You Were Never Really Here

You Were Never Really Here - ConstantinWenn Joe (Joaquin Phoenix) den Hammer auspackt, wird‘s ungemütlich. Dann sinken Menschen reihenweise zu Boden. Warum Joe andere Personen malträtiert, bleibt erst einmal unklar. Klar ist jedoch, dass ihn sein aktueller Auftrag in ein Kinderbordell führt. Dort soll er die 13-jährige Tochter eines ambitionierten Politikers befreien – für Joe eigentlich eine Standardaufgabe. Doch daraus entwickelt sich schnell ein tödliches Komplott, das selbst ihn überfordert. Es ist mit Sicherheit nicht die Rahmenhandlung, die You Were Never Really Here (hierzulande mit anderem englischen Titel) deutlich über den Durchschnitt des Genres hebt. Denn abgesehen vom erstaunlich unspektakulären, aber inhaltlich aussagekräftigen Finale präsentiert Lynne Ramsay bekannte Kost. Viel interessanter ist das, was sie über ihren von Joaquin Phoenix mit unfassbarer Präsenz gespielten Hauptcharakter erzählt oder eben nicht erzählt. Da deuten sich in schmerzhaften Rückblenden diverse Traumata an, die der Zuschauer selbst zusammenfügen muss. Ob Joe auf bestimmte Situationen sensibel, wütend oder ängstlich reagiert, ist nicht vorherzusehen – die Reaktion fühlt sich aber immer passend an. Neben der starken Schauspielleistung bleibt vor allem die Musik des Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood im Gedächtnis. Diese erinnert in manchen Momenten in angenehmer Weise an ähnlich atmosphärische Werke wie „Drive“ oder „Mulholland Drive“, unterstreicht aber vor allem den labilen Zustand von Joe. Immer wieder springt die Musik förmlich aus der Spur, verheddert sich oder kommt einfach zum Stillstand. Diese außergewöhnlichen Elemente zu einem elektrisierenden, besonderen Film zusammenzufügen, ist die bemerkenswerte Leistung von Lynne Ramsay.

 

Filmplakat: Constantin

Mute

Mute - NetflixEin bisschen erinnert die Karriere von Duncan Jones an jene von M. Night Shyamalan. Beide schafften es mit ihren ersten (nennenswerten) Spielfilmen zumindest unter Genrefans zu großer Beliebtheit – der eine mit „The Sixth Sense“ und „Unbreakable“, der andere mit „Moon“ und „Source Code“. Doch dann folgte in der Gunst des Publikums der brutale Absturz: bei Shyamalan langsam über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren, bei Jones ganz schnell mit der in nahezu jeder Hinsicht erbärmlichen „Warcraft“-Verfilmung. Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass beide viel zu viel Häme abbekommen. Insbesondere Shyamalans Werke „The Village“ und „After Earth“ waren bei Weitem nicht so schlecht wie allgemein behauptet. Auch „Signs“ und „Lady in the Water“ hatten starke Momente – in jedem Fall stachen sie aus dem üblichen Genre-Einheitsbrei heraus. Ähnlich verhält es sich nun mit Mute, dem neuen und exklusiv auf Netflix veröffentlichten Film von Duncan Jones. Dieser spielt in einem Berlin um das Jahr 2060, in dem der stumme Protagonist Leo (Alexander Skarsgård) seine verschwundene Freundin sucht. Dabei begegnet er immer wieder diversen Klein- und Schwerstkriminellen, die wiederum ihre eigene Agenda verfolgen. „Mute“ ist dreckig, brutal und oft ziemlich kompromisslos; er bedient diverse Klischees und leidet unter einem eher blassen Hauptcharakter. Doch er steckt auch voller Leben, voller irrer Figuren, voller visueller Ideen und voller glaubwürdiger Vorstellungen davon, wie eine europäische Großstadt in 40 Jahren aussehen könnte. Dass „Mute“ so sperrig und ungeschliffen daherkommt, ist mehr Stärke als Schwäche. Gemeinsam mit Leo kämpfen wir uns durch diese bizarre Welt. Es gibt viel zu entdecken.

 

Filmplakat: Netflix

Split

Split - UniversalShyamalan. – Hallo, liest noch jemand weiter? Gut. Vor drei bis vier Jahren hätte es ausgereicht, in einer Rezension den Namen dieses Regisseurs zu erwähnen, um ein verzweifeltes Stöhnen und wütende „Aufhören“-Rufe zu ernten. Mit „Lady in the Water“, „The Happening“, „The Last Airbender“ und „After Earth“ hatte es sich der einstige Regie-Star mit Publikum und Kritik verscherzt. Für manche war der Spaß aber auch schon nach „The Village“ vorbei. Was ich nie nachvollziehen konnte – für mich ist das bis heute Shyamalans bester Film. Bereits mit dem komödiantischen Found-Footage-Horror „The Visit“ beschritt Shyamalan vor etwas mehr als einem Jahr nicht nur ein für ihn ungewohntes Terrain, sondern auch den Weg zu einem Comeback als seriöser Filmemacher. Und nun, was ist mit Split? Schwer zu sagen. Nicht, weil es keine klare Tendenz gäbe – die ist positiv –, sondern weil man den Film eigentlich nicht ansatzweise spoilern möchte. Nur so viel: James McAvoy spielt darin einen Mann mit mehreren Persönlichkeiten, der aus irgendeinem Grund drei junge Frauen entführt. Durchgehend spannend und frei von erzählerischen Schwächen ist das nicht. Aber es ist faszinierend, Stück für Stück zu erfahren, wie diese Persönlichkeitsstörung funktioniert und was sie für das Schicksal der einzelnen Figuren bedeutet. Das allein trägt dank der hervorragenden, vielseitigen Darstellung von McAvoy fast den kompletten Film. Shyamalan wurde und wird ja gerne auf tatsächlich oder vermeintlich überraschende Twists reduziert, die aber eigentlich nie das Wesentliche in seinen auf die Entwicklung der Charaktere fokussierten Filmen waren. So viel kann man wohl verraten: Am Ende von „Split“ passiert etwas, was es in dieser Form in der Filmgeschichte wohl noch nicht gegeben hat. Zusammen mit den anderen Stärken ergibt das ein gelungenes Comeback.

keine Trailer-Einbettung wegen massiver Spoiler

Filmplakat: Universal

Suburra

Suburra - Koch MediaDie Apokalypse steht am Anfang. Zumindest ihre Ankündigung. In sieben Tagen soll es so weit sein, erklärt uns eine Texttafel zu Beginn des italienischen Neo-Noir-Thrillers Suburra, dessen Handlung am 5. November 2011 beginnt und exakt eine Woche später endet. Es ist eine Zeit, in der das Land dank Eurokrise unter einer schweren Rezession leidet. Am 12. November wird ein politisches Erdbeben – mal wieder – Rom erschüttern. In Kirchenkreisen machen zudem erste Gerüchte über einen bevorstehenden Amtsverzicht des Papstes die Runde. Vor diesem Hintergrund agieren in „Suburra“ rücksichtslose Gangster, gierige Bauunternehmer und korrupte Politiker – business as usual also. Es dauert nicht lange, bis die ersten Figuren dauerhaft von der Bildfläche verschwinden. Haben die (Un-)Fälle zunächst nichts miteinander zu tun, so verweben sich die Schicksale der beteiligten Personen bald auf verhängnisvolle Weise miteinander. Rache, Angst und Größenwahn werden zu den beherrschenden Motiven der Handelnden. Daran, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen kann, lässt Regisseur Stefano Sollima („A.C.A.B.“, „Gomorrha – Die Serie“) keine Zweifel. Zu gegensätzlich sind die Interessen der freiwillig und unfreiwillig Involvierten. Wie Sollima die komplexe und komplizierte Gemengelage überschaubar hält, ist beeindruckend. Jede Entscheidung wirkt plausibel, jede Eskalation scheint unvermeidlich. In „Suburra“ passt alles: das Setting, die Darsteller, packende Schießereien, die stetes Unheil verkündenden Bilder – und die Musik! Der hypnotisierende Elektropop von M83 verleiht diesem Mafia-Krimi etwas Modernes und erinnert gleichzeitig an die 70er; eine Zeit, in der das Genre Klassiker wie „Der Pate“ hervorbrachte. Mit „Suburra“ hat der Noir-Film nun einen herausragenden Vertreter hinzubekommen.

 

 

Filmplakat: Koch Media

Green Room

Green RoomSie sind jung und brauchen das Geld. Einzig aus diesem Grund entschließt sich die vierköpfige Punk-Rock-Band „Ain’t Rights“ dazu, in einer abgelegenen Nazikneipe aufzutreten. Obwohl die jungen Musiker gleich zu Beginn mit einem „Nazi Punks, Fuck Off“ betitelten Coversong provozieren, scheinen sie heil aus der Angelegenheit herauszukommen. Doch bedauerlicherweise hat einer von ihnen sein Handy im Aufenthaltsraum, dem sogenannten Green Room, vergessen und wird beim Abholen Zeuge eines Mordes. Die Band verschanzt sich in dem Raum und hofft zunächst auf Gnade. Doch Bar-Eigentümer Darcy, gespielt von Patrick Stewart, hat nur eines im Sinn: die unliebsamen Zeugen loszuwerden. Weshalb er ihnen Kampfhunde und diverse Nazis auf den Hals hetzt. Von nun an wird’s ziemlich blutig und brutal. Aufgeschlitzte Bäuche und Kehlen sowie heftig malträtierte Arme, Beine und Köpfe haben Green Room in Deutschland eine Freigabe ab 18 Jahren beschert. Der Härtegrad ist enorm, aber nicht selbstzweckhaft, sondern der Thematik angemessen. Regisseur und Drehbuchautor Jeremy Saulnier („Blue Ruin“) macht zunächst vieles richtig, spart sich unnötige Details und kommt somit recht schnell zur Sache. Dass sich eine Gruppe junger Leute in einer Hütte im Wald nicht gegen Zombies, sondern gegen Nazis wehren muss, sorgt für Abwechslung im Survival-Genre. Noch schöner wäre es jedoch gewesen, wenn es im weiteren Verlauf tatsächlich eine Bedeutung gehabt hätte, dass Punks gegen besorgte Bürger kämpfen. So bleiben die Rollen ziemlich austauschbar; anstelle der Nazis hätten es auch beliebige andere Schwerstkriminelle sein können. Zudem kann sich Saulnier nicht so recht entscheiden, ob er für seine Charaktere Empathie erzeugen oder einen „Partyfilm“ mit kultigen Momenten abliefern möchte. Wenn Figuren vor ihrem absehbaren Ableben ständig klischeehaft „Oh shit“ rufen, kann man das Geschehen jedenfalls nur schwerlich ernst nehmen. Zum Lachen ist einem andererseits aber ebenfalls nicht zu Mute. Dennoch: Trotz einiger Genreklischees bietet „Green Room“ genügend Atmosphäre, Spannung und Härte, um sich eine Empfehlung zu verdienen.

 

 

Filmplakat: Universum

Selfless

SelflessEin Mensch tauscht mit einem zweiten den Körper. Kaum eine andere Idee ist im Fantasygenre so beliebt wie diese. Manchmal gibt es den Tausch im wörtlichen Sinn („Freaky Friday“), gelegentlich geht es auch darum, in die Rolle eines älteren oder jüngeren Ich zu schlüpfen („17 Again“, „Big“, „30 über Nacht“) und im Ausnahmefall tauscht man auch einfach nur mal das Gesicht („Face/Off“). Tarsem Singhs Selfless ist somit zunächst ein klassischer Film. Ein reicher, alter Mann namens Damian hat nur noch wenige Monate zu leben, möchte sich damit aber nicht zufrieden geben. Also steigt er auf das Angebot einer mysteriösen Firma ein und erwacht im angeblich leeren Körper eines jungen Beau (Ryan Reynolds) zu neuem Leben. Anfangs genießt Damian dieses in vollen Zügen, muss dann allerdings feststellen, dass die Hülle, in die er gestiegen ist, wohl doch nicht so leer war wie es ihm erzählt wurde. Denn schon bald jagen ihn Erinnerungen aus einem anderen Leben. Eine nicht neue, aber stets interessante Prämisse, die zumindest im ersten Filmdrittel einiges an Spannung verspricht. Und spannend hätte es werden können, wenn sich Singh und seine Drehbuchautoren für Psychologisches oder Philosophisches interessiert hätten. Oder wenn sie ein irres Verwirrspiel mit überraschenden Wendungen erschaffen hätten. Beides ist nicht der Fall. Stattdessen gerät „Selfless“ zum mit bekannten Versatzstücken erzählten Actionthriller, der immer mal wieder mit spannenden Momenten aufwartet, im Großen und Ganzen jedoch ziemlich langweilt. Weil man letztlich einer Story folgt, für die diese Prämisse, die so viele Möglichkeiten eröffnet, nahezu irrelevant bleibt. So richtig verkehrt macht dieser Film eigentlich nichts. Nur leider wirkt er am Ende reichlich überflüssig.

 

Filmplakat: Concorde