Ben Is Back

Ben Is BackKurz vor Weihnachten ist Ben zu seiner Familie zurückgekehrt. Was seine Mutter Holly freut, trifft bei Schwester Ivy und Stiefvater Neal auf großes Unverständnis. Eigentlich sollte sich Ben gerade in Therapie befinden, um seine Drogensucht zu überwinden – weit weg von Zuhause, wo ihn zahlreiche Orte und Menschen an den vermeintlichen Genuss erinnern. Doch sein Therapeut sei mit diesem Ausflug einverstanden, erzählt Ben. Während Teile seiner Familie mit der Situation nur schwer warm werden, betrachten andere Bekanntschaften seine Anwesenheit überaus positiv – und schicken ihn auf einen Trip, von dem es diesmal vielleicht keine Rückkehr geben wird. Ben Is Back gehört nicht zu den Filmen, die übermäßigen Drogenkonsum und dessen unmittelbare Auswirkungen auf die Abhängigen in den Mittelpunkt der Handlung stellen. Zu sehen sind vor allem zwei Personen: eine, die sich langsam erholt, aber in Angst vor einem Rückfall lebt, und eine andere, die ebenso kämpft und zweifelt. Lucas Hedges als Ben und Julia Roberts als Holly sind das heftig schlagende Herz dieses Films. Wenn sie miteinander reden, dann stets Klartext. Gleich zu Beginn trichtert Holly ihrem Sohn ein, dass er ihr „gehöre“, wenn er Weihnachten bei seiner Familie verbringen möchte. Später fährt sie mit Ben zum Friedhof und fordert ihn auf, eine Stelle für sein künftiges Grab zu wählen – das sei bald nötig, falls er sein Leben nicht grundsätzlich ändert. Innerhalb weniger Sekunden kann mühsam aufgebautes Vertrauen wieder in Misstrauen umschlagen – ein kleiner Scherz, den beide zunächst sogar als solchen empfinden, reicht manchmal schon aus. Genau wie das Drehbuch rückt auch die Kamera die beiden Darsteller*innen permanent in den Fokus. Mit ihren Bewegungen und Einstellungen zwingt sie förmlich dazu, in die Gesichter der Protagonist*innen zu schauen. Diese Aufmerksamkeit haben Hedges und Roberts verdient.

Filmplakat: Tobis

Manchester by the Sea

Manchester by the Sea - UniversalIrgendetwas hat diesen schweigsamen Mann, der einsam in Kneipen hockt, auf eindeutige Angebote nicht eingeht und aus banalen Anlässen heraus Schlägereien beginnt, kaputtgemacht. Rückblicke zeigen ihn als fröhlichen Familienvater. Doch davon ist in der Gegenwart nichts mehr zu sehen. Ein Anruf holt ihn in seine Heimatstadt zurück: Sein Bruder ist gestorben und hinterlässt einen 16-jährigen Sohn. Lee (grandios: Casey Affleck) soll sich nun um Patrick (ebenbürtig: Lucas Hedges) kümmern – so hat es der Verstorbene gewollt. Das jedoch erfährt Lee erst nach dessen Tod. In der zentralen Szene des Films, brillant zusammengeschnitten von Jennifer Lame, kommen all die quälenden Erinnerungen wieder hoch. Während Lee mit sich ringt, die Unterschrift unter die alleinige Vormundschaft für Patrick zu setzen, wirkt es fast so, als kämpften die herzzerreißenden Flashbacks gegen ihn an. Die endgültige Entscheidung wird bis zum Schluss von Manchester by the Sea auf sich warten lassen. Sie hängt maßgeblich davon ab, ob Lee bereit ist, in diese Stadt, in der er täglich an den Schmerz erinnert wird, zurückzukehren. Autor-Regisseur Kenneth Lonergan („Margaret“, „You Can Count on Me“) interessiert sich nicht für die üblichen Konflikte zwischen Pubertierendem und Vaterfigur. Seine Charaktere begegnen sich nahezu auf Augenhöhe. Auch muss Lee nicht beweisen, dass er ein guter Vater sein kann – das hat er schließlich bereits getan. Im Mittelpunkt steht vor allem die Frage, wer die besseren Argumente in Sachen Wohnort auf seiner Seite hat, denn Patrick möchte auf keinen Fall wegziehen. Trotz aller Schwere reichert Lonergan diese mühevollen „Verhandlungen“ mit erstaunlich viel Humor an. Doch eines ist auch klar: Ein Happy End kann es nicht geben. Dafür wiegen die Verluste einfach zu schwer.

 

 

Filmplakat: Universal