Colette

ColetteAls die Zeitschrift „National Geographic“ im Januar 2017 ein neunjähriges Transmädchen auf dem Cover abbildete und die komplette Ausgabe der „Gender-Revolution“ widmete, folgten die erwartbaren Reaktionen: Krank, nervig, falsch und linke Propaganda sei das. Offenbar haben sich wesentliche Teile westlicher Gesellschaften in den vergangenen 100 Jahren in dieser Hinsicht nicht nennenswert weiterentwickelt. Das nach der gleichnamigen Schriftstellerin benannte Biopic Colette zeigt, dass es zumindest im Paris des frühen 20. Jahrhunderts diesbezüglich durchaus fortschrittliche Ansichten gab. So ist es die von Keira Knightley facettenreich gespielte Hauptfigur, die eine Affäre mit einer als Frau geborenen Person beginnt, die sich selbst nicht (mehr) als solche identifiziert und typische Männerkleidung trägt. Ein Kuss auf offener Bühne führt jedoch zu einer Massenschlägerei im Publikum. Colette ist außerdem sowohl in homo- als auch heterosexuellen Beziehungen zu sehen und darf gewissermaßen als frühe LGBT-Aktivistin betrachtet werden – und als Feministin, auch in eigener Sache. Im Alter von etwa 20 bis 30 Jahren schreibt sie mehrere überwiegend autobiographische Romane, die sich massenhaft verkaufen, aber das Pseudonym ihres deutlich älteren Ehemanns Henry tragen. Als Colette den Wunsch äußert, unter ihrem eigenen Namen zu publizieren, argumentiert Henry: Das kauft doch niemand. Dieser Konflikt taucht im Film erst ziemlich spät auf. Der größte Teil widmet sich den alltäglichen Kämpfen gegen einen – für damalige Verhältnisse liberalen – Machoehemann, der Colette liebt und betrügt, ausnutzt und fördert. Regisseur Wash Westmoreland („Still Alice“), der das Drehbuch gemeinsam mit seinem mittlerweile verstorbenen Ehemann Richard Glatzer geschrieben hat, ist ein erstaunlich lockeres und häufig humorvolles Porträt einer äußerst selbstbewussten, zielstrebigen und modernen Frau gelungen, das auch hinter der Kamera mit Geschlecht und Herkunft spielt. In einem Interview verriet Westmoreland, dass viele Darsteller*innen eine andere Hautfarbe oder sexuelle Orientierung hätten als es bei den historischen Originalen der Fall gewesen sei.

Filmplakat: DCM

The Imitation Game

ImitationGameIch muss zugeben: Hätte mich vor Kurzem irgendjemand gefragt, wer Alan Turing war – ich hätte es nicht gewusst. Und das ist eine Schande. Denn dank Morten Tyldums Biopic The Imitation Game weiß ich nun, dass Alan Turing zu den wichtigsten (und tragischsten) Menschen des 20. Jahrhunderts gehört. Seine Entschlüsselung der Nazikommunikation verkürzte den Zweiten Weltkrieg nach Ansicht vieler Historiker um zwei bis vier Jahre. Er entwickelte einen Prototypen dessen, was wir heute Computer nennen. Und er war es, der wegweisende Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Maschine anstellte. Turing war ganz offensichtlich eine faszinierende Person, ein schwieriger Charakter und ein Mensch, der unter den Verhältnissen seiner Zeit litt – denn er war homosexuell, was in Großbritannien damals als „grobe Unzucht“ galt und unter Strafe stand. Wer verurteilt wurde und nicht ins Gefängnis wollte, musste extrem gesundheitsschädigende „Medikamente“ zu sich nehmen. „The Imitation Game“ ist somit nicht nur ein gerade in den Schlüsselszenen spannender Spionagethriller, sondern vor allem ein bewegendes und manchmal richtig aufwühlendes Charakter- und Gesellschaftsporträt. Mit Benedict Cumberbatch hat es einen enorm differenziert spielenden Darsteller in der Hauptrolle, der sich zu Recht Hoffnungen auf einen Oscar machen darf. Auch Keira Knightley, die für viele ja nicht die ganz große Schauspielkunst verkörpert, überzeugt. Trotz vieler starker Momente ist „The Imitation Game“ insgesamt aber ein ziemlich konventionell erzählter Film mit ordentlich Pathos. Da gibt es die übliche „Wenn er geht, gehe ich auch“-Szene, die tiefsinnigen Sätze, die dadurch weiter an Bedeutung gewinnen sollen, dass sie von verschiedenen Charakteren wiederholt werden, und natürlich die unvermeidliche Nachdenken/Ausdauerlauf-Parallelmontage. Es ist zweifelsfrei – sehenswertes – Oscar bait.

 

Filmplakat: SquareOne