Captain Marvel

Captain MarvelIn der letzten Folge von „Buffy“, der besten Serie aller Zeiten, gibt es eine Schlüsselszene: Am Abend vor der entscheidenden Schlacht hält die Vampirjägerin eine flammende Rede. Sie handelt von mächtigen Männern, die Frauen seit Jahrhunderten unterdrücken, aber deren Zeit nun abgelaufen ist. Oberflächlich betrachtet geht es in der Rede um die übernatürlichen Kräfte, die auch in anderen potentiellen Jägerinnen lauern und üble Bösewichte besiegen könnten. Doch unter der Oberfläche findet man – wie so häufig in dieser Serie – kämpferische Aussagen über die Geschlechterverhältnisse in der realen Welt. Captain Marvel enthält eine Schlüsselszene, die stark an diesen Moment erinnert. Es ist eine phantastische Szene, die auf plakative, aber wunderbar leidenschaftliche Weise die Ermächtigung einer Frau zeigt und darin gipfelt, dass die Superheldin zur Musik von „Just a Girl“ ihre Gegner verprügelt (drei Wörter übrigens, die auch Buffy immer wieder zu hören bekam). „Captain Marvel“ ist von der ersten bis zur letzten Sekunde ein Wohlfühlfilm im besten Sinne. Er würdigt Stan Lee gleich zu Beginn in angemessener Form, weckt Empathie mit Flüchtenden und lässt eine supersüße Katze mit der Heldin und dem jungen Fury nostalgisch durch die 90er reisen. Natürlich erzählt der Film auch eine klassische und gelegentlich überraschende Gut-gegen-Böse-Geschichte, aber zum ersten Mal geht es im MCU eigentlich um etwas anderes: um eine Frau, der Mann immer wieder sagt, dass sie etwas nicht kann und dass sie ihre Emotionen in den Griff bekommen soll – und die irgendwann aufhört, auf diese Männer zu hören. Vieles davon ist nicht sonderlich subtil, aber das sind die popkulturellen Anspielungen anderer MCU-Filme auch nicht – warum sollten für Bezüge auf politische Verhältnisse strengere Maßstäbe gelten? Außerdem fühlt es sich niemals so an, als ob da unbedingt noch eine Szene mit feministischer Botschaft rein musste. Was die Charaktere in diesen Momenten sagen, ergibt sich stets auch aus ihrem persönlichen Hintergrund. Gegen Ende des Films gibt es schließlich eine Szene, die zeigt, wie ein Mädchen freudig zu Captain Marvel aufblickt. Oberflächlich betrachtet ist es nur das. Aber eigentlich ist es viel mehr. Unzählige Mädchen und Frauen haben nun (hoffentlich) eine sympathische, mitfühlende und schlagfertige Heldin, die sie repräsentiert – nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern auch wegen der Kämpfe, die sie austrägt. „Captain Marvel“ mag nicht der beste MCU-Film sein, aber neben „Black Panther“ vielleicht der wichtigste.

Filmplakat: Walt Disney

Colette

ColetteAls die Zeitschrift „National Geographic“ im Januar 2017 ein neunjähriges Transmädchen auf dem Cover abbildete und die komplette Ausgabe der „Gender-Revolution“ widmete, folgten die erwartbaren Reaktionen: Krank, nervig, falsch und linke Propaganda sei das. Offenbar haben sich wesentliche Teile westlicher Gesellschaften in den vergangenen 100 Jahren in dieser Hinsicht nicht nennenswert weiterentwickelt. Das nach der gleichnamigen Schriftstellerin benannte Biopic Colette zeigt, dass es zumindest im Paris des frühen 20. Jahrhunderts diesbezüglich durchaus fortschrittliche Ansichten gab. So ist es die von Keira Knightley facettenreich gespielte Hauptfigur, die eine Affäre mit einer als Frau geborenen Person beginnt, die sich selbst nicht (mehr) als solche identifiziert und typische Männerkleidung trägt. Ein Kuss auf offener Bühne führt jedoch zu einer Massenschlägerei im Publikum. Colette ist außerdem sowohl in homo- als auch heterosexuellen Beziehungen zu sehen und darf gewissermaßen als frühe LGBT-Aktivistin betrachtet werden – und als Feministin, auch in eigener Sache. Im Alter von etwa 20 bis 30 Jahren schreibt sie mehrere überwiegend autobiographische Romane, die sich massenhaft verkaufen, aber das Pseudonym ihres deutlich älteren Ehemanns Henry tragen. Als Colette den Wunsch äußert, unter ihrem eigenen Namen zu publizieren, argumentiert Henry: Das kauft doch niemand. Dieser Konflikt taucht im Film erst ziemlich spät auf. Der größte Teil widmet sich den alltäglichen Kämpfen gegen einen – für damalige Verhältnisse liberalen – Machoehemann, der Colette liebt und betrügt, ausnutzt und fördert. Regisseur Wash Westmoreland („Still Alice“), der das Drehbuch gemeinsam mit seinem mittlerweile verstorbenen Ehemann Richard Glatzer geschrieben hat, ist ein erstaunlich lockeres und häufig humorvolles Porträt einer äußerst selbstbewussten, zielstrebigen und modernen Frau gelungen, das auch hinter der Kamera mit Geschlecht und Herkunft spielt. In einem Interview verriet Westmoreland, dass viele Darsteller*innen eine andere Hautfarbe oder sexuelle Orientierung hätten als es bei den historischen Originalen der Fall gewesen sei.

Filmplakat: DCM

Where to, Miss?

Where to Miss - W-filmNormalerweise spielt der Stellenwert der Frauen in der indischen Gesellschaft hierzulande keine große Rolle. Im Dezember 2012 änderte sich das für einige Tage, als sechs Männer die 23-jährige Jyoti Singh Pandey vergewaltigten, folterten und dabei so schwer verletzten, dass sie zwei Wochen später starb. Dieser Vorfall kommt auch in Manuela Bastians sehenswerter Dokumentation Where to, Miss? zur Sprache. Ihre in Delhi lebende Protagonistin Devki träumt davon, Taxifahrerin zu werden. Der Vater möchte es ihr verbieten, unter anderem, weil er um ihr Wohlergehen besorgt ist. Daraufhin haut Devki von zu Hause ab – der Vater lenkt schließlich ein. Devki ist eine willens- und durchsetzungsstarke Frau, die sich nicht damit abfinden möchte, auf die Rolle der Tochter, Ehefrau und Mutter reduziert zu werden. In der ersten Filmhälfte läuft es scheinbar gut für sie, zumal sie einen Mann kennenlernt, den sie tatsächlich liebt. Doch ausgerechnet diese eigentlich positive Wendung führt sie in einen regelrechten Albtraum. Als ihr Schwiegervater lachend beschließt, dass Devki daheim zu bleiben und nichts zu entscheiden habe, wünscht man sich fast, sie würde ihre zuvor erlernten Kampfsportfähigkeiten an ihm anwenden. Doch einfache Lösungen gibt es hier leider nicht. Als Reaktion auf die Gruppenvergewaltigung wurde in Indien das Sexualstrafrecht verschärft. Hoffentlich gelingt es mutigen Frauen wie Devki, weitere Fortschritte zu erkämpfen, ohne dass der Preis dafür jedes Mal so hoch sein muss.

 

 

Filmplakat: W-film

Jane Got a Gun

Jane Got a Gun_UniversumEigentlich sollte Jane Got a Gun für Regisseurin Lynne Ramsay der nächste Film nach „We Need to Talk About Kevin“ werden. Doch wegen Meinungsverschiedenheiten mit den Produzenten blieb der Regiestuhl am ersten Drehtag einfach leer. Nur einen Tag später nahm Gavin O’Connor, der zuvor das intensive Boxdrama „Warrior“ inszeniert hatte, darauf Platz. Auch zahlreiche Schauspieler verließen – teilweise aus Solidarität mit Ramsay – das Projekt oder wechselten munter die Rollen. Doch was zwischenzeitlich auf dem besten Weg schien, zum Desaster zu geraten, wurde letztlich ein bemerkenswerter Film, dem man die Turbulenzen während der Produktion nicht anmerkt. In ihrer ersten anspruchsvollen Rolle seit dem Oscar-Lieferanten „Black Swan“ überzeugt Natalie Portman als verzweifelte Western-Heldin Jane Hammond, deren Mann Bill (Noah Emmerich) nach einer Schießerei mit den berüchtigten Bishop Boys schwerverletzt daheim im Bett liegt. Weil die Outlaw-Gang unter ihrem Anführer Colin McCann (kaum wiederzuerkennen: Ewan McGregor) ihr Werk zu Ende bringen möchte, sucht Jane Hilfe bei einer Person, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat: ihrem Ex-Mann Dan Frost (Joel Edgerton). Doch bevor es zum spektakulären Showdown kommt, reißen alte seelische Wunden wieder auf. Die zu diesem Zweck teils hastig eingestreuten Rückblenden wirken anfangs etwas beliebig, ergeben am Ende jedoch ein stimmiges und grausames Gesamtbild. Blei, Blut, schöne Landschaften, markige Worte, opulente Bilder und große Gefühle – dieses Western-Drama hat alles, was man sich als Genre-Fan davon erhoffen durfte. Plus: ein Jahr nach „The Homesman“ die nächste starke weibliche Hauptrolle in einem solchen Film.

 

Trailer spoilert massiv, deshalb keine Verlinkung

 

Filmplakat: Universum

The Avengers 2: Age of Ultron

Avengers2Oft passiert es nicht, dass mich der Meister – mein Meister – enttäuscht, aber nun ist es ausnahmsweise mal wieder so weit. The Avengers 2, erneut geschrieben und inszeniert von „Buffy“-Schöpfer Joss Whedon, ist eines dieser Sequels, das einem großartigen ersten Teil folgt und gleichermaßen nett wie relativ überflüssig daherkommt. „Relativ“, weil dies natürlich nicht nur ein Sequel ist, sondern sich in das große cineastische Marvel-Universum einfügt, das hiermit auf elf Filme seit dem 2008er Auftakt mit „Iron Man“ und „Der unglaubliche Hulk“ anwächst, und das bis 2019 (und vielleicht darüber hinaus) noch um mindestens elf weitere Filme erweitert wird. Dennoch „überflüssig“, weil es sich vom ersten „Avengers“-Film in vielen Punkten kaum unterscheidet. Natürlich funktioniert das Zusammenspiel der Charaktere weiterhin ziemlich gut. Insbesondere in der „Party-Szene“ spielt Whedon seine Stärken in Sachen Dialogwitz sowie zwischenmenschlicher Chemie exzellent aus und schafft es ebenso gut, im quasi selben Atemzug den Hauptschurken des Films einzuführen. Manche Szenen fühlen sich an, als hätte Whedon sie direkt aus einem Comic ausgeschnitten (etwa die Einstellung zu Beginn, die alle Avengers in einem Bild im gemeinsamen Angriff zeigt). Und die Actionszenen krachen wie gewohnt richtig ordentlich, insbesondere der Fight zwischen Iron Man und Hulk, der eine Energie auf der Leinwand entfesselt, wie man sie selten wahrnimmt. Doch es es gibt auch große Schwachstellen. Da ist zum einen die Hintergrundgeschichte zum Bösewicht: Wie dieser entsteht und was ihn zu seinen Taten motiviert, ist so abgedroschen, dass ich kaum glauben mag, dass Whedon sich freiwillig auf diese Story gestürzt hat. Und da sind zum anderen die Wiederholungen. Wie im ersten Teil gibt es am Ende einen massiven Schlusskampf mit Oberbösewicht und vielen „kleineren Einheiten“ (es müssen ja alle Avengers beschäftigt werden) um das Schicksal der Erde, lokal ausgetragen in einer komplett der Zerstörung preisgegebenen Stadt. Zudem wiederholen sich viele Motive, beispielsweise die One-Shot-Szenen, in denen die Kamera nacheinander den verschiedenen Charakteren im Kampf folgt, oder die „Alle Avengers stehen Rücken an Rücken im Kreis“-Einstellung. Und wie schon vor drei Jahren – das war wohl auch die einzige Schwachstelle des Erstlings – geht die Story weitgehend überraschungsfrei auf ein erwartbares Ende zu. Mehr vom Bewährten, also ziemlich mutlos, aber alles noch ein bisschen größer und lauter – der zweite „Avengers“-Teil ist nicht langweilig, unterhält gut, aber erzeugt bei Weitem nicht die Glücksgefühle des ersten Teils. Und schließlich: Ausgerechnet Joss Whedon, der schon so viele starke Frauencharaktere geschaffen hat und sich auch im realen Leben für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzt – liefert einen Hollywoodblockbuster ab, der sich aus feministischer Perspektive nicht wirklich von anderen unterscheidet. Soll heißen: Er ist in gewissen Punkten sexistisch.

 

Filmplakat: Walt Disney