The Platform

The Platform - NetflixDas Szenario ist so simpel wie beängstigend: In einem vertikalen Gefängnis mit dutzenden Ebenen teilen sich jeweils zwei Inhaftierte eine Zelle. In der Mitte der Räume klafft ein riesiges Loch, durch das einmal täglich eine Plattform mit Essen von oben nach unten fährt. Wer zuerst dran ist, hat eine große Auswahl; wer weit unten wohnt, bekommt nur noch die Reste – im besten Fall. Genau wie in „Cube“ und ähnlich dystopischen SciFi-Horrorfilmen sollte man in The Platform nicht auf Erklärungen warten. Unter welchen Umständen eine solch menschenverachtende Anstalt entstehen konnte, bleibt bis zum Ende offen. Interessant sind neben der schrittweisen Erkundung des Gebäudes vor allem die Fragen zum Zustand einer Gemeinschaft, in der es um Verteilungskämpfe, Egoismus und Solidarität geht. Leider ruiniert der letzte Akt einen bis dahin gelungenen Film, der nun ins Spirituelle abrutscht und nicht plausibel erklären kann, warum die Charaktere davon überzeugt sind, mit ihren finalen Handlungen den Weg in ein besseres Leben gefunden zu haben.

Filmplakat: Netflix

The Lodge

The Lodge - SquareOne EntertainmentRiley Keough ist momentan vielleicht die interessanteste Genre-Darstellerin in den USA. Nachdem sie in „The Discovery“, „It Comes at Night“, „The House That Jack Build“, „Under the Silver Lake“, „Hold the Dark“ und „Earthquake Bird“ noch in eher kleinen Rollen zu sehen war, ist sie nun (gebrochenes) Herz und (krankes) Hirn des Horrordramas The Lodge. Sie ist das Herz, weil sie als Kind eine religiöse Sekte überlebt hat, noch immer mit diesem Trauma kämpft und von den Kindern ihres Verlobten nicht als baldige Stiefmutter akzeptiert wird. Und sie ist das Hirn, weil wir die Isolation einer verschneiten und von der Außenwelt abgetrennten Hütte im Wald größtenteils aus ihrer Perspektive erleben (müssen) und immer wieder daran zweifeln, dass das, was wir sehen, wirklich passiert. „The Lodge“ ist psychisch grausam, architektonisch entstellt und unheimlich atmosphärisch. Manchmal wären aber etwas mehr Handlung und ein paar weniger Wiederholungen sich ähnelnder Albtraumbilder sinnvoll gewesen, um die Spannung durchgängig oben zu halten.

Filmplakat: SquareOne Entertainment

Underwater

Underwater - 20th Century FoxWer atmosphärische Genrefilme mag, die vom Mainstream abweichen, wird zwar auf Netflix regelmäßig fündig, aber selten im Kino, wo meistens Standardware wie „The Purge“ oder Blockbuster den Ton angeben. Eine sympathische Ausnahme war der SciFi-Mysteryfilm „The Signal“, der 2014 in die Kinos kam. Der neue Film von William Eubank heißt Underwater, ist mit Kristen Stewart namhaft besetzt und hat eine vielversprechende Ausgangslage zu bieten – aber leider nicht viel mehr. Rund elf Kilometer unter dem Meeresspiegel zerstört ein Erdbeben eine Bohrstation. Die wenigen Überlebenden suchen nach einem Weg an die Oberfläche und sehen sich dabei mit einer offenbar monströsen Gefahr konfrontiert. Zumindest der erste Akt ist stimmungsvoll, doch nach geraumer Zeit wiederholt sich alles. Hier ein Geräusch, dort eine Gestalt und immer wieder Krach auf der Tonspur, der die zunehmend fehlende Spannung nicht ersetzen kann. Was vor allem ganz entsetzlich fehlt, sind Ansätze interessanter Ideen.

Filmplakat: 20th Century Fox

Dracula

Dracula - NetflixRichtig viel Eindruck konnte Dracula in den vergangenen Jahren in Filmen nicht hinterlassen. Die beiden wohl bekanntesten Adaptionen der jüngsten 20 Jahre – „Van Helsing“ (2004) und „Dracula Untold“ (2014) – waren zwar kommerziell erfolgreich, aber bei Cineast*innen unbeliebt. Diesen Missstand hat eine TV-Miniserie aus Großbritannien nun behoben. Die drei Teile erzählen jeweils eine Geschichte, die weitgehend für sich selbst steht, aber gleichzeitig mit den anderen verbunden ist. Während vor allem die erste Episode, die größtenteils in einem riesigen Schloss in den Karpaten spielt, sehr klassisch wirkt, wagen die Filmemacher*innen im letzten Teil einen mutigen Schritt in die Moderne. Was die Folgen eint, ist die gelungene Mischung aus blutigem Horror und schwarzem Humor sowie die alles überragende Dracula-Interpretation des Hauptdarstellers Claes Bang, die dafür sorgt, dass man den dunklen Grafen mit seiner stolz präsentierten und immer wieder ins Lächerliche gezogenen Männlichkeit sowohl fürchtet und liebt als auch verabscheut.

Plakat: Netflix

Ghostland

Ghostland - Capelight PicturesVieles in Ghostland erinnert an „Martyrs“, jenen modernen Horrorklassiker, mit dem Pascal Laugier im Jahr 2008 über das Genre hinaus bekannt wurde: zwei junge Protagonistinnen, Elemente des Home-Invasion-Films sowie Wahnsinn und gnadenlose Gewalt. Diesmal sind es die Schwestern Beth (Emilia Jones) und Vera (Taylor Hickson), die gemeinsam mit ihrer Mutter in ein geerbtes Haus ziehen. Bereits in der ersten Nacht kommt es zu einem brutalen Übergriff, der das Leben aller Beteiligten für immer verändert. Zwar scheint zumindest Beth das Trauma überwunden zu haben und als Autorin erfolgreich Karriere zu machen, doch eine Rückkehr zu ihrer schwer geschädigten Schwester und weit verdrängten Erinnerungen bringt ihre Welt ins Wanken. Der sich anschließende Twist – auch davon gab es in „Martyrs“ ja so einige – gehört zu den besten Momenten des Films. Ebenso gelungen ist der Auftakt: Die Charaktere erhalten eine Viertelstunde, um sich vorzustellen, doch selbst in dieser Zeit stapeln sich bereits die Andeutungen auf bevorstehendes Unheil – welches dann mit voller Wucht einschlägt. Laugier inszeniert gewohnt kompromisslos und versetzt die Zuschauer in ein Gefühl des Dabeiseins. Die Schläge, Tritte und Stiche sieht man nicht nur, sondern fühlt sie regelrecht. Dieses Dabeisein äußert sich aber auch in unangenehmer Weise, vor allem bei den unzähligen Jump-Scares. Im gefühlten Minutentakt hämmert es genau dann gegen die Tür, wenn jemand das Ohr daran hält; kommt genau dann jemand aus der Dunkelheit geschossen, wenn alle konzentriert hinein starren. Das ist ärgerlich, besonders weil es Laugier in der Anfangsphase schlicht mit Kamerabewegungen viel besser gelingt, Spannung aufzubauen. Jene Spannung bricht zusammen mit der Dramaturgie im letzten Akt vollends zusammen, weil das Drehbuch dort im Wesentlichen nur noch eine Wiederholung des zuvor Gezeigten vorsieht. Das Gefühl der Ungewissheit und Bedrohung, das den Film auch dank richtig unheimlicher Eindringlinge bis dahin kennzeichnete, weicht dann einem Gefühl der Gleichgültigkeit.

 

Filmplakat: Capelight Pictures

The Girl with All the Gifts

The Girl with All the Gifts - SquareOne UniversumIrgendwann während der ersten Staffel von „The Walking Dead“ gab es bei mir die Hoffnung, die Serie könnte der Zombiemythologie etwas Neues hinzufügen. Doch die hohe Qualität der ersten Staffeln resultierte eher aus den zwischenmenschlichen Grausamkeiten, der schonungslosen Brutalität und manch inszenatorischer Wucht denn aus bahnbrechend neuen Vorstellungen über das Wesen von Zombie und übertragenem Virus. Wer aber genau so etwas von einem Genrebeitrag erwartet, ist bei The Girl with All the Gifts des bislang eher unbekannten Regisseurs Colm McCarthy gut aufgehoben. Darin spielt die heute 14-jährige Sennia Nanua das Mädchen Melanie, das sich – genau wie einige andere Art- und Altersgenossen – auf einer Militärbasis verschiedenen Experimenten unterziehen muss und dabei überhaupt nicht menschenwürdig behandelt wird. Dies liegt vor allem daran, dass Melanie nach Ansicht der Militärs kein Mensch, sondern eine Art Zombie ist. Im Film ist vor allem von „Hungries“ und Infizierten die Rede. Kurz bevor Melanie unter dem Skalpell einer Wissenschaftlerin landet, kann und muss sie gemeinsam mit einigen „normalen“ Menschen die Flucht antreten. Hat man die ersten 15 Minuten, in denen arg mit dem symbolischen Holzhammer gearbeitet wird, überstanden, entwickelt sich „The Girl with All the Gifts“ zu einem über weite Strecken starken Endzeitstreifen, der durch harte Zombieaction, starke Darsteller, spannende Momente und interessante Ideen besticht. Letztere betreffen beispielsweise die Art und Weise, wie „Hungries“ ihren Tag verbringen und auf Menschen reagieren, oder die Verbreitung der Pilzkrankheit, welche auf ganz neuen Wegen geschieht. Letztlich hat dieser Film somit innerhalb von zwei Stunden mehr für das Zombiegenre geleistet als „The Walking Dead“ im Laufe der gesamten Serie.

 

 

Filmplakat: SquareOne / Universum