La La Land

La La Land - StudiocanalEs zerfetzt mir das Herz, sie weinen zu sehen. Mia, gespielt von Emma Stone, sitzt einfach nur da, an einem Tisch, sagt nichts, doch in ihren Augen spiegelt sich die ganze Enttäuschung, die sie in diesem Moment empfindet. Bis zu diesem folgenreichen Gespräch mit Sebastian, gespielt von Ryan Gosling, ist La La Land ein großer Freudenreigen: für die Figuren, die nach idealistischer Selbstverwirklichung und künstlerischen Erfolgen streben, aber vor allem für das staunende Publikum, dem Regisseur Damien Chazelle („Whiplash“) eine mitreißende Liebesgeschichte im Gewand eines gleichermaßen modernen wie nostalgischen Musicals präsentiert. Er nutzt die Möglichkeiten des zeitgenössischen Kinos, um gleich zu Beginn eine atemberaubende, scheinbar fast ungeschnittene Tanz- und Gesangseinlage auf einer Autobahn zu inszenieren, die sich – klammert man den technischen Aufwand aus – so anfühlt, als wäre sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Die mal nachdenkliche, mal abenteuerlustige Musik macht süchtig und der Dreiklang aus Energie, Leidenschaft und Ideenreichtum in der Präsentation der Musicalnummern lässt die Leinwand förmlich erbeben. Doch das Herz des Films ist Emma Stone, die all das ausstrahlt, was eine Figur in einem solchen Film braucht: Lust, Freude, Verlangen, Verletzlichkeit und nicht zuletzt eine Ambivalenz in ihren Gefühlen, die ihren Charakter zutiefst menschlich macht. Es passiert nicht oft, dass der bloße Anblick einer Schauspielerin mir die Tränen in die Augen treibt – in „La La Land“ geschieht dies unzählige Male. Alle Stärken des Films finden im furiosen Finale noch einmal zueinander. Dieses lässt zwar zunächst etwas ratlos zurück, doch das kurze Gefühl der Trauer wandelt sich – sobald die wesentliche Aussage über die Ungewissheiten des Lebens erkannt ist – in eine tiefe Zufriedenheit, die wohl niemals enden wird.

 

 

Filmplakat: Studiocanal

Into the Woods

Into The Woods plakatIch mag Musical-Filme. Der sogenannte Mainstream hat ein gespaltenes Verhältnis zu dieser Sorte Film. Einerseits belächelt Otto-Normal-Kinogänger gerne das illustre Gesinge, andererseits waren “Chicago” und “Mamma Mia!” die reinsten Publikumsmagneten und “The Rocky Horror Picture Show” ist blanker Kult. Die grandiosen Disney-Filme wie “Der König der Löwen” oder “Die Eiskönigin” sind nicht nur unterhaltsame Familienfilme, sondern zählen genau genommen zu den besten Musicals aller Zeiten. All das und viel mehr ist Into the Woods nicht. “Into the Woods” ist ein Desaster, das mit seiner umfangreichen Starbesetzung ins Herz des Mainstream zielt und damit sichtlich erfolgreich ist. Im Zenrum der diffusen Handlung steht ein Bäcker (James Corden) und seine Ehefrau (Emily Blunt), die von einer Hexe (Meryl Streep) unter Androhung ewiger Kinderlosigkeit erpresst werden, in den Wald zu ziehen und vier magische Gegenstände zu besorgen. Diese gehören zufälligerweise diversen Figuren aus der Märchenwelt, die der Autor James Lapine und Komponist Stephen Sondheim (!!!) alle der Einfachheit halber in ein- und denselben Wald buxiert und mit unsinnigen Charakterzeichnungen versehen haben. Über zwei Stunden irren die Märchenfiguren von kamerafreundlicher Lichtung zu kamerafreundlicher Lichtung, führen belanglose und flache Dialoge, belegen sich gegenseitig mit einem öden aber stressenden Sing-Sang, der auf der Inhaltsebene einer Kommentarfunktion für Sehgeschädigte gleichkommt und jeglichen, denkbaren Tiefgang vermissen lässt. Die eine geglückte Szene, in der zwei Exemplare der Gattung Prince Charming um die Wette Trällern, sich ein ums andere Mal mehr in die Brust werfen und somit lächerlich machen, zeigt deutlich, dass es “Into the Woods” mehr als gut getan hätte, wenn das ganze Märchen-Musical-Unterfangen mit einer erheblichen Wagenladung Augenzwinkern mehr ausgestattet worden wäre. Stattdessen schlufte die seichte “Bin ich ein guter Mensch? Was heißt das überhaupt”-Leier mit bierernst gemeinter Spaßigkeit von Szene zu Szene und lässt zu keinem Zeitpunkt einen Handlungsverlauf erkennen, der auch nur eine interessiert gehobene Augenbraue wert wäre. Meryl Streep, Anna Kendrick und Emily Blunt schaffen es zwar ihr grundsätzliches Sympathiepotenzial abzurufen, können jedoch zu keiner Sekunde von dem schrecklichen Gesamteindruck ablenken. Am Traurigsten dabei ist jedoch, wie unsäglich uninspiriert und nervtötend die Musik nahezu jeden Moment des Films nur noch unerträglicher macht. Dass dieser Film von Regisseur Rob Marshall und damit aus derselben Hand wie “Chicago” stammt, ist unbegreiflich. Der einzige Trost bei “Into the Woods” ist, dass man Johnny Depps Auftritt als großer böser Wolf schon nach dem ersten Drittel des Films nicht mehr ertragen muss.

 

 

Filmplakat: Walt Disney Pictures

Annie

Annie-poster-2Wer sagt denn, dass sich nur Action-Filme aus den Achtzigern und frühen Neunzigern remaken lassen? Zwar haben die Standards für aufregende Stunts und Feuerwerke in den letzten 20 Jahren einen dramatischen Wandel vollzogen, was eine 21th Century Verjüngungskur mit Sorgfaltsanspruch zu einer technisch und erzählerisch kniffligen Sache macht. Ich gucke in eure Richtung, “Total Recall” und “RoboCop”! Aber bei der soliden musikalischen Grundlage eines Kultmusicals wie “Annie” von 1982 kann doch eigentlich nichts schiefgehen, oder? (Diese Fangfrage habt ihr schon drei Meilen gegen den Wind gerochen, stimmts?) Die Grundpfeiler sind alle vorhanden: Auch in der 2015er Version steht das elternlose Kind Annie (Quvenzhané Wallis) im Mittelpunkt, dass zusammen mit anderen Mädchen bei einer grauenvollen Pflegemutter lebt und durch Zufall/Glück/Schicksal/Gottes Einwirken in das Leben eines Superduperreichen (Jamie Foxx) gerät, der Mr. Stacks heißt und gerne Bürgermeister von New York City werden will, weil, wer will das nicht? Zu Promozwecken überreden ihn seine Berater/Assistenten Grace (Rose Byrne) und Guy (Bobby Cannavale) dazu, Annie bei sich aufzunehmen und ihr die Schönheit der Welt zu zeigen, aka alles, was man für Geld kaufen oder zumindest mieten kann. Die Tatsache und freudige Feststellung, dass hier doch tatsächlich die zwei ursprünglich käseweißen Hauptrollen nun von zwei afroamerikanischen Schauspielern übernommen wurden, entpuppt sich nach einem anfänglich freudigen Schreck doch bald als die einzig nennenswerte Neuerung, die nicht total nach hinten losgegangen zu sein scheint. (Abgesehen davon, dass die beiden trotzdem die zwei afroamerikanischen Schwäne in einem Teich voller weißer Enten sind [Warum denn nicht all-black oder wenigstens 50/50, Regisseur Will Gluck? {#thewire}]) Die großteilig kultigen Musical-Songs wie “Tomorrow” und “It’s the Hard Knock Life” wurden mit diversen Beats und Synthesizertönen gerevamped und wirken in mindestens der Hälfte der Fälle peinlich modern. 100% peinlich modern sind in jedem Fall die Hyperhightech-Gadgets in Mr. Starks – ähm ich meine Mr. Stacks Firma/Wolkenkratzer, das ständige Rumgefummel mit Smartphones & Co. sowie die exzessive Einbindung von sozialen Medien in das, was Regisseur Will Gluck für die Handlung gehalten hat. Denn wie so viele Blockbuster und Möchtegernblockbuster entscheidet sich auch Annie an beinahe jeder Weggabelung dazu, lieber das zu wählen, was die Geschichte cooler macht, anstatt sie zu erden. Zwar gibt es die obligatorisch sentimentalen Szenen über die Waisenhaftigkeit von Annie und die geteilte Einsamkeit des Schwervermögenden Mr. Stacks, doch werden diese Impulse erstickt durch Kitsch und die größte Luxus-Materialschlacht seit “Der große Gatsby”. Annie im Jahr 2015 ist kein Mädchen, das entgegen ihres schweren Loses voller Lebensfreude ist, sondern das gelernt hat, in den richtigen Momenten zu Klagen und in der nächsten Sekunde wieder Zuckerwatte im Helicopter zu naschen.

 

 

Filmverleih: Columbia Pictures