You Were Never Really Here

You Were Never Really Here - ConstantinWenn Joe (Joaquin Phoenix) den Hammer auspackt, wird‘s ungemütlich. Dann sinken Menschen reihenweise zu Boden. Warum Joe andere Personen malträtiert, bleibt erst einmal unklar. Klar ist jedoch, dass ihn sein aktueller Auftrag in ein Kinderbordell führt. Dort soll er die 13-jährige Tochter eines ambitionierten Politikers befreien – für Joe eigentlich eine Standardaufgabe. Doch daraus entwickelt sich schnell ein tödliches Komplott, das selbst ihn überfordert. Es ist mit Sicherheit nicht die Rahmenhandlung, die You Were Never Really Here (hierzulande mit anderem englischen Titel) deutlich über den Durchschnitt des Genres hebt. Denn abgesehen vom erstaunlich unspektakulären, aber inhaltlich aussagekräftigen Finale präsentiert Lynne Ramsay bekannte Kost. Viel interessanter ist das, was sie über ihren von Joaquin Phoenix mit unfassbarer Präsenz gespielten Hauptcharakter erzählt oder eben nicht erzählt. Da deuten sich in schmerzhaften Rückblenden diverse Traumata an, die der Zuschauer selbst zusammenfügen muss. Ob Joe auf bestimmte Situationen sensibel, wütend oder ängstlich reagiert, ist nicht vorherzusehen – die Reaktion fühlt sich aber immer passend an. Neben der starken Schauspielleistung bleibt vor allem die Musik des Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood im Gedächtnis. Diese erinnert in manchen Momenten in angenehmer Weise an ähnlich atmosphärische Werke wie „Drive“ oder „Mulholland Drive“, unterstreicht aber vor allem den labilen Zustand von Joe. Immer wieder springt die Musik förmlich aus der Spur, verheddert sich oder kommt einfach zum Stillstand. Diese außergewöhnlichen Elemente zu einem elektrisierenden, besonderen Film zusammenzufügen, ist die bemerkenswerte Leistung von Lynne Ramsay.

 

Filmplakat: Constantin

The Immigrant

the immigrant poster[DVD]
Die magische Reise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist in erster Linie ein Märchen. Jene Menschen, die auf einem anderen Kontinent der Armut, der politischen oder religiösen Verfolgung ihrer Heimatländern zu entgehen suchten, erschufen eine Nation, die bald schon selbst ihre Grenzen dichtmachen und andere Flüchtlinge mit Kälte und Abweisung begegnen würde. So ergeht es auch Ewa (Marion Cotillard) und ihrer Schwester Magda (Angela Sarafyan), als sie auf Ellis Island vor der Bucht von New York City im Jahr 1921 ankommen. Aus ihrer vom Ersten Weltkrieg zerstörten polnischen Heimat entflohen, soll Ellis Island schon das Ende ihrer gemeinsamen Reise bedeuten, als Magda mit Verdacht auf Tuberkulose unter Quarantäne gestellt und Ewa für die Deportation vorbereitet wird. Ein vermeintlich glücklicher Zufall lässt Ewa jedoch Bekanntschaft mit dem freundlichen Bruno (Joaquin Phoenix) machen, einen der Beamten besticht und Ewa aufs Festland zu schmuggeln vermag. Aus seinem Angebot, sie in seiner Bühnenshow mittanzen zu lassen, wird bald mehr. Denn nicht nur ist Bruno selbst interessiert am Körper seiner neuen Angestellten – er vermietet seine Tänzerinnen auch regelmäßig an seine Privatkunden. James Grays The Immigrant zeichnet in trostlos gehaltenen, eindringlichen Bildern die Geschichte einer Frau, die mit Nichts als Hoffnung im Gepäck über den großen See reist, nur um auch ihres letzten Schimmers an Zuversicht beraubt zu werden. Und trotzdem findet sie einen Weg, um weiterzumachen. Die talentierten Hauptdarsteller liefern eine gewohnt einfühlsame Leistung ab, können jedoch nur selten über die erzählerische Trägheit des Geschehens hinweghelfen. Ewas Schicksal – stellvertretend für die unzähligen realen Schicksale weiblicher Flüchtlinge – vermag so zwar zu berühren, verblasst aber zwischen der zunehmend ziellosen Handlung – was “The Immigrant” zu einem emotional mitreißenden, aber auch leider etwas langweiligen Film macht.

 

 

Filmplakat: The Weinstein Company

Inherent Vice

Inherent ViceWer den Leinwanderern von Anfang an folgt, wird sich vielleicht noch an den allerersten Podcast erinnern: Damals habe ich „The Master“ von Paul Thomas Anderson als meinen persönlichen Lieblingsfilm des Jahres 2013 genannt. Entsprechend hoch waren nun die Erwartungen an den Nachfolger, die von dem phantastischen Trailer noch weiter angeheizt wurden. Nun ja. Inherent Vice ist ein typischer Anderson: anstrengend, sperrig, schwer zugänglich, präzise inszeniert, großartig gespielt, freizügig, zeitlos. Worum es eigentlich geht, ist selbst nach zweieinhalb Stunden nicht endgültig geklärt. Im Mittelpunkt der Handlung steht aber der Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello (Joaquin Phoenix), dessen Ex-Freundin Shasta (Katherine Waterston) spurlos verschwindet. Bei der Recherche bekommt es Doc immer wieder mit dem ihm übel gesinnten Polizisten „Bigfoot“ (Josh Brolin) zu tun und verheddert sich immer weiter in einem Netz aus Spionen, Drogenkartellen, Zahnärzten und verführerischen Frauen. Wer in wessen Auftrag handelt oder wer aus welchem Grund irgendwann einmal für irgendjemanden gearbeitet hat, wer die vermeintlich Guten und wer die vermeintlich Bösen sind, das alles war für mich irgendwann nicht mehr wirklich zu durchschauen. Doc ist permanent bekifft – ein Bewusstseinszustand, den Regisseur Anderson wohl auch auf die Zuschauer übertragen wollte. Um das große Ganze geht es diesmal auch gar nicht. „Inherent Vice“, der im Übrigen nicht nur in den 70er Jahren spielt, sondern dank der Auswahl der Musik, der trüben Bilder und des überzeugenden Designs auch so wirkt, als sei er in den 70ern gedreht worden, ist die Summe vieler grandioser Einzelszenen, in denen die genannten Darsteller (und einige andere wie Reese Witherspoon, Owen Wilson und Benicio Del Toro, die nur wenige Minuten Leinwandzeit bekommen) zu Hochform auflaufen. An „The Master“, Andersons Meisterwerk, in dem er von der ersten bis zur letzten Minute stets den richtigen Ton traf, reicht „Inherent Vice“ bei Weitem nicht heran. Sehenswert – sofern man bereit ist, auch mal etwas in einen Film zu „investieren“ – ist er aber allemal. Kleiner Test: Wer sich eine Szene, in der Joaquin Phoenix eine halbe Minute lang nichts anderes macht als Josh Brolin angewidert-fasziniert beim Essen einer Schokobanane zuzuschauen, grundsätzlich als brüllend komisch vorstellen kann, ist bei „Inherent Vice“ bestens aufgehoben.

 

Filmplakat: Warner Bros

Her

her-posterWenn Theodore (Joaquin Phoenix) von Berufs wegen jene Grußkarten, Trauerkarten, Glück-wunschkarten und Liebesbriefe für andere Leute verfasst, die selbst keine verfassen wollen oder können, dann macht ihn die erhoffte Freude bei den Beschenkten Freude, doch sie macht ihn nicht glücklich. Nicht nur will er als Autor mehr verfassen als fremde Post – er will auch weniger einsam sein. Theodore möchte jemanden haben, der ihm zuhört, ihm Witze erzählt, über seine Anekdoten nachsinnt, sich zum Mittag mit ihm über vorbeilaufende Passanten unterhält und zu dem er am Abend nach Hause kommen kann. Und so lernt er unverhofft Samantha (Scarlett Johansson) kenne, mit der er sich seltsamerweise anfreundet und zu der sich kurioserweise eine romantische Beziehung aufbaut. Denn dass er sich jemals in das Betriebssystem eines Computers verlieben könnte, eine künstliche Intelligenz, die selbstständig zu lernen zu fühlen beginnt, hätte Theodore nichte gedacht. Her ist eine absolut jetzige Geschichte in der Zukunft, bei der die Technik wie heute ist, nur viel weiter. Wo die Liebe genau so wehtut wie heute, die Grenzen zwischen Körper und Geist jedoch nicht mehr scharf zwischen Fleisch und Metall getrennt sind. “Her” ist warmherzig bebildert und klug geschrieben, doch sind die Sphären, in die er abhebt, nicht verkopft. Es ist eher so, als hätte Scarlett Johansson gerne noch Mal einen Film drehen wollen, der sich anfühlt wie “Lost in Translation”.

 

Filmplakat: Warner Bros.