Transit

Transit - Piffl MedienEin Zitat des Holocaust-Überlebenden Primo Levi ist seit geraumer Zeit wieder häufiger zu lesen: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ An dieses Zitat kann man denken, nachdem man Christian Petzolds Transit gesehen hat. Es ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Anna Seghers, der von der Flucht eines Deutschen nach Frankreich erzählt, wo er sich vor den Nationalsozialisten verstecken muss, gegenüber den Behörden die Identität eines verstorbenen Schriftstellers annimmt, aber dessen Frau die Wahrheit über den Tod ihres Mannes verschweigt. Dass „es“ wieder geschehen kann, legt „Transit“ nahe, indem er die originale Geschichte von Verfolgung und Faschismus ins Frankreich der Gegenwart verlegt. Die historischen Tatsachen vermischen sich dadurch mit den aktuellen Schauplätzen. Ob es realistisch ist, dass sich so etwas wie der Nationalsozialismus in ähnlicher Form auf absehbare Zeit wiederholen kann, sei offen gelassen. Dass wesentliche Teile der Bevölkerung – in anderen europäischen Ländern noch mehr als in Deutschland – vermehrt solche Parteien wählen, die zumindest teilweise faschistisch auftreten, ist aber ein Fakt. Es fällt nicht allzu schwer, zwischen den AfD-Machtphantasien vom „Aufräumen“ und „Ausmisten“ sowie den Polizeirazzien in „Transit“ eine gedankliche Brücke zu schlagen. Vielleicht war das aber gar nicht das wesentliche Ziel von Petzold; in Interviews verweist er eher auf Parallelen zu den aktuellen Fluchtbewegungen. So oder so – das Politische gerät im Laufe des Films zunehmend in den Hintergrund; zu Gunsten einer Dreiecksliebesgeschichte, bei der vieles im Unklaren bleibt. Manchmal wirkt „Transit“ sogar wie ein Fantasyfilm, denn plausibel zu erklären sind beispielsweise die unzähligen Zufallsbegegnungen der selben Figuren in einer Großstadt wie Marseille ja kaum. Unklar bleibt vor allem, was Petzold hier eigentlich erzählen wollte; vieles läuft elegant ins Leere oder wiederholt sich allzu oft; und die bedrückenden Momente der Verfolgung, Unsicherheit und Denunziation sind leider rar. Am Ende – so suggeriert es zumindest die finale Einstellung – hat Petzold wohl eine inoffizielle Fortsetzung seiner Gespenster-Trilogie gedreht. Insgesamt ist der Film okay – was in Anbetracht der Relevanz für aktuelle Debatten, die er hätte erlangen können, zu wenig ist.

 

Filmplakat: Piffl Medien

The Lobster

LobsterDavid ist Single. In der Welt des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos („Dogtooth“, „Alpen“) stellt dies einen unhaltbaren Zustand dar. Deshalb reist David zwangsweise in ein abgelegenes Hotel, wo eine Art Partnerbörse stattfindet. Die Hausregeln haben es in sich: Wer masturbiert, muss seine Hand zur Strafe in einen Toaster stecken. Stattdessen sorgen die Zimmermädchen für regelmäßige Befriedigung. Gelingt es David nicht, innerhalb von 45 Tagen eine Partnerin zu finden, wird er in ein Tier verwandelt und in der Wildnis ausgesetzt. So sind die Regeln. Wer mit den bisherigen Werken von Lanthimos noch nicht in Berührung gekommen ist, mag das ungewöhnlich finden. Für Kenner seiner Vorgängerfilme und natürlich die Charaktere selbst wirkt das Geschehen hingegen völlig normal. Liebe und Sexualität verkommen zu bloßen Zahlenwerken. Damit zwei Menschen sich als Paar bezeichnen dürfen, benötigt es lediglich einer speziellen Gemeinsamkeit, zum Beispiel Kurzsichtigkeit oder eine Vorliebe für Bücher. Und als David, großartig gespielt von Colin Farrell, bei der Eingabe seiner sexuellen Orientierung „bi“ wählen möchte, wird ihm mit Bedauern mitgeteilt, dass diese Option im System nicht mehr verfügbar sei. Es ist schon erstaunlich, wie prominent The Lobster besetzt ist: Neben Farrell tauchen unter anderem John C. Reilly, Léa Seydoux, Ben Whishaw und Rachel Weisz auf. Was als Nächstes passiert, ist grundsätzlich nicht vorhersehbar. Immer wieder tauchen neue eigentümliche Figuren oder Regeln auf, die der Handlung eine andere Richtung geben. Ebenso herzlos wie die Welt, in der diese Charaktere leben, ist auch die Inszenierung von Lanthimos. All diese Merkwürdigkeiten und Grausamkeiten lässt er mit todernster Ruhe und ohne jede Aufgeregtheit geschehen. Wer auf bizarren Humor und abseitige Szenarien steht, sollte ins Kino gehen – denn dort wird dieser „Liebesfilm“, der ursprünglich in Deutschland lediglich auf DVD erscheinen sollte, nun doch starten. Es wäre schade, wenn dieser Ausflug nicht vom verdienten Erfolg gekrönt wäre.

 

 

Filmplakat: Park Circus

Eine neue Freundin

EineneueFreundinBis vor zwei Jahren konnte ich mit dem französischen Regisseur François Ozon wirklich nichts anfangen. Im Gegenteil: Seine Filme „Swimming Pool“ und „Ricky“ und dabei insbesondere deren Charaktere nervten mich regelrecht. 2013 geschah dann Erstaunliches: Ein einziger Film namens „Jung & schön“ vermochte es, mich mit Ozon zu versöhnen. Entsprechend ambivalent waren die Gefühle im Vorfeld seines aktuellen Werkes: Eine neue Freundin. Rückfall in alte Zeiten oder Bestätigung der guten Form? Auch wenn „Eine neue Freundin“ etwas schwächer ist als „Jung & schön“, so gilt doch eindeutig letzteres. Im Mittelpunkt steht diesmal die Mittzwanzigerin Claire, die ihre seit Schulzeiten beste Freundin Laura verloren hat. Mit diesem Verlust ist sie allerdings nicht allein, denn Laura hinterließ auch einen Mann (David) und eine Tochter. Claire, selbst verheiratet, versprach ihrer besten Freundin, sich um David und das Kind zu kümmern. Als sie David besuchen möchte, findet sie ihn in ungewohntem Zustand vor: geschminkt, mit blonder Perücke und in den Kleidern von Laura. Zunächst gibt sich Claire angewidert, dann interessiert und schließlich taucht sie gemeinsam mit David beziehungsweise Virginia, wie sie ihn/sie später nennt, in ein Spiel um sexuelle Identität und verborgene Geheimnisse ein. Auch wenn das Thema nicht das „Skandalpotential“ von Ozons Vorgängerfilm besitzt, in dem er sich mit der Frage beschäftigte, wie normal es sein kann/sollte, wenn sich eine noch nicht ganz volljährige Frau prostituiert, geht es auch diesmal um Dinge, die in breiten Teilen der Gesellschaft leider noch als Tabu gelten. Ozon legt es aber nicht darauf an, mit aufklärerischem Eifer voranzugehen und die intoleranten Spießer zu verdammen, sondern nimmt seine Charaktere ganz einfach ernst und setzt voraus, im Publikum moralisch Gleichgesinnte vorzufinden. David kleidet sich gern wie eine Frau. Und für Claire war Laura womöglich mehr als nur eine beste Freundin. So what? Unaufgeregt und oft humorvoll mit (überkommenen) gesellschaftlichen Moralvorstellungen spielend („Warum hast du ihm gesagt, ich sei schwul?“ – „Das ist weniger schlimm.“), schickt er Claire, David und Virginia auf eine spannende Suche nach sich selbst. Das ist im Großen und Ganzen recht vorhersehbar und wirkt manchmal auch etwas ziellos. Vor allem dank der großartigen, schwer durchschaubaren Darsteller und Ozons sicherer Regie (die ersten wendungsreichen zehn Flashback-Minuten sind famos) ist „Eine neue Freundin“ dennoch unterhaltsam und insgesamt sehenswert.

 

Filmplakat: Weltkino