Where to, Miss?

Where to Miss - W-filmNormalerweise spielt der Stellenwert der Frauen in der indischen Gesellschaft hierzulande keine große Rolle. Im Dezember 2012 änderte sich das für einige Tage, als sechs Männer die 23-jährige Jyoti Singh Pandey vergewaltigten, folterten und dabei so schwer verletzten, dass sie zwei Wochen später starb. Dieser Vorfall kommt auch in Manuela Bastians sehenswerter Dokumentation Where to, Miss? zur Sprache. Ihre in Delhi lebende Protagonistin Devki träumt davon, Taxifahrerin zu werden. Der Vater möchte es ihr verbieten, unter anderem, weil er um ihr Wohlergehen besorgt ist. Daraufhin haut Devki von zu Hause ab – der Vater lenkt schließlich ein. Devki ist eine willens- und durchsetzungsstarke Frau, die sich nicht damit abfinden möchte, auf die Rolle der Tochter, Ehefrau und Mutter reduziert zu werden. In der ersten Filmhälfte läuft es scheinbar gut für sie, zumal sie einen Mann kennenlernt, den sie tatsächlich liebt. Doch ausgerechnet diese eigentlich positive Wendung führt sie in einen regelrechten Albtraum. Als ihr Schwiegervater lachend beschließt, dass Devki daheim zu bleiben und nichts zu entscheiden habe, wünscht man sich fast, sie würde ihre zuvor erlernten Kampfsportfähigkeiten an ihm anwenden. Doch einfache Lösungen gibt es hier leider nicht. Als Reaktion auf die Gruppenvergewaltigung wurde in Indien das Sexualstrafrecht verschärft. Hoffentlich gelingt es mutigen Frauen wie Devki, weitere Fortschritte zu erkämpfen, ohne dass der Preis dafür jedes Mal so hoch sein muss.

 

 

Filmplakat: W-film

Jane Got a Gun

Jane Got a Gun_UniversumEigentlich sollte Jane Got a Gun für Regisseurin Lynne Ramsay der nächste Film nach „We Need to Talk About Kevin“ werden. Doch wegen Meinungsverschiedenheiten mit den Produzenten blieb der Regiestuhl am ersten Drehtag einfach leer. Nur einen Tag später nahm Gavin O’Connor, der zuvor das intensive Boxdrama „Warrior“ inszeniert hatte, darauf Platz. Auch zahlreiche Schauspieler verließen – teilweise aus Solidarität mit Ramsay – das Projekt oder wechselten munter die Rollen. Doch was zwischenzeitlich auf dem besten Weg schien, zum Desaster zu geraten, wurde letztlich ein bemerkenswerter Film, dem man die Turbulenzen während der Produktion nicht anmerkt. In ihrer ersten anspruchsvollen Rolle seit dem Oscar-Lieferanten „Black Swan“ überzeugt Natalie Portman als verzweifelte Western-Heldin Jane Hammond, deren Mann Bill (Noah Emmerich) nach einer Schießerei mit den berüchtigten Bishop Boys schwerverletzt daheim im Bett liegt. Weil die Outlaw-Gang unter ihrem Anführer Colin McCann (kaum wiederzuerkennen: Ewan McGregor) ihr Werk zu Ende bringen möchte, sucht Jane Hilfe bei einer Person, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat: ihrem Ex-Mann Dan Frost (Joel Edgerton). Doch bevor es zum spektakulären Showdown kommt, reißen alte seelische Wunden wieder auf. Die zu diesem Zweck teils hastig eingestreuten Rückblenden wirken anfangs etwas beliebig, ergeben am Ende jedoch ein stimmiges und grausames Gesamtbild. Blei, Blut, schöne Landschaften, markige Worte, opulente Bilder und große Gefühle – dieses Western-Drama hat alles, was man sich als Genre-Fan davon erhoffen durfte. Plus: ein Jahr nach „The Homesman“ die nächste starke weibliche Hauptrolle in einem solchen Film.

 

Trailer spoilert massiv, deshalb keine Verlinkung

 

Filmplakat: Universum

The Avengers 2: Age of Ultron

Avengers2Oft passiert es nicht, dass mich der Meister – mein Meister – enttäuscht, aber nun ist es ausnahmsweise mal wieder so weit. The Avengers 2, erneut geschrieben und inszeniert von „Buffy“-Schöpfer Joss Whedon, ist eines dieser Sequels, das einem großartigen ersten Teil folgt und gleichermaßen nett wie relativ überflüssig daherkommt. „Relativ“, weil dies natürlich nicht nur ein Sequel ist, sondern sich in das große cineastische Marvel-Universum einfügt, das hiermit auf elf Filme seit dem 2008er Auftakt mit „Iron Man“ und „Der unglaubliche Hulk“ anwächst, und das bis 2019 (und vielleicht darüber hinaus) noch um mindestens elf weitere Filme erweitert wird. Dennoch „überflüssig“, weil es sich vom ersten „Avengers“-Film in vielen Punkten kaum unterscheidet. Natürlich funktioniert das Zusammenspiel der Charaktere weiterhin ziemlich gut. Insbesondere in der „Party-Szene“ spielt Whedon seine Stärken in Sachen Dialogwitz sowie zwischenmenschlicher Chemie exzellent aus und schafft es ebenso gut, im quasi selben Atemzug den Hauptschurken des Films einzuführen. Manche Szenen fühlen sich an, als hätte Whedon sie direkt aus einem Comic ausgeschnitten (etwa die Einstellung zu Beginn, die alle Avengers in einem Bild im gemeinsamen Angriff zeigt). Und die Actionszenen krachen wie gewohnt richtig ordentlich, insbesondere der Fight zwischen Iron Man und Hulk, der eine Energie auf der Leinwand entfesselt, wie man sie selten wahrnimmt. Doch es es gibt auch große Schwachstellen. Da ist zum einen die Hintergrundgeschichte zum Bösewicht: Wie dieser entsteht und was ihn zu seinen Taten motiviert, ist so abgedroschen, dass ich kaum glauben mag, dass Whedon sich freiwillig auf diese Story gestürzt hat. Und da sind zum anderen die Wiederholungen. Wie im ersten Teil gibt es am Ende einen massiven Schlusskampf mit Oberbösewicht und vielen „kleineren Einheiten“ (es müssen ja alle Avengers beschäftigt werden) um das Schicksal der Erde, lokal ausgetragen in einer komplett der Zerstörung preisgegebenen Stadt. Zudem wiederholen sich viele Motive, beispielsweise die One-Shot-Szenen, in denen die Kamera nacheinander den verschiedenen Charakteren im Kampf folgt, oder die „Alle Avengers stehen Rücken an Rücken im Kreis“-Einstellung. Und wie schon vor drei Jahren – das war wohl auch die einzige Schwachstelle des Erstlings – geht die Story weitgehend überraschungsfrei auf ein erwartbares Ende zu. Mehr vom Bewährten, also ziemlich mutlos, aber alles noch ein bisschen größer und lauter – der zweite „Avengers“-Teil ist nicht langweilig, unterhält gut, aber erzeugt bei Weitem nicht die Glücksgefühle des ersten Teils. Und schließlich: Ausgerechnet Joss Whedon, der schon so viele starke Frauencharaktere geschaffen hat und sich auch im realen Leben für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzt – liefert einen Hollywoodblockbuster ab, der sich aus feministischer Perspektive nicht wirklich von anderen unterscheidet. Soll heißen: Er ist in gewissen Punkten sexistisch.

 

Filmplakat: Walt Disney