All the Bright Places

Bright Places - NetflixNach einer halben Stunde möchte ich ein Loblied auf diesen Film singen, nach 90 Minuten einen Verriss schreiben und als der Abspann läuft, weine ich und bin verwirrt. Was ist passiert? All the Bright Places zeigt zunächst einen realistischen Umgang mit dem Verlust einer geliebten Person: Wenn die Schülerin Violet Gleichgültigkeit für alles und jede*n empfindet und sich ein kurzer Ausbruch aus diesem Elend wie Verrat an der Verstorbenen anfühlt. Ärgerlich ist jedoch, dass Violet nur dank ihres teils übergriffigen Mitschülers Finch (Steine ans Fenster zu werfen, ist nicht cool) aus diesem Tal herausfindet und stets dessen freundlichen „Befehlen“ folgt. Immer weiß er, was für sie angeblich am Besten ist. Das wird der Komplexität des Problems wohl kaum gerecht. Finch und seine drastischen Gefühlsschwankungen wiederum bleiben bis zum Ende ein Rätsel. Was man zunächst Drehbuch und Darsteller anlasten möchte, ist aber wohl das Kernanliegen dieser Romanverfilmung: Es geht um Warnzeichen und Widersprüche; und darum, dass die Sehnsucht nach dem Tod auch bei jungen Menschen viele Gesichter hat.

Filmplakat: Netflix

Wild

WildManchmal muss man wohl einfach aufbrechen und das bisherige Leben hinter sich lassen. Welche persönlichen Rückschläge Cheryl verkraften musste und in welche Abgründe sie sich selbst gestürzt hat, offenbart das Selbstfindungsdrama Wild von „Dallas Buyers Club“-Regisseur Jean-Marc Vallée im Laufe des Films in Rückblenden. Währenddessen marschiert die wenig wandererprobte Cheryl allein und mit einem – Vorsicht, Symbolbild – riesigen Rucksack bepackt tausende Meilen quer durch die USA. Immer wieder trifft sie dabei auf unterschiedlichste Menschen, mit denen sie schöne und unangenehme Momente teilt. Die Landschaften sind neben der überzeugenden, mit vollem Körpereinsatz agierenden, aber nicht überragenden Hauptdarstellerin Reese Witherspoon und der großartigen Laura Dern als Filmmutter Bobbi der dritte Star von „Wild“. Nicht nur wegen des Titels fühlt man sich ein bisschen an Sean Penns berührendes Meisterwerk „Into the Wild“ erinnert, dessen emotionale Sogkraft dieser Film jedoch nie erreicht. Dafür gibt’s einige zu platte Lebensweisheiten und Metaphern sowie konstruierte Momente wie etwa eine Begegnung mit einem Kind, das der Protagonistin rein zufällig plötzlich genau das erzählt, was ihr Charakter zu diesem Zeitpunkt des Films benötigt. Das Ende wirkt zudem abrupt und nicht so richtig kohärent zum Rest. Schön hingegen ist die feministische Note, die „Wild“ durchzieht. Die beiden Frauen sind willensstarke, bewundernswerte, authentische Charaktere. Und es reift die Erkenntnis: In der freien Natur ist der Mann das schlimmste Tier.

 

Filmplakat: 20th Century Fox