Split

Split - UniversalShyamalan. – Hallo, liest noch jemand weiter? Gut. Vor drei bis vier Jahren hätte es ausgereicht, in einer Rezension den Namen dieses Regisseurs zu erwähnen, um ein verzweifeltes Stöhnen und wütende „Aufhören“-Rufe zu ernten. Mit „Lady in the Water“, „The Happening“, „The Last Airbender“ und „After Earth“ hatte es sich der einstige Regie-Star mit Publikum und Kritik verscherzt. Für manche war der Spaß aber auch schon nach „The Village“ vorbei. Was ich nie nachvollziehen konnte – für mich ist das bis heute Shyamalans bester Film. Bereits mit dem komödiantischen Found-Footage-Horror „The Visit“ beschritt Shyamalan vor etwas mehr als einem Jahr nicht nur ein für ihn ungewohntes Terrain, sondern auch den Weg zu einem Comeback als seriöser Filmemacher. Und nun, was ist mit Split? Schwer zu sagen. Nicht, weil es keine klare Tendenz gäbe – die ist positiv –, sondern weil man den Film eigentlich nicht ansatzweise spoilern möchte. Nur so viel: James McAvoy spielt darin einen Mann mit mehreren Persönlichkeiten, der aus irgendeinem Grund drei junge Frauen entführt. Durchgehend spannend und frei von erzählerischen Schwächen ist das nicht. Aber es ist faszinierend, Stück für Stück zu erfahren, wie diese Persönlichkeitsstörung funktioniert und was sie für das Schicksal der einzelnen Figuren bedeutet. Das allein trägt dank der hervorragenden, vielseitigen Darstellung von McAvoy fast den kompletten Film. Shyamalan wurde und wird ja gerne auf tatsächlich oder vermeintlich überraschende Twists reduziert, die aber eigentlich nie das Wesentliche in seinen auf die Entwicklung der Charaktere fokussierten Filmen waren. So viel kann man wohl verraten: Am Ende von „Split“ passiert etwas, was es in dieser Form in der Filmgeschichte wohl noch nicht gegeben hat. Zusammen mit den anderen Stärken ergibt das ein gelungenes Comeback.

keine Trailer-Einbettung wegen massiver Spoiler

Filmplakat: Universal

Suburra

Suburra - Koch MediaDie Apokalypse steht am Anfang. Zumindest ihre Ankündigung. In sieben Tagen soll es so weit sein, erklärt uns eine Texttafel zu Beginn des italienischen Neo-Noir-Thrillers Suburra, dessen Handlung am 5. November 2011 beginnt und exakt eine Woche später endet. Es ist eine Zeit, in der das Land dank Eurokrise unter einer schweren Rezession leidet. Am 12. November wird ein politisches Erdbeben – mal wieder – Rom erschüttern. In Kirchenkreisen machen zudem erste Gerüchte über einen bevorstehenden Amtsverzicht des Papstes die Runde. Vor diesem Hintergrund agieren in „Suburra“ rücksichtslose Gangster, gierige Bauunternehmer und korrupte Politiker – business as usual also. Es dauert nicht lange, bis die ersten Figuren dauerhaft von der Bildfläche verschwinden. Haben die (Un-)Fälle zunächst nichts miteinander zu tun, so verweben sich die Schicksale der beteiligten Personen bald auf verhängnisvolle Weise miteinander. Rache, Angst und Größenwahn werden zu den beherrschenden Motiven der Handelnden. Daran, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen kann, lässt Regisseur Stefano Sollima („A.C.A.B.“, „Gomorrha – Die Serie“) keine Zweifel. Zu gegensätzlich sind die Interessen der freiwillig und unfreiwillig Involvierten. Wie Sollima die komplexe und komplizierte Gemengelage überschaubar hält, ist beeindruckend. Jede Entscheidung wirkt plausibel, jede Eskalation scheint unvermeidlich. In „Suburra“ passt alles: das Setting, die Darsteller, packende Schießereien, die stetes Unheil verkündenden Bilder – und die Musik! Der hypnotisierende Elektropop von M83 verleiht diesem Mafia-Krimi etwas Modernes und erinnert gleichzeitig an die 70er; eine Zeit, in der das Genre Klassiker wie „Der Pate“ hervorbrachte. Mit „Suburra“ hat der Noir-Film nun einen herausragenden Vertreter hinzubekommen.

 

 

Filmplakat: Koch Media

Green Room

Green RoomSie sind jung und brauchen das Geld. Einzig aus diesem Grund entschließt sich die vierköpfige Punk-Rock-Band „Ain’t Rights“ dazu, in einer abgelegenen Nazikneipe aufzutreten. Obwohl die jungen Musiker gleich zu Beginn mit einem „Nazi Punks, Fuck Off“ betitelten Coversong provozieren, scheinen sie heil aus der Angelegenheit herauszukommen. Doch bedauerlicherweise hat einer von ihnen sein Handy im Aufenthaltsraum, dem sogenannten Green Room, vergessen und wird beim Abholen Zeuge eines Mordes. Die Band verschanzt sich in dem Raum und hofft zunächst auf Gnade. Doch Bar-Eigentümer Darcy, gespielt von Patrick Stewart, hat nur eines im Sinn: die unliebsamen Zeugen loszuwerden. Weshalb er ihnen Kampfhunde und diverse Nazis auf den Hals hetzt. Von nun an wird’s ziemlich blutig und brutal. Aufgeschlitzte Bäuche und Kehlen sowie heftig malträtierte Arme, Beine und Köpfe haben Green Room in Deutschland eine Freigabe ab 18 Jahren beschert. Der Härtegrad ist enorm, aber nicht selbstzweckhaft, sondern der Thematik angemessen. Regisseur und Drehbuchautor Jeremy Saulnier („Blue Ruin“) macht zunächst vieles richtig, spart sich unnötige Details und kommt somit recht schnell zur Sache. Dass sich eine Gruppe junger Leute in einer Hütte im Wald nicht gegen Zombies, sondern gegen Nazis wehren muss, sorgt für Abwechslung im Survival-Genre. Noch schöner wäre es jedoch gewesen, wenn es im weiteren Verlauf tatsächlich eine Bedeutung gehabt hätte, dass Punks gegen besorgte Bürger kämpfen. So bleiben die Rollen ziemlich austauschbar; anstelle der Nazis hätten es auch beliebige andere Schwerstkriminelle sein können. Zudem kann sich Saulnier nicht so recht entscheiden, ob er für seine Charaktere Empathie erzeugen oder einen „Partyfilm“ mit kultigen Momenten abliefern möchte. Wenn Figuren vor ihrem absehbaren Ableben ständig klischeehaft „Oh shit“ rufen, kann man das Geschehen jedenfalls nur schwerlich ernst nehmen. Zum Lachen ist einem andererseits aber ebenfalls nicht zu Mute. Dennoch: Trotz einiger Genreklischees bietet „Green Room“ genügend Atmosphäre, Spannung und Härte, um sich eine Empfehlung zu verdienen.

 

 

Filmplakat: Universum

Selfless

SelflessEin Mensch tauscht mit einem zweiten den Körper. Kaum eine andere Idee ist im Fantasygenre so beliebt wie diese. Manchmal gibt es den Tausch im wörtlichen Sinn („Freaky Friday“), gelegentlich geht es auch darum, in die Rolle eines älteren oder jüngeren Ich zu schlüpfen („17 Again“, „Big“, „30 über Nacht“) und im Ausnahmefall tauscht man auch einfach nur mal das Gesicht („Face/Off“). Tarsem Singhs Selfless ist somit zunächst ein klassischer Film. Ein reicher, alter Mann namens Damian hat nur noch wenige Monate zu leben, möchte sich damit aber nicht zufrieden geben. Also steigt er auf das Angebot einer mysteriösen Firma ein und erwacht im angeblich leeren Körper eines jungen Beau (Ryan Reynolds) zu neuem Leben. Anfangs genießt Damian dieses in vollen Zügen, muss dann allerdings feststellen, dass die Hülle, in die er gestiegen ist, wohl doch nicht so leer war wie es ihm erzählt wurde. Denn schon bald jagen ihn Erinnerungen aus einem anderen Leben. Eine nicht neue, aber stets interessante Prämisse, die zumindest im ersten Filmdrittel einiges an Spannung verspricht. Und spannend hätte es werden können, wenn sich Singh und seine Drehbuchautoren für Psychologisches oder Philosophisches interessiert hätten. Oder wenn sie ein irres Verwirrspiel mit überraschenden Wendungen erschaffen hätten. Beides ist nicht der Fall. Stattdessen gerät „Selfless“ zum mit bekannten Versatzstücken erzählten Actionthriller, der immer mal wieder mit spannenden Momenten aufwartet, im Großen und Ganzen jedoch ziemlich langweilt. Weil man letztlich einer Story folgt, für die diese Prämisse, die so viele Möglichkeiten eröffnet, nahezu irrelevant bleibt. So richtig verkehrt macht dieser Film eigentlich nichts. Nur leider wirkt er am Ende reichlich überflüssig.

 

Filmplakat: Concorde

Under the Skin

under-the-skin-posterArsch offen, Senator? … war genau das, was sich so ziemlich jeder Cineast dachte, als bekannt wurde, dass der Filmverleih den neuen Film von Jonathan Glazer („Birth“) nur auf DVD herausbringen möchte. Jenen Under the Skin, der beispielsweise in Venedig lief und von manchen Rezensenten in eine Reihe mit „2001“ gestellt wurde. Das mag vielleicht übertrieben sein, aber gelohnt hat sich das Engagement der Facebookseite „Under The Skin im dt. Kino, jetzt“ allemal – denn ihr ist es zu verdanken, dass das mysteriöse SciFi-Drama in zahlreichen Städten zeitgleich zum Heimkinostart auch auf der großen Leinwand zu bewundern ist. Ja, und tatsächlich gehört der Film ins Kino und sonst erstmal nirgendwohin. Scarlett Johansson spielt darin ein männermordendes Alien (oder so), das auf die Erde gekommen ist, um Liebe zu erfahren (oder so). Ob das der eigentliche Inhalt des Films ist und worum es sonst noch gehen könnte, mag jeder Zuschauer für sich selbst entdecken. Kinotauglich ist der fast dialogfreie „Under the Skin“ vor allem wegen seines faszinierenden Soundtracks und seiner innovativen Bilder, die Regisseur Glazer nicht nur, aber vor allem für die „Tötungsszenen“ findet. Wer meint, im Kino schon alles gesehen zu haben, findet in „Under the Skin“ seinen Meister.

 

Filmplakat: Senator

Gone Girl

R_gone-girl-posterWenn auch jeder Film selbstverständlich für sich selbst stehen mag, sollten wir dennoch nicht so tun, als würden gewisse Namen keinen Schatten vorauswerfen und eine bestimmte Erwartungshaltung hervorrufen. Und so kann ein wirklich gelungener, spannender und interessanter Film wie Gone Girl doch irgendwie enttäuschen – ist sein Schöpfer doch niemand anderes als David Fincher, dem wir „Sieben“, „Fight Club“, „The Game“ und „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ zu verdanken haben. Mit „Gone Girl“ adaptiert Fincher den gleichnamigen Erfolgsroman der US-amerikanischen Autorin Gillian Flynn und schickt Ben Affleck und Rosamund Pike in einen Ehe-Thriller um Betrug, Täuschung und … Mord? Hat jener etwas abwesend wirkende Nick Dunne (Affleck) etwas mit dem Verschwinden oder der Entführung oder gar der Tötung seiner Frau Amy (Pike) etwas zu tun? Eigentlich genau die richtige Mixtur für einen Thriller nach Fincher – und doch schafft es der Meister der abgründigen Charaktere und wendungsreichen Spannungsbögen dieses Mal nicht, dem Material eine wirklich stimmige Form zu geben. „Gone Girl“ wirkt ein bisschen zu lang, hat ein paar seltsam überflüssig scheinene Szenen, lässt wenig echte Überraschungen aufkommen, mäandert teilweise musikalisch richtungslos umher, lässt kaum authentische Nähe zu den Charakteren zu und wirkt im Ganzen etwas unrund und unfertig. Gemessen an der Erwartung gegenüber einem neuen Fincher-Film, versteht sich. Und dieser etwas müde Nachgeschmack ist sehr schade, weil „Gone Girl“ ansonsten eben ein wirklich interessanter, spannender und doch gelungener Film ist und ihn so oder so kein Filmfan verpassen sollte.

 

Filmplakat: 20th Century Fox