Douglas

„Hannah Gadsby hat Comedy neu erfundenund „Hannah Gadsby weiß nicht, was Comedy ist“ – zwischen diesen Extremen bewegten sich 2018 die Reaktionen auf den unglaublichen Erfolg ihres ersten Netflix-Specials „Nanette“. Wer diese Show noch nicht gesehen hat, sollte jetzt aufhören zu lesen und sich den Abend freinehmen, denn ihr zweites Special Douglas, das diese Woche Online-Premiere feierte, schließt nahtlos daran an. Hannah bleibt sich darin thematisch treu und findet Humor, wo man ihn nicht erwarten würde: in Trauma. Als queere, übergewichtige Autistin, die es wagt, auf Bühnen Witze über das Patriarchat und ihre folglich sehr zahlreichen Hater zu machen, geht ihr der Stoff nicht so schnell aus. Und trotzdem ist „Douglas“ schon wieder eine Neuerfindung des Stand-Up. Ohne zu viel verraten zu wollen: Das Thema dieses Specials ist Hannahs Autismus und warum er sie zu so einer genialen Komikerin und Aktivistin macht. Es ist wirklich nicht zu viel versprochen, wenn ich sage: Ihr werdet lachen, ihr werdet weinen (vor Wut) und ihr werdet ein bisschen besser verstehen, warum die Welt ist, wie sie ist.

Showplakat: Netflix

The Midnight Gospel

Worüber spricht man, kurz bevor die Welt untergeht? Zum Glück gibt es auf diese Frage keine eindeutige Antwort, sonst wäre Netflix’ neustes Adult-Cartoon-Experiment ein Kurzfilm und keine Serie geworden. In The Midnight Gospel lässt sich der selbsternannte Spacecaster Clancy, für coolen Content täglich von seinem Multiverse Simulator auf apokalyptische Planeten hochladen, auf denen er jemanden dann solange interviewt, bis diese*r sein apokalyptisches Ende findet. Soweit mitgekommen? Cool!

Die Show ist das gemeinsame Brainchild von Comedian Duncan Trussell („The Duncan Trussell Family Hour“) und Cartoonist Pendleton Ward („Adventure Time“). Trussells spirituell tiefgründige und trotzdem witzige Podcast-Interviews, inspirierten Ward dazu, diese Gespräche mit trippigen, Action-Adventure Cartoons zu kombinieren, um etwas noch witzigeres und schöneres daraus zu machen. Wenn man sich darauf einlässt, kann die Show, wie der Name schon sagt, ein „Gospel“ (eine „gute Nachricht“) am Ende der Welt sein – perfektes Timing also.

Serienplakat: Netflix

The Decline

Decline - NetflixIn Deutschland häuften sich zuletzt die Meldungen über – meist rechtsradikale – Einzelpersonen und Gruppen, die Nahrungsmittel, Waffen, Munition und andere nützliche Gegenstände sammeln, um sich auf den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung vorzubereiten oder diesen gar selbst herbeizuführen. Auch das im Survivalthriller The Decline an einem abgelegenen Ort in Kanada stattfindende Trainingslager hat einen solchen Hintergrund. Einige Teilnehmer*innen fürchten sich vor Naturkatastrophen oder einer Pandemie, andere schwadronieren über eine „Invasion“ durch Migrant*innen. Als es beim Waffentraining einen Zwischenfall gibt, ist all das aber egal. Die tödliche Gefahr ist nun real und ernährt sich vom gegenseitigen Misstrauen. Angenehm kurz, kompromisslos hart, schön verschneit und mit dem unschlagbaren Bonus eigentlich nicht beabsichtigter Coronavirus-Anspielungen im Rücken ist das der ideale Film für alle, denen die Realität im Moment noch nicht grausam genug ist.

Filmplakat: Netflix

The Platform

The Platform - NetflixDas Szenario ist so simpel wie beängstigend: In einem vertikalen Gefängnis mit dutzenden Ebenen teilen sich jeweils zwei Inhaftierte eine Zelle. In der Mitte der Räume klafft ein riesiges Loch, durch das einmal täglich eine Plattform mit Essen von oben nach unten fährt. Wer zuerst dran ist, hat eine große Auswahl; wer weit unten wohnt, bekommt nur noch die Reste – im besten Fall. Genau wie in „Cube“ und ähnlich dystopischen SciFi-Horrorfilmen sollte man in The Platform nicht auf Erklärungen warten. Unter welchen Umständen eine solch menschenverachtende Anstalt entstehen konnte, bleibt bis zum Ende offen. Interessant sind neben der schrittweisen Erkundung des Gebäudes vor allem die Fragen zum Zustand einer Gemeinschaft, in der es um Verteilungskämpfe, Egoismus und Solidarität geht. Leider ruiniert der letzte Akt einen bis dahin gelungenen Film, der nun ins Spirituelle abrutscht und nicht plausibel erklären kann, warum die Charaktere davon überzeugt sind, mit ihren finalen Handlungen den Weg in ein besseres Leben gefunden zu haben.

Filmplakat: Netflix

Dracula

Dracula - NetflixRichtig viel Eindruck konnte Dracula in den vergangenen Jahren in Filmen nicht hinterlassen. Die beiden wohl bekanntesten Adaptionen der jüngsten 20 Jahre – „Van Helsing“ (2004) und „Dracula Untold“ (2014) – waren zwar kommerziell erfolgreich, aber bei Cineast*innen unbeliebt. Diesen Missstand hat eine TV-Miniserie aus Großbritannien nun behoben. Die drei Teile erzählen jeweils eine Geschichte, die weitgehend für sich selbst steht, aber gleichzeitig mit den anderen verbunden ist. Während vor allem die erste Episode, die größtenteils in einem riesigen Schloss in den Karpaten spielt, sehr klassisch wirkt, wagen die Filmemacher*innen im letzten Teil einen mutigen Schritt in die Moderne. Was die Folgen eint, ist die gelungene Mischung aus blutigem Horror und schwarzem Humor sowie die alles überragende Dracula-Interpretation des Hauptdarstellers Claes Bang, die dafür sorgt, dass man den dunklen Grafen mit seiner stolz präsentierten und immer wieder ins Lächerliche gezogenen Männlichkeit sowohl fürchtet und liebt als auch verabscheut.

Plakat: Netflix