Dark Movies – Roundup 3: April/Mai 2015

Runde 3: Hart an den Geschmacksgrenzen

Ob in der dritten “Dark Movies”-Runde für jeden oder für niemanden etwas dabei ist, ist schwer zu beurteilen. Keiner der diesmal vorgestellten Filme schwimmt so wirklich im Mainstream. Im Gegenteil: Manche zählen dank irrer Prämisse oder verwirrenden Plots sogar zu dem Abenteuerlichsten, was man dieses Jahr im Horror-nahen Genre zu sehen bekommen kann. Auch wenn es gewisse Abstufungen in der Empfehlbarkeit der Beiträge gibt, kann man diesmal guten Gewissens jedem Genrefan alle vorgestellten Filme ans Herzen legen. Es gibt überall so einiges zu entdecken. Vielleicht wird man es lieben, vielleicht aber auch hassen.

 

 

Platz 5: ESCAPE FROM TOMORROW

(IMDb)

EscapePlakatMystery, USA 2013, 86 Minuten, FSK 12

 

Cast & Crew

Regie/Drehbuch: Randy Moore

 

Inhalt

Ein Paar freut sich gemeinsam mit seinen Kindern auf einen Tag in Disney World. Doch statt Aha und Oho gibt’s dort nur Wtf.

 

Kritik

EscapeBildEine Information vorab, weil sie so bemerkenswert ist: Randy Moore hat sein Spielfilmdebüt mit minimaler Ausrüstung in Disney World und Disneyland gedreht, ohne(!) sich dafür die Erlaubnis von Disney einzuholen. Der Weltkonzern ignorierte den fertigen Film dann fast komplett, wohl im Wissen, dass beispielsweise rechtliche Schritte die Aufmerksamkeit dafür vervielfacht hätten. Denn anders als in der Firmen-PR gehen hier nur die schlimmsten Albträume in Erfüllung. Das gilt für die unsympathische Hauptfigur Jim genauso wie für die Zuschauer. Dass ein Familienvater permanent zwei minderjährigen Französinnen hinterher geiert, gehört dabei noch zu den harmloseren Dingen, die hier geschehen. Nachdem es zunächst vor allem um innerfamiliäre Konflikte geht, läuft die Story in der zweiten Hälfte zunehmend aus dem Ruder, handelt plötzlich von Krankheiten, Robotern, mysteriösen Amuletten und bedenklichen Blackouts. Realität, Traum und Wahnvorstellung sind kaum noch zu unterscheiden. Das erinnert natürlich alles an David Lynch, ist wirklich vergleichbar aber vielleicht nur mit dem ähnlich rätselhaften, ebenfalls in Schwarz-Weiß gedrehten und ohne bekannte Namen auskommenden „Computer Chess“. Im Prinzip ist „Escape from Tomorrow“ einzigartig. Und das macht ihn – obwohl er manchmal ziemlich anstrengt, ermüdet und nervt – für jeden echten Filmfan durchaus sehenswert.

 

Fazit

Pro: rätselhaft, voller wilder Ideen, unberechenbar, einzigartig
Contra: mäßige Darsteller, anstrengend, am Ende etwas unbefriedigend

 

Bedingt sehenswert.

 

 

Platz 4: THE GUEST

(IMDb)

TheGuestHorrorthriller, USA 2014, 96 Minuten, FSK 18

 

Cast & Crew

Regie: Adam Wingard („You’re Next“)
Drehbuch: Simon Barrett („You’re Next“)
Darsteller: Dan Stevens (Matthew Crawley in „Downton Abbey“), Lance Reddick (Phillip Broyles in „Fringe“)

 

Inhalt

Familie Peterson nimmt einen Mann bei sich auf, der behauptet, ein guter Freund eines im Krieg getöteten Familienmitglieds zu sein. Kurz nach seiner Ankunft mehren sich plötzlich die Todesfälle im Umfeld der Familie.

 

Kritik

DAN STEVENS stars in the action thriller THE GUEST, opening in September.Nach „You’re Next“ ist „The Guest“ der nächste Streifen des talentierten Duos Wingard/Barrett, der zwischen den Genres wandelt, irgendwo zwischen Retrohorror, Revengestory, Actioner, Black Comedy, B-Movie und Verschwörungsthriller anzusiedeln ist und sich vermutlich als Liebeserklärung an all diese Genres gleichermaßen versteht. Dieses Uneindeutige macht zugleich den großen Reiz aus, denn die Story, die trotz zahlreicher Wendungen zu kaum mehr als einem leicht zu durchschauenden Alibi taugt, ist nicht der Rede wert. „The Guest“ kann sehr frustrieren, wenn man einen Genrefilm moderner Prägung erwartet und dann eine unentschlossene, wild umherspringende Klischeebombe bekommt. Oder man erkennt genau darin die große Stärke und freut sich darüber, wie sich ein Film hier jeder genauen Einordnung entzieht, munter und schlagartig zwischen Genres und Tempos wechselt und zudem mit 80er-Elektro-Mucke und visuellen Überraschungen um sich wirft. Eine persönliche Note jedoch vermisst man.

 

Fazit

Pro: launige Musik, atmosphärisch, (unfreiwillig?) witzig, durchgängig unterhaltsam
Contra: manch dümmliche Storywendung und Charakterentscheidung sowie eine unglaubwürdig inszenierte Schießerei – womöglich alles jedoch mit voller Absicht

 

Bedingt sehenswert.

 

 

Platz 3: TUSK

(IMDb)

TuskBodyhorror-Komödie, USA 2014, 98 Minuten, FSK 16

 

Cast & Crew

Regie/Drehbuch: Kevin Smith („Clerks“, „Chasing Amy“, „Dogma“)
Darsteller: Justin Long („Jeepers Creepers“, „Drag Me to Hell“, „Stirb langsam 4.0“), Michael Parks („Red State“), Haley Joel Osment („Sixth Sense“, „A.I.“), Johnny Depp

 

Inhalt

Ein junger Mann namens Wallace reist nach Kanada, um außergewöhnliche Menschen für seinen Podcast zu finden. Er landet bei Howard Howe, der ihm vieles aus seinem bewegten Leben zu berichten weiß. Nebenbei plant er, Wallace in ein Walross zu verwandeln.

 

Kritik

TuskBildEs gibt so einiges an diesem kleinen bösen Film, was ziemlich irre ist. Das ist zum Beispiel der Umstand, dass Kevin Smith die Hörer seines eigenen Podcasts via Twitter darüber abstimmen ließ, ob die absurde Idee als kompletter Film umgesetzt werden soll. Das ist aber auch die Besetzung, die vollkommen wild zusammengesetzt erscheint. In den wichtigen Rollen agieren Leute, die keiner kennt, Leute, die keiner mehr kennt (Osment), und Leute, die man erst erkennt, wenn der Abspann läuft (Depp). Zusammen mit der verrückten Grundidee und dem sehr direkten, schwarzen Humor von Smith ergibt das einen sehr speziellen Filmgenuss, auch weil clever mit gängigen Klischees gespielt wird. „Tusk“ lebt nicht unbedingt von seiner Spannung (wenngleich einige Momente der wahre Horror sind – vor allem für Wallace), sondern mehr von seinen unverwechselbaren Charakteren und Dialogen. Witzig auch, dass nach amerikanischen Geisteskranken in „Red State“ nun die Kanadier auf die Schippe genommen werden. Leider wirkt die eine richtig gute Idee, um die sich hier alles dreht, auf 100 Minuten gestreckt manchmal recht zäh. Zudem führt so manche Abzweigung, die der Plot in der zweiten Hälfe nimmt, in die Sackgasse. Ein Genrehighlight ist „Tusk“ somit zwar nicht geworden, als erster Teil der „True North“-Trilogie macht er dennoch Bock auf weiteren Irrsinn aus der Feder von Kevin Smith.

 

Fazit

Pro: geile Prämisse, Dialogwitz, an manchen Stellen nichts für schwache Nerven
Contra: Prämisse verliert auf Spielfilmlänge etwas Kraft, unnötige Abschweifungen in der Story

 

Sehenswert.

 

 

Platz 2: GERMAN ANGST

(IMDb)

GermanAngstHorror-Episodenfilm, Deutschland 2014, 103 Minuten, FSK 18

 

Cast & Crew

Regie: Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski, Andreas Marschall
Drehbuch: Jörg Buttgereit, Andreas Marschall, Goran Mimica

 

Inhalt

Ein Mädchen greift zu drastischen Maßnahmen. Ein brutaler Neonazi muss für seine Taten blutig büßen. Ein Fotograf tritt einem Geheimbund bei und begegnet einer Kehrseite sexueller Lust.

 

Kritik

GermanAngstBildWann es aus Deutschland zuletzt überhaupt mal einen nennenswerten Beitrag fürs Horrorgenre zu sehen gab, entzieht sich gerade meiner Kenntnis. Der Episodenfilm „German Angst“ ist jedenfalls so einer. Weil er nicht versucht – anders als viele deutsche Kollegen – (schlechte) amerikanische Vorbilder zu kopieren und dabei noch schlechter abzuschneiden. Die drei Autoren beziehungsweise Regisseure besinnen sich auf das, was Horror ausmacht. Das ist zunächst eine stilistisch und räumlich extrem reduzierte, von einem geheimnisvollen Teenager handelnde Geschichte, die von interessanten Analogien und derben Gewaltspitzen lebt. Es folgt eine harte Revengestory mit leichten phantastischen Elementen und interessanter Pointe. Und schließlich die längste Episode, die voller zu entschlüsselnder Rätsel daherkommt und in einer erinnerungswürdigen Bodyhorrorszene gipfelt. Die Qualität der einzelnen Episoden schwankt; ein generelles Problem liegt vor allem darin, dass deutsche Schauspieler hier permanent Englisch reden. Die Dialoge klingen daher nicht wie aus dem Munde der Charaktere, sondern wie aus der Feder eines Drehbuchautors (was ein guter Film ja eben zu vertuschen in der Lage sein sollte). Trotzdem: „German Angst“, mit geringen Mitteln gedreht und mit drei sehr unterschiedlichen und jeweils aus verschiedenen Gründen interessanten Episoden ausgestattet, ist einen Blick wert.

 

Fazit

Pro: abwechslungsreiche Episoden, angemessene Härte, ausgefallene und originelle Ideen
Contra: englische Sprache klingt extrem unnatürlich, zweite und dritte Episode mit einigen Längen

 

Sehenswert.

 

 

Platz 1: 23 WAYS TO DIE

(IMDb)

23WaystoDieHorror-Episodenfilm, USA/Neuseeland/Kanada/Israel/Japan 2014, 106 Minuten, FSK 18 (cut)

 

Cast & Crew

Regie/Drehbuch: diverse

 

Inhalt

Zum zweiten Mal zeigen gut zwei Dutzend mehr oder weniger bekannte Regisseure/Autoren in Kurzform unappetitliche Wege in den Tod.

 

Kritik

23WaystoDieBildUnzweifelhaft ist „23 Ways to Die“ viel besser als sein Vorgänger. Während im ersten Teil die Hälfte der Episoden gähnende Langeweile verbreitete, echte Highlights rar gesät waren und sich bestimmte Motive (Stichwort: Toilette) unangenehm oft wiederholten, ist die Mischung dieses Mal nahezu perfekt gelungen. Den einzigen wirklichen Rohrkrepierer haben Alexandre Bustillo und Julien Maury abgeliefert, über deren jüngsten, ziemlich unterirdischen Spielfilm „Among the Living“ ich bereits im vergangenen „Dark Movies“-Teil – sorry – abgekotzt habe. Der Rest ist eine meist interessante bis großartige Aneinanderreihung von Kurzfilmen verschiedener Genres und Stilarten: Found Footage, Home Invasion, Funsplatter, groteske Animation, Zombiemovie, Revengestory, Dystopie – das Spektrum ist breit und die Art und Weise, wie die einzelnen Geschichten erzählt werden ebenso. Manchmal liegt der Fokus auf inhaltlichen Ideen, die den Subgenres neues Leben einhauchen, manchmal ordnet sich fast alles dem Style unter. Vieles ist witzig, manches gruselig, gelegentlich wird es auch nachdenklich, etwa wenn der Israel-Palästina-Konflikt thematisiert wird. Erfreulich aus deutschsprachiger Sicht: Die Russisch-Roulette-Folge von Marvin Kren („Rammbock“, „Blutgletscher“), erzählt mit minimalen Mitteln, gehört zu den besten. Abschließend zur Zensur: Diesmal fehlen in der deutschen Fassung drei Episoden. Und genau wie im ersten Teil, als eine blutig-böse Antwort auf den Schönheitswahn der Schere zum Opfer fiel, muss diesmal eine Kritik an der Todesstrafe dran glauben. Wenn gleichzeitig ultrabrutale Folgen (natürlich ebenfalls zu Recht) unangetastet bleiben, kann man mal wieder nur eines feststellen: Die FSK betreibt pure Willkür.

 

Fazit

Pro: abwechslungsreich, kreativ, fast durchweg unterhaltsam, voller Überraschungen und Genrebereicherungen
Contra: nicht jede Episode ist gelungen

 

Sehenswert.

 

Die Rechte für die Bilder liegen bei Kochmedia (“Escape from Tomorrow”), Splendid (“The Guest”), Sony Pictures (“Tusk”), Pierrot le Fou (“German Angst”) und Capelight (“23 Ways to Die”, auch Beitragsbild). Wir bedanken uns für die Bereitstellung von Rezensionsexemplaren.

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