgenreichen Gespräch mit Sebastian, gespielt von Ryan Gosling, ist La La Land ein großer Freudenreigen: für die Figuren, die nach idealistischer Selbstverwirklichung und künstlerischen Erfolgen streben, aber vor allem für das staunende Publikum, dem Regisseur Damien Chazelle („Whiplash“) eine mitreißende Liebesgeschichte im Gewand eines gleichermaßen modernen wie nostalgischen Musicals präsentiert. Er nutzt die Möglichkeiten des zeitgenössischen Kinos, um gleich zu Beginn eine atemberaubende, scheinbar fast ungeschnittene Tanz- und Gesangseinlage auf einer Autobahn zu inszenieren, die sich – klammert man den technischen Aufwand aus – so anfühlt, als wäre sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Die mal nachdenkliche, mal abenteuerlustige Musik macht süchtig und der Dreiklang aus Energie, Leidenschaft und Ideenreichtum in der Präsentation der Musicalnummern lässt die Leinwand förmlich erbeben. Doch das Herz des Films ist Emma Stone, die all das ausstrahlt, was eine Figur in einem solchen Film braucht: Lust, Freude, Verlangen, Verletzlichkeit und nicht zuletzt eine Ambivalenz in ihren Gefühlen, die ihren Charakter zutiefst menschlich macht. Es passiert nicht oft, dass der bloße Anblick einer Schauspielerin mir die Tränen in die Augen treibt – in „La La Land“ geschieht dies unzählige Male. Alle Stärken des Films finden im furiosen Finale noch einmal zueinander. Dieses lässt zwar zunächst etwas ratlos zurück, doch das kurze Gefühl der Trauer wandelt sich – sobald die wesentliche Aussage über die Ungewissheiten des Lebens erkannt ist – in eine tiefe Zufriedenheit, die wohl niemals enden wird.

 

 

Filmplakat: Studiocanal

Whiplash

whiplash-posterEin Schlagzeug steht in einem kleinen und kargen Raum, die Wände mit billiger Farbe bemalt. Eine Fotografie des legendären Drummers Buddy Rich klebt daran. Auf dem Drumhocker sitzt ein schlaksiger Junge (Miles Teller) mit muskulösen Armen, sein weißes T-Shirt ist mit Schweißflecken übersät. Seine Finger bluten, rote Spritzer kleben auf Becken und Trommeln. Andrew senkt seine rechte Faust für ein paar Sekunden in einen Becher mit Eiswasser und beginnt dann von Neuem mit seinen Sticks auf das Schlagzeug einzuhämmern wie ein Wahnsinniger. Vom Rhythmus seines Spiels getrieben springen wir von den Gliedern seines Instruments zu seinem schmerzverzerrten Gesicht zu dem durch die Luft spritzenden Tropfen hin und her, jede Regung diktiert vom Beat. Andrews Gedanken sind in diesem Moment nicht mehr bei seinem Vater (Paul Reiser), der sich im Kino dafür entschuldigt, wenn er von ein paar Arschlöchern angerempelt wird. Er denkt auch nicht an den großen Fletcher (J.K. Simmons), dem berühmt-berüchtigten Professor des renommierten Shaffer Conservatory of Music in New York City, der ihn am ersten Tag in seiner Studio-Band väterlich in den Arm nahm und viel Spaß wünschte, nur um ihn Minuten später beinahe mit einem Stuhl zu enthaupten. Er denkt nur an die Beats, das Tempo, die Hits. Und die Geschwindigkeit seiner Double-Time-Swings. Von einer unbändigen Atmosphäre des Ehrgeizes, der Selbstverachtung, manischer Gefühlsausbrüche und der Leidenschaft zu höchster musikalischer Brillanz getrieben, wurde Whiplash von Regisseur- und Drehbuchgrünschnabel Damien Chazelle zu der vielleicht berechtigsten Indiefilmsensation seit der Erfindung von Sprühsahne. Die Beliebtheit sowohl beim Kinopublikum als auch bei den Kritikern und Preisjurys – Audience Award und Grand Jury Prize beim Sundance Festival 2014, um nur zwei zu nennen – verdankt “Whiplash” wohl in erster Linie der kompromisslosen Geschliffenheit seiner Figuren, der schnörkellosen Handlung und blendenden Bild-Ton-Synergie. Die Hauptdarsteller Miles Teller und J.K. Simmons stürzen sich in ein schauspielerisch makelloses Psychoduell, wirken dabei sympathisch-identifizierbar und monströs-unwirklich zugleich. Der organisch-treibenden Story folgend, Plot und Charakterantrieb scheinbar mühelos verschmolzen, jagen die Darsteller dabei mit jedem Beat weiter auf das unausweichliche Finale zu, das alle Etagen des Handungsebenenhochhauses aufeinanderstürzen und selbst Jazz-Newbies wir mir mit jeder harmonischen Schnittfolge die musikalische Kinnlade ein Stück weiter offenstehen lässt. Und bevor ich den “Whiplash”-Ohrwurm je wieder loswerde, muss ich mir Wohl oder Übel erst die Ohren mit einer Drahtbürste reinigen.

 

 

Filmplakat: Sony Pictures Classic