Undine

Es beginnt mit einer Trennung. Undine (Paula Beer) sitzt mit ihrem Freund in einem Berliner Café und erfährt, dass dieser sie wegen einer anderen Frau verlassen möchte. Der Mythologie nach müsste sie ihn für diesen „Verrat“ töten. Doch es geschieht zunächst etwas anderes: Nur eine halbe Stunde später trifft Undine am selben Ort auf Christoph (Franz Rogowski). Nach einem Missgeschick liegen beide blutend und durchnässt nebeneinander auf dem Boden; kurz darauf sind sie ein Paar. Regisseur Christian Petzold zeigt die erste Begegnung und die daraus folgende Liebe mit knisternder Erotik statt nervigem Kitsch. Über die Charaktere erfährt man wenig; man spürt aber, was sie füreinander empfinden. Undine ist ein zärtlicher, poetischer und ruhig inszenierter Mystery-Liebesfilm, in dem sich eine Männerphantasie auf brutale Weise emanzipiert und es stark von der individuellen Wahrnehmung abhängt, ob der Schluss ein Happy End sein kann.

Filmplakat: Piffl Medien

The Vast of Night

Es ist ein sommerlicher Abend in einer Kleinstadt in New Mexico irgendwann in den 50er Jahren. Fast alle Einwohner*innen sind bei einem Basketballspiel. Everett ist nicht da, denn er moderiert im Radio. Auch Fay ist anderweitig beschäftigt; sie arbeitet als Telefonistin im Fernsprechverkehr. Als Fay in einer Leitung ein merkwürdiges Geräusch hört und ein Anrufer bei Everett von einem Militäreinsatz mit einem unbekannten Objekt erzählt, ist schnell klar: Hier sind offenbar Ufos im Spiel. Das mit nur 700.000 US-Dollar auf die Beine gestellte The Vast of Night bietet weder Spektakel noch Überraschungen – und ist trotzdem gelungen. Denn es ist flott und nahezu in Echtzeit erzählt, atmosphärisch, düster, aber irgendwie auch ziemlich entspannt. Die Kamera klebt förmlich an Everett und Fay, die wegen des kleinen Budgets viel Zeit am Tele- beziehungsweise Mikrofon verbringen. Aber das reicht aus. Denn den Tatendrang und die Verwunderung der beiden charismatischen Figuren zu beobachten, ist das größte Vergnügen an diesem Film.

Filmplakat: Amazon

Into the Night (Staffel 1)

Die Prämisse ist so simpel wie elektrisierend: Rund ein dutzend Menschen sitzen in einem Flugzeug, das immer weiter in den Westen fliegen muss, um dem Sonnenlicht zu entkommen. Denn die Sonne ist zum Feind geworden, der alles tötet, was sich in seiner Anwesenheit auf der Erdoberfläche befindet. Einiges bei Into the Night – das Flugzeug, die Rückblenden, der Mystery-Faktor, die dunklen Geheimnisse, der begrenzte Raum – erinnert an „Lost“. Vor allem in der ersten und letzten Folge dieser Staffel ist die Spannung fast durchweg am Anschlag, weil hier das Gefühl permanenten Zeitdrucks, großer Ungewissheit und unaufhörlicher Rastlosigkeit besonders stark vermittelt wird. Zwischendurch beschäftigt sich „Into the Night“ mit den Konflikten innerhalb der Gruppe – was mal mehr und mal weniger überzeugend geschieht. Diese Serie aus Belgien ist nicht besonders originell und nicht besonders clever, aber meistens rasant genug erzählt, um zumindest Freund*innen des Genres zu beglücken.

Serienplakat: Netflix

Horse Girl

Horse Girl - NetflixSarah verbringt ihren Geburtstagsabend gemeinsam mit ihrer Lieblingsserie daheim – so wie jeden anderen Abend auch. Mitbewohnerin Nikki sieht das und lädt einen netten Mann ein. Dieser und Sarah sind sofort auf einer Wellenlänge. Es kommt zwar nicht zum Kuss, an dem beide offensichtlich interessiert sind, aber immerhin zu einer Verabredung zu einem (weiteren) Date. Was als schüchterne Lovestory beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Genrehybriden aus Mystery-Thriller, Psycho-Drama und irgendetwas zwischen Fantasy und Science-Fiction. Denn Sarah leidet offenbar unter Paranoia und wähnt sich im Zentrum einer Verschwörung. Was anfangs eher witzig ist – etwa wenn Sarah ihren HNO-Arzt fragt, wie sich feststellen lässt, ob sie ein Klon ist –, kippt zunehmend ins schmerzhaft Tragische. Dass die Sprünge zwischen den Genres in Horse Girl so gut gelingen, liegt vor allem an Alison Brie. Wie sie – teilweise im Sekundentakt – zwischen Wut, Angst, Freude, Trauer, Skepsis und Enttäuschung umschaltet, ist außergewöhnlich gut.

Filmplakat: Netflix

The Society (Staffel 1)

SocietyFilme und Serien, die sich mit der Frage beschäftigen, was passiert, wenn sich eine Gesellschaft von einem Augenblick zum anderen radikal verändert, faszinieren mich seit meiner Jugend. Nach dem Flugzeugabsturz in „Lost“ gab es für die Überlebenden auf der Insel den Kapitalismus sowie die bis dahin akzeptierten Autoritäten und Herrschaftsformen nicht mehr. Ähnlich ergeht es den Schüler*innen in der Netflix-Serie The Society. Nachdem sie nachts vorzeitig von einem Busausflug zurückkehren, müssen sie feststellen, dass ihre Kleinstadt verlassen ist. Eltern, Lehrer*innen, Polizei – alle weg. Die Technik funktioniert noch immer, doch der Kontakt zur Außenwelt ist abgeschnitten – unter anderem von Bäumen an den Stellen, an denen zuvor Straßen waren. Den ersten Überlegungen zufolge befinden sich die Jugendlichen wohl in einer anderen Dimension. Um sie herum existiert offenbar nichts außer Wald. Schnell gibt es eine freundliche Anführerin, die Regeln für die grundsätzlichen Bedürfnisse wie Essen und Wohnen formuliert, an die sich zunächst alle halten. Genau wie in der ersten Staffel von „Lost“ spielt das zentrale Mysterium nur eine untergeordnete Rolle. Die sozialen Beziehungen stehen im Mittelpunkt. Besonders gut funktioniert „The Society“, wenn die Charaktere mit jenen Konflikten konfrontiert sind, die sie schon länger beschäftigen; wenn es um sexuelle Identität, toxische Partnerschaften, Außenseiter*innen, Rivalitäten und Schwangerschaft geht. Dabei entstehen einige wunderschön intime Momente, in denen eine bloße Umarmung mal alles und mal gar nichts ändert. Die politische Ebene hingegen enttäuscht. Ständig sind die Charaktere gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die das Leben aller Menschen in der Gesellschaft beeinflussen. Jene, die entscheiden wollen oder sollen oder dürfen, greifen zu teils drastischen Maßnahmen, die häufig nicht plausibel erscheinen, weil sie kaum begründet und durch das bisherige Verhalten der Charaktere kaum zu erklären sind. Während sich in „Lost“ manche Konflikte über mehrere Staffeln zuspitzen und diese von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden, entscheidet sich in „The Society“ vieles innerhalb einer Folge. Zwischen den wichtigsten Akteur*innen gibt es keine tiefgründigen Diskussionen darüber, was richtig oder falsch ist. Dass es innerhalb der Gesellschaft andere Meinungen als die dominierenden gibt, deutet sich nur gelegentlich an. Der Wettstreit um die beste Gesellschaftsform, der doch eigentlich das Herz einer solchen Serie sein sollte, findet zwar statt, aber ohne viele Argumente. So soll man letztlich mit einer kleinen Gruppe sympathisieren, die untereinander liebevoll, aber nach außen autoritär, ja fast diktatorisch agiert, andere gnadenlos bestraft und dem eigenen „Sicherheitspersonal“ sogar Folter und sexuelle Übergriffe gestattet. Das passiert halt, weil Macht korrumpiert, soll wohl die Botschaft lauten. Vielleicht ist das so. Umso schöner wäre es gewesen, zur Abwechslung mal eine Gesellschaft zu sehen, die sich von Herrschaft und Machtmissbrauch befreit – oder es zumindest versucht.

Filmplakat: Netflix

Glass

GlassMit dem unkonventionellen Superheldenfilm Glass endet die – zumindest von Fans – sogenannte „Eastrail 177“-Trilogie und damit ein Stück Kinogeschichte. Es dürfte keinen vergleichbaren Fall gegeben haben, in dem erst das Ende eines Films verraten hat, dass es sich eigentlich um eine Fortsetzung zu einem anderen Film handelt. Nach dem fast 20 Jahre alten „Unbreakable“ und dem noch jungen „Split“ vereint M. Night Shyamalan nun seine außergewöhnlichen Charaktere. Bereits nach wenigen Minuten treffen der offenbar unverwundbare David Dunn (Bruce Willis), der genial-gefährliche Mr. Glass (Samuel L. Jackson) und die 24 Identitäten des Kevin Wendell Crumb (James McAvoy) in einer therapeutischen Einrichtung aufeinander. Dort versucht die von Sarah Paulson gespielte Ärztin Ellie Staple ihre außergewöhnlichen Patienten davon zu überzeugen, dass deren Fähigkeiten plausibel erklärbar sind – und liefert dafür überzeugende Argumente. „Glass“ dreht das Rad also wieder zurück. Nachdem Shyamalan sein Publikum erst davon überzeugt hat, dass unter anderem die Bestie tatsächlich existiert, weckt er jetzt wieder massive Zweifel daran. Das Klinikszenario bricht dabei mit den Erwartungen, die man nach dem Ende von „Split“ und den ersten Minuten von „Glass“ haben durfte; es gibt zunächst keine direkte Konfrontation zwischen Dunn und Crumb, allenfalls eine therapeutische. Unterhaltsam und spannend ist es dennoch – schließlich ahnt man ja, dass da noch etwas im Verborgenen lauert. Auch in der zweiten Filmhälfte weiß Shyamalan immer wieder zu überraschen, aber nicht alle Ideen passen zueinander. „Glass“ ist insgesamt weniger ein stimmiges Ganzes als vielmehr die faszinierende Summe starker Szenen, überzeugender Darsteller*innen und eigenwilliger Perspektiven auf das Comic-Genre. Im Gegensatz zu den beiden Vorgängern bleibt das Emotionale diesmal leider auf der Strecke.

Filmplakat: Walt Disney

Split

Split - UniversalShyamalan. – Hallo, liest noch jemand weiter? Gut. Vor drei bis vier Jahren hätte es ausgereicht, in einer Rezension den Namen dieses Regisseurs zu erwähnen, um ein verzweifeltes Stöhnen und wütende „Aufhören“-Rufe zu ernten. Mit „Lady in the Water“, „The Happening“, „The Last Airbender“ und „After Earth“ hatte es sich der einstige Regie-Star mit Publikum und Kritik verscherzt. Für manche war der Spaß aber auch schon nach „The Village“ vorbei. Was ich nie nachvollziehen konnte – für mich ist das bis heute Shyamalans bester Film. Bereits mit dem komödiantischen Found-Footage-Horror „The Visit“ beschritt Shyamalan vor etwas mehr als einem Jahr nicht nur ein für ihn ungewohntes Terrain, sondern auch den Weg zu einem Comeback als seriöser Filmemacher. Und nun, was ist mit Split? Schwer zu sagen. Nicht, weil es keine klare Tendenz gäbe – die ist positiv –, sondern weil man den Film eigentlich nicht ansatzweise spoilern möchte. Nur so viel: James McAvoy spielt darin einen Mann mit mehreren Persönlichkeiten, der aus irgendeinem Grund drei junge Frauen entführt. Durchgehend spannend und frei von erzählerischen Schwächen ist das nicht. Aber es ist faszinierend, Stück für Stück zu erfahren, wie diese Persönlichkeitsstörung funktioniert und was sie für das Schicksal der einzelnen Figuren bedeutet. Das allein trägt dank der hervorragenden, vielseitigen Darstellung von McAvoy fast den kompletten Film. Shyamalan wurde und wird ja gerne auf tatsächlich oder vermeintlich überraschende Twists reduziert, die aber eigentlich nie das Wesentliche in seinen auf die Entwicklung der Charaktere fokussierten Filmen waren. So viel kann man wohl verraten: Am Ende von „Split“ passiert etwas, was es in dieser Form in der Filmgeschichte wohl noch nicht gegeben hat. Zusammen mit den anderen Stärken ergibt das ein gelungenes Comeback.

keine Trailer-Einbettung wegen massiver Spoiler

Filmplakat: Universal