Europa – Ein Kontinent als Beute

Europa - SalzgeberVielleicht hat es Christoph Schuch ja nur gut gemeint, als er die Entscheidung traf, einen Dokumentarfilm über die vermeintlichen und tatsächlichen Ungerechtigkeiten in Europa zu drehen. Zu erzählen gäbe es da ja einiges: die sich immer weiter öffnende Schere  zwischen „oben“ und „unten“; der sich ausbreitende Nationalismus; die enge Verflechtung von Wirtschaft und teils undemokratisch konstruierter Europäischer Union; die Einschränkungen der Pressefreiheit und die Zunahme von Polizeigewalt als Reaktion auf immer wütender werdende Proteste. All das thematisiert Dokumentarfilmer Schuch in Europa – Ein Kontinent als Beute. Und das ist auch gut so. Dennoch ist der Film nicht zu empfehlen. Zum einen weil er aus künstlerischer Perspektive nicht funktioniert. Die O-Töne und Aufnahmen von Gebäuden und Gewässern wirken beliebig aneinandergereiht. So etwas wie eine Erzählung oder fortlaufenden Erkenntnisgewinn gibt es nicht. Die Positionen von Filmemacher, Interviewpartnern und Aktivisten stehen von Beginn an fest und ändern sich im weiteren Verlauf auch nicht. Wer halbwegs mit der Materie vertraut ist, weiß am Ende genau so viel wie am Anfang. Auch die Aufnahmen der Demonstrationen zeigen nichts Neues. Die Doku besitzt somit wenig Mehrwert. Zum anderen ist der Film inhaltlich problematisch, vor allem gegen Ende, wenn es nicht mehr nur um das marode Gesundheitssystem in Griechenland, die perspektivlose Jugend in Spanien und den tödlichen Kapitalismus im Allgemeinen geht, sondern zudem platter Antiamerikanismus, Verschwörungstheorien und verkürzte Medienkritik ins Spiel kommen. Die USA (oder fremde Mächte) beuten Europa aus, was ihnen dank gesteuerter Medien spielend leicht gelingt – das ist die finale Botschaft. Darauf kann man gerne verzichten.

 

 

Filmplakat: Salzgeber

Zeit der Kannibalen

Zeit der KannibalenIst dem afrikanischen Kontinent mehr geholfen, wenn man den Kapitalismus vernichtet oder wenn der Kapitalismus ihn vernichtet? Und trägt sexuelle Ausbeutung mittels oraler Befriedigung von Putzfrauen zur Entwicklungshilfe bei? Mit Fragen wie diesen beschäftigen sich die drei Protagonisten in Johannes Nabers zweitem Spielfilm Zeit der Kannibalen. Öllers und Niederländer, beide mit zahlreichen sozialen Defiziten ausgestattet und latent rassistisch-sexistisch, reisen seit sechs Jahren als Unternehmensberater der “Company” um die Welt und hoffen auf eine baldige Beförderung. In Nigeria schließt sich ihnen die weltoffene und tolerante Bianca an, die nach Ansicht der beiden Männer in einer NGO deutlich besser aufgehoben wäre. Mittels grandioser Dialoge (gesprochen von drei exzellenten Schauspielern) prallen die sehr verschiedenartigen Charaktere, die ihre Hotels nie verlassen, aufeinander. Naber verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger und macht den Film somit theoretisch sowohl für radikale Kapitalismuskritiker als auch für vom vermeintlichen Gutmenschentum genervte Arschlöcher genießbar. Am Ende stecken sowieso alle in derselben Scheiße.

 

Filmplakat: Farbfilm