Europa – Ein Kontinent als Beute

Europa - SalzgeberVielleicht hat es Christoph Schuch ja nur gut gemeint, als er die Entscheidung traf, einen Dokumentarfilm über die vermeintlichen und tatsächlichen Ungerechtigkeiten in Europa zu drehen. Zu erzählen gäbe es da ja einiges: die sich immer weiter öffnende Schere  zwischen „oben“ und „unten“; der sich ausbreitende Nationalismus; die enge Verflechtung von Wirtschaft und teils undemokratisch konstruierter Europäischer Union; die Einschränkungen der Pressefreiheit und die Zunahme von Polizeigewalt als Reaktion auf immer wütender werdende Proteste. All das thematisiert Dokumentarfilmer Schuch in Europa – Ein Kontinent als Beute. Und das ist auch gut so. Dennoch ist der Film nicht zu empfehlen. Zum einen weil er aus künstlerischer Perspektive nicht funktioniert. Die O-Töne und Aufnahmen von Gebäuden und Gewässern wirken beliebig aneinandergereiht. So etwas wie eine Erzählung oder fortlaufenden Erkenntnisgewinn gibt es nicht. Die Positionen von Filmemacher, Interviewpartnern und Aktivisten stehen von Beginn an fest und ändern sich im weiteren Verlauf auch nicht. Wer halbwegs mit der Materie vertraut ist, weiß am Ende genau so viel wie am Anfang. Auch die Aufnahmen der Demonstrationen zeigen nichts Neues. Die Doku besitzt somit wenig Mehrwert. Zum anderen ist der Film inhaltlich problematisch, vor allem gegen Ende, wenn es nicht mehr nur um das marode Gesundheitssystem in Griechenland, die perspektivlose Jugend in Spanien und den tödlichen Kapitalismus im Allgemeinen geht, sondern zudem platter Antiamerikanismus, Verschwörungstheorien und verkürzte Medienkritik ins Spiel kommen. Die USA (oder fremde Mächte) beuten Europa aus, was ihnen dank gesteuerter Medien spielend leicht gelingt – das ist die finale Botschaft. Darauf kann man gerne verzichten.

 

 

Filmplakat: Salzgeber

Where to, Miss?

Where to Miss - W-filmNormalerweise spielt der Stellenwert der Frauen in der indischen Gesellschaft hierzulande keine große Rolle. Im Dezember 2012 änderte sich das für einige Tage, als sechs Männer die 23-jährige Jyoti Singh Pandey vergewaltigten, folterten und dabei so schwer verletzten, dass sie zwei Wochen später starb. Dieser Vorfall kommt auch in Manuela Bastians sehenswerter Dokumentation Where to, Miss? zur Sprache. Ihre in Delhi lebende Protagonistin Devki träumt davon, Taxifahrerin zu werden. Der Vater möchte es ihr verbieten, unter anderem, weil er um ihr Wohlergehen besorgt ist. Daraufhin haut Devki von zu Hause ab – der Vater lenkt schließlich ein. Devki ist eine willens- und durchsetzungsstarke Frau, die sich nicht damit abfinden möchte, auf die Rolle der Tochter, Ehefrau und Mutter reduziert zu werden. In der ersten Filmhälfte läuft es scheinbar gut für sie, zumal sie einen Mann kennenlernt, den sie tatsächlich liebt. Doch ausgerechnet diese eigentlich positive Wendung führt sie in einen regelrechten Albtraum. Als ihr Schwiegervater lachend beschließt, dass Devki daheim zu bleiben und nichts zu entscheiden habe, wünscht man sich fast, sie würde ihre zuvor erlernten Kampfsportfähigkeiten an ihm anwenden. Doch einfache Lösungen gibt es hier leider nicht. Als Reaktion auf die Gruppenvergewaltigung wurde in Indien das Sexualstrafrecht verschärft. Hoffentlich gelingt es mutigen Frauen wie Devki, weitere Fortschritte zu erkämpfen, ohne dass der Preis dafür jedes Mal so hoch sein muss.

 

 

Filmplakat: W-film

Wir sind jung. Wir sind stark.

WirsindjungSelten hat die Formel „Der richtige Film zur richtigen Zeit“ so gut gepasst wie hier. Das zeitgeschichtliche Drama Wir sind jung. Wir sind stark. von Regisseur Burhan Qurbani widmet sich den Geschehnissen im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen. Tagelang griffen Jugendliche, Neonazis und Menschen, die ein paar Wochen zuvor vielleicht noch „besorgte Bürger“ waren, unter dem Applaus tausender Schaulustiger und bei teilweise völliger Abwesenheit der Polizei ein Flüchtlingsheim an und bescherten der deutschen Nachkriegsgeschichte eines ihrer dunkelsten Kapitel. Auf dem Höhepunkt der Ausschreitungen flogen Molotowcocktails auf und in das „Sonnenblumenhaus“ und Leute, die zu allem bereit waren, stürmten hinein. Dass am Ende niemand dabei ums Leben kam, ist nur ein schwacher Trost. Die Politik reagierte, indem sie mit dem „Asylkompromiss“ das Grundgesetz aushebelte (Prinzip der vermeintlich sicheren Herkunftsstaaten, dazu Verschlechterung der Lebensbedingungen für hier lebende Geflüchtete). Der  damalige Bundeskanzler Helmut Kohl behauptete im Anschluss an die Ereignisse in Rostock allen Ernstes, dass die Stasi dahinter steckte. Ein echter Kanzler der Einheit eben. Das alles liegt 20 Jahre zurück. Und ich bin wahrlich nicht der Einzige, der sich darum sorgt, dass aus der Geschichte nicht die richtigen Lehren gezogen wurden. Wieder werden massiv Flüchtlingsheime attackiert, dazu verbreiten Parteien und Bewegungen wie AfD und Pegida (plus Ableger) eine antiislamische, asylfeindliche Stimmung im Land – da können sie auch noch so oft das Gegenteil behaupten. „Wir sind jung. Wir sind stark.“ ist nicht nur deshalb wichtig und gut, weil er auf die Ereignisse von damals einen Blick wirft, sondern weil er auch als Film an sich überzeugt. Er hat starke, authentische Charaktere, er moralisiert nicht, sondern versucht sich in seine Figuren (Täter, Opfer, Politiker) und ihre Motive hineinzufühlen, und er ist handwerklich (pulsierender Soundtrack, dynamische Kamera, atmosphärisches Schwarz-Weiß) astrein umgesetzt. Dass er am Ende ein bisschen zu sehr nach Effekten hascht – schade, aber verkraftbar. „Wir sind jung. Wir sind stark.“ ist der wichtigste Kinofilm dieses Monats.

 

Filmplakat: Zorro

Dancing In Jaffa

Dancing in Jaffa posterWieder einer dieser Doku-Filme, die einen großartigen Blick auf menschliches Leben werfen und für die doch kaum einer ins Kino gehen wird. Dabei erzählt Regisseurin Hilla Medalia die Ge-schichte des Tanzlehrers und ehemaligen Preistänzers Pierre Dulaine und der Kinder Jaffas ganz unangestrengt, hält sich praktisch kommentarlos zurück und lässt die Protagonisten erzählen. Davon wie es ist, als jüdisches Mädchen die Hand eines palästinensischen Jungen zu nehmen, in Jaffa – jener arabischen Stadt, die 1948 unter israelische Kontrolle gebracht wurde und in der nun zwei verfeindete Bevölkerungsgruppen Seite an Seite nebeneinander her Leben. Dancing In Jaffa ist erfrischend leicht, so ernst der Hintergrund des Films auch ist. Hier wird keine soziale Revoluti-on geplant oder der große Arthouse-Zeigefinger gehoben. Es wird ein leidenschaftlicher und muti-ger Lehrer und seine talentierten Schüler gezeigt, die es gar nicht fassen können, wie ein gemein-samer Tanz einen anderen Menschen näher bringt. Es ist nicht auszuschließen, und wer würde das auch abstreiten wollen, ist ja nichts dabei immerhin, also warum um den heißen Brei drum herum-reden, dass beim Gucken Tränen fließen könnten und werden.

 

Filmplakat: MFA