Raus

RausRaus. Ja, das beschreibt sie ganz gut, die Gedanken, die spätestens nach einer halben Stunde durch meinen Kopf rasen. Raus aus dem Kinosaal, irgendwas konsumieren, bestenfalls Bier und Nutella, und schnell vergessen. Aber das funktioniert nicht. Ich schaue Filme von der ersten bis zur letzten Minute; selbst Filme wie Raus, die sich anfühlen wie ein Gedicht von Julia Engelmann, das einfach nicht aufhören möchte. „Raus“ ist ähnlich belanglos und nichtssagend, aber immerhin ohne den neoliberalen „Du schaffst das ganz alleine, wenn du es nur willst“-Quark. Die fünf jugendlichen Protagonist*innen in „Raus“ haben ebenfalls keine Lust mehr auf „Ich-Ich-Ich“, sinnlosen Konsum, Tierquälerei und all die anderen Zumutungen der modernen Gesellschaft. Was sie erstmal sympathisch macht und mich neugierig. Doch dann folgen die Aussteiger*innen einem anonymen Social-Media-Aufruf in den Wald und die Tortur beginnt – für sie, aber vor allem für mich. Die Dialoge stehen völlig im Kontrast zur Umgebung; sie klingen nicht natürlich, sondern steril und auswendig gelernt; und sie verraten nichts über die Charaktere, was hinausgeht über hohle Phrasen und Offenbarungen wie „Wer so mutig ist wie [ein Typ, der via Youtube dazu aufruft, dass alle gleichzeitig keine Miete mehr überweisen], der darf mich sofort nehmen [ficken]“. Zudem ist ein Regisseur am Werk, der bislang vor allem Musikvideos gedreht hat und nun offenbar alles in den Topf wirft, was ihm gerade in die Hand fällt: Elemente des Horrorgenres, die nicht zum Ton des restlichen Films passen, Slow-Motion-Aufnahmen, Wackelkamera, seitlich abkippende Bilder, hektische Schnitte sowie klischeehafte „Jetzt haben wir ein neues Leben begonnen“-Montagen mit Nacktbaden, Schlammbaden und dem unvermeidlichen Sonnenlicht. Die durchgängig harmlosen Popsongs bilden dabei so etwas wie einen roten Faden. Das alles wäre irgendwie zu ertragen, würden sich die Charaktere nicht so verhalten, als wären sie zu oft gegen einen Baum gerannt. Aber vor allem in der letzten halben Stunde ist „Raus“ eine fast körperliche Qual; eine Grenzerfahrung, wie man sie im Kino selten erlebt. Es stellt sich heraus – Achtung, Spoiler –, dass die anonyme Person, die den Trip in den Wald organisiert haben soll, tatsächlich eine*r der fünf Protagonist*innen ist. Jemand hat also gelogen – das ist nicht nett, aber der Weg ist ja das Ziel und die Hütte, die man gemeinsam sucht, existiert tatsächlich. Halb so wild also. Denkste. Nachdem die anderen vier Leute davon erfahren haben und unfassbar alberne Gesichtsausdrücke zeigen durften, fesseln sie den Lügner an einen Baum, foltern ihn und lassen ihn fast sterben. Sollte es stimmen, dass „Raus“ tatsächlich „das Lebensgefühl der Generation Z einfängt“ (O-Ton aus dem Presseheft), dann sind wir alle richtig am Arsch.

Filmplakat: Farbfilm

The Revenant

TheRevenant_FoxAlejandro González Iñárritu gehört zu den besten Filmemachern der Gegenwart. Das war mir eigentlich schon seit seinem letztjährigen Meisterwerk „Birdman“ klar, doch nun bin ich mir wirklich sicher. Wer ein Mammutprojekt wie The Revenant, das sich auf nahezu allen Ebenen des Filmemachens von seinem Vorgänger unterscheidet, zu einem solch würdigen Ende bringt, muss verehrt werden. Statt von der Kunst des Theaters handelt sein neuer Film von der Kunst des Überlebens. Den lebendigen und farbenfrohen Mikrokosmos eines Backstage-Bereiches ersetzt die unendliche, kalte, tote, menschenfeindliche Weite der amerikanischen Wildnis im Jahre 1823. Und anstelle von feurigen Dialogen regiert die eisige Stille. Hugh Class, gespielt vom wieder einmal grenzüberschreitend guten Leonardo DiCaprio, ist der einsame, schweigsame Kämpfer, dem nur noch ein Ziel im Leben geblieben ist: vergangenes Unrecht zu sühnen. Es ist eine grausame Zeit, in der Solidarität keine Waffe ist, sondern in den Untergang führt. Kameramann Emmanuel Lubezki, genau wie Iñárritu einer der Größten seiner Zeit, fährt den Protagonisten in einem Moment direkt ins angsterfüllte, zornige oder wild entschlossene Gesicht, nur um sie Augenblicke später wieder in der Weitwinkel-Optik verloren gehen zu lassen. „The Revenant“ ist vor allem und fast ausschließlich visuelles Überwältigungskino, mit einer als Hauptdarsteller agierenden Natur und poetischen, kraftvollen Bildern, die an die besten – ebenfalls von Lubezki gestalteten – Filme eines Terrence Malick erinnern. „The Revenant“ ist die Summe unzähliger beeindruckender Momente und Ideen, fesselt jedoch nicht von der ersten bis zur letzten Minute. Das unterscheidet ihn von „Birdman“ und macht ihn zu einem nicht ganz so grandiosen Film. Ein Ereignis, das unbedingt im Kino gesehen werden muss, ist „The Revenant“ dennoch.

 

 

Filmplakat: 20th Century Fox