Judy

JudyAls „Der Zauberer von Oz“ am 12. August 1939 in den USA seine Premiere feierte, war Hauptdarstellerin Judy Garland erst 17 Jahre alt. Glaubt man diversen Schilderungen, erlebte sie während der Dreharbeiten eine an Folter grenzende Behandlung, inklusive Schlaflosigkeit und sexueller Belästigung. Das von Rupert Goold („True Story“) inszenierte und auf einem Musical basierende Biopic Judy zeigt, dass diese Misshandlungen sie bis in die Monate vor ihrem Tod im Juni 1969 prägten. Bei ihren Auftritten als Sängerin in London erlebt sie Höhen und Tiefen – als Mensch und als Künstlerin. Alkohol spielt dabei eine ebenso große Rolle wie (enttäuschte) Liebe. Während manche Szenen – etwa der spontane Abend mit einem schwulen Paar – zu Tränen rühren, kratzen andere nur an der Oberfläche. Im Kern ist „Judy“ vor allem eine grandiose Renée-Zellweger-Show. Das offenbar stets Theatralische im Auftreten von Garland muss man allerdings mögen, um diesen Film wirklich genießen zu können.

Filmplakat: eOne Germany

Green Room

Green RoomSie sind jung und brauchen das Geld. Einzig aus diesem Grund entschließt sich die vierköpfige Punk-Rock-Band „Ain’t Rights“ dazu, in einer abgelegenen Nazikneipe aufzutreten. Obwohl die jungen Musiker gleich zu Beginn mit einem „Nazi Punks, Fuck Off“ betitelten Coversong provozieren, scheinen sie heil aus der Angelegenheit herauszukommen. Doch bedauerlicherweise hat einer von ihnen sein Handy im Aufenthaltsraum, dem sogenannten Green Room, vergessen und wird beim Abholen Zeuge eines Mordes. Die Band verschanzt sich in dem Raum und hofft zunächst auf Gnade. Doch Bar-Eigentümer Darcy, gespielt von Patrick Stewart, hat nur eines im Sinn: die unliebsamen Zeugen loszuwerden. Weshalb er ihnen Kampfhunde und diverse Nazis auf den Hals hetzt. Von nun an wird’s ziemlich blutig und brutal. Aufgeschlitzte Bäuche und Kehlen sowie heftig malträtierte Arme, Beine und Köpfe haben Green Room in Deutschland eine Freigabe ab 18 Jahren beschert. Der Härtegrad ist enorm, aber nicht selbstzweckhaft, sondern der Thematik angemessen. Regisseur und Drehbuchautor Jeremy Saulnier („Blue Ruin“) macht zunächst vieles richtig, spart sich unnötige Details und kommt somit recht schnell zur Sache. Dass sich eine Gruppe junger Leute in einer Hütte im Wald nicht gegen Zombies, sondern gegen Nazis wehren muss, sorgt für Abwechslung im Survival-Genre. Noch schöner wäre es jedoch gewesen, wenn es im weiteren Verlauf tatsächlich eine Bedeutung gehabt hätte, dass Punks gegen besorgte Bürger kämpfen. So bleiben die Rollen ziemlich austauschbar; anstelle der Nazis hätten es auch beliebige andere Schwerstkriminelle sein können. Zudem kann sich Saulnier nicht so recht entscheiden, ob er für seine Charaktere Empathie erzeugen oder einen „Partyfilm“ mit kultigen Momenten abliefern möchte. Wenn Figuren vor ihrem absehbaren Ableben ständig klischeehaft „Oh shit“ rufen, kann man das Geschehen jedenfalls nur schwerlich ernst nehmen. Zum Lachen ist einem andererseits aber ebenfalls nicht zu Mute. Dennoch: Trotz einiger Genreklischees bietet „Green Room“ genügend Atmosphäre, Spannung und Härte, um sich eine Empfehlung zu verdienen.

 

 

Filmplakat: Universum

Whiplash

whiplash-posterEin Schlagzeug steht in einem kleinen und kargen Raum, die Wände mit billiger Farbe bemalt. Eine Fotografie des legendären Drummers Buddy Rich klebt daran. Auf dem Drumhocker sitzt ein schlaksiger Junge (Miles Teller) mit muskulösen Armen, sein weißes T-Shirt ist mit Schweißflecken übersät. Seine Finger bluten, rote Spritzer kleben auf Becken und Trommeln. Andrew senkt seine rechte Faust für ein paar Sekunden in einen Becher mit Eiswasser und beginnt dann von Neuem mit seinen Sticks auf das Schlagzeug einzuhämmern wie ein Wahnsinniger. Vom Rhythmus seines Spiels getrieben springen wir von den Gliedern seines Instruments zu seinem schmerzverzerrten Gesicht zu dem durch die Luft spritzenden Tropfen hin und her, jede Regung diktiert vom Beat. Andrews Gedanken sind in diesem Moment nicht mehr bei seinem Vater (Paul Reiser), der sich im Kino dafür entschuldigt, wenn er von ein paar Arschlöchern angerempelt wird. Er denkt auch nicht an den großen Fletcher (J.K. Simmons), dem berühmt-berüchtigten Professor des renommierten Shaffer Conservatory of Music in New York City, der ihn am ersten Tag in seiner Studio-Band väterlich in den Arm nahm und viel Spaß wünschte, nur um ihn Minuten später beinahe mit einem Stuhl zu enthaupten. Er denkt nur an die Beats, das Tempo, die Hits. Und die Geschwindigkeit seiner Double-Time-Swings. Von einer unbändigen Atmosphäre des Ehrgeizes, der Selbstverachtung, manischer Gefühlsausbrüche und der Leidenschaft zu höchster musikalischer Brillanz getrieben, wurde Whiplash von Regisseur- und Drehbuchgrünschnabel Damien Chazelle zu der vielleicht berechtigsten Indiefilmsensation seit der Erfindung von Sprühsahne. Die Beliebtheit sowohl beim Kinopublikum als auch bei den Kritikern und Preisjurys – Audience Award und Grand Jury Prize beim Sundance Festival 2014, um nur zwei zu nennen – verdankt “Whiplash” wohl in erster Linie der kompromisslosen Geschliffenheit seiner Figuren, der schnörkellosen Handlung und blendenden Bild-Ton-Synergie. Die Hauptdarsteller Miles Teller und J.K. Simmons stürzen sich in ein schauspielerisch makelloses Psychoduell, wirken dabei sympathisch-identifizierbar und monströs-unwirklich zugleich. Der organisch-treibenden Story folgend, Plot und Charakterantrieb scheinbar mühelos verschmolzen, jagen die Darsteller dabei mit jedem Beat weiter auf das unausweichliche Finale zu, das alle Etagen des Handungsebenenhochhauses aufeinanderstürzen und selbst Jazz-Newbies wir mir mit jeder harmonischen Schnittfolge die musikalische Kinnlade ein Stück weiter offenstehen lässt. Und bevor ich den “Whiplash”-Ohrwurm je wieder loswerde, muss ich mir Wohl oder Übel erst die Ohren mit einer Drahtbürste reinigen.

 

 

Filmplakat: Sony Pictures Classic

Manolo und das Buch des Lebens

ManoloHätte es solche Wetten bei „Wetten, dass…“ gegeben, wäre Markus Lanz jetzt vielleicht noch auf Sendung. Am Tag der Toten, an welchem jener durch die Lebenden gedacht wird, besuchen die Geister La Muerte, liebevolle Herrscherin über das Reich der Erinnerten, und Xibalbá, hinterlistiger Herrscher über das Reich der Vergessenen, die Erde. Sie erspähen dort ein Mädchen namens Maria, das von zwei Halbwaisen – Manolo und Joaquín – umworben wird. Der eine liebt neben Maria die Musik, soll gemäß alter Familientradition aber ein großer Matador werden. Der andere sieht sich in die Fußstapfen seines Vaters treten, der ein großer Krieger war. La Muerte und Xibalbá schließen eine Wette ab, welcher der beiden Heranwachsenden zuerst Marias Herz erobert. Doch Xibalbá spielt nicht fair und lockt Manolo in eine tödliche Falle, wodurch dieser im Reich der Erinnerten landet. Manolo und das Buch des Lebens ist ein US-amerikanischer Animationsfilm, hat aber kaum etwas mit den meisten Artgenossen aus diesem Land zu tun. Drehbuchautor und Regisseur Jorge R. Gutiérrez sowie seinen Tricktechnikern ist ein romantischer, witziger (auch selbstironischer) und detailbesessener Film gelungen, der technisch nicht auf höchstem Niveau spielen und das Rad nicht komplett neu erfinden mag, neben den genannten Stärken aber vor allem auf eine nicht bereits hundertmal erzählte Story und originelle, liebenswürdige Charaktere mit Wiedererkennungswert setzt. Besonders hervorzuheben ist das Bemühen, Männlichkeitsrituale, Frauenrollen, vermeintlich unantastbare Traditionen und generell gesellschaftliche Zwänge kritisch zu hinterfragen. Stattdessen feiert man das Leben, die Liebe und – gewissermaßen – auch den Tod. Ja, selten hat ein Animationsfilm das Sterben so sehr zum Thema gemacht und dabei am Ende dennoch so viel gute Laune verbreitet. Das alles zusammengenommen macht „Manolo“ zu einem für Erwachsene sehenswerten und für Kinder lehrreichen Film.

 

Filmplakat: 20th Century Fox