Undine

Es beginnt mit einer Trennung. Undine (Paula Beer) sitzt mit ihrem Freund in einem Berliner Café und erfährt, dass dieser sie wegen einer anderen Frau verlassen möchte. Der Mythologie nach müsste sie ihn für diesen „Verrat“ töten. Doch es geschieht zunächst etwas anderes: Nur eine halbe Stunde später trifft Undine am selben Ort auf Christoph (Franz Rogowski). Nach einem Missgeschick liegen beide blutend und durchnässt nebeneinander auf dem Boden; kurz darauf sind sie ein Paar. Regisseur Christian Petzold zeigt die erste Begegnung und die daraus folgende Liebe mit knisternder Erotik statt nervigem Kitsch. Über die Charaktere erfährt man wenig; man spürt aber, was sie füreinander empfinden. Undine ist ein zärtlicher, poetischer und ruhig inszenierter Mystery-Liebesfilm, in dem sich eine Männerphantasie auf brutale Weise emanzipiert und es stark von der individuellen Wahrnehmung abhängt, ob der Schluss ein Happy End sein kann.

Filmplakat: Piffl Medien

Into the Night (Staffel 1)

Die Prämisse ist so simpel wie elektrisierend: Rund ein dutzend Menschen sitzen in einem Flugzeug, das immer weiter in den Westen fliegen muss, um dem Sonnenlicht zu entkommen. Denn die Sonne ist zum Feind geworden, der alles tötet, was sich in seiner Anwesenheit auf der Erdoberfläche befindet. Einiges bei Into the Night – das Flugzeug, die Rückblenden, der Mystery-Faktor, die dunklen Geheimnisse, der begrenzte Raum – erinnert an „Lost“. Vor allem in der ersten und letzten Folge dieser Staffel ist die Spannung fast durchweg am Anschlag, weil hier das Gefühl permanenten Zeitdrucks, großer Ungewissheit und unaufhörlicher Rastlosigkeit besonders stark vermittelt wird. Zwischendurch beschäftigt sich „Into the Night“ mit den Konflikten innerhalb der Gruppe – was mal mehr und mal weniger überzeugend geschieht. Diese Serie aus Belgien ist nicht besonders originell und nicht besonders clever, aber meistens rasant genug erzählt, um zumindest Freund*innen des Genres zu beglücken.

Serienplakat: Netflix

All the Bright Places

Bright Places - NetflixNach einer halben Stunde möchte ich ein Loblied auf diesen Film singen, nach 90 Minuten einen Verriss schreiben und als der Abspann läuft, weine ich und bin verwirrt. Was ist passiert? All the Bright Places zeigt zunächst einen realistischen Umgang mit dem Verlust einer geliebten Person: Wenn die Schülerin Violet Gleichgültigkeit für alles und jede*n empfindet und sich ein kurzer Ausbruch aus diesem Elend wie Verrat an der Verstorbenen anfühlt. Ärgerlich ist jedoch, dass Violet nur dank ihres teils übergriffigen Mitschülers Finch (Steine ans Fenster zu werfen, ist nicht cool) aus diesem Tal herausfindet und stets dessen freundlichen „Befehlen“ folgt. Immer weiß er, was für sie angeblich am Besten ist. Das wird der Komplexität des Problems wohl kaum gerecht. Finch und seine drastischen Gefühlsschwankungen wiederum bleiben bis zum Ende ein Rätsel. Was man zunächst Drehbuch und Darsteller anlasten möchte, ist aber wohl das Kernanliegen dieser Romanverfilmung: Es geht um Warnzeichen und Widersprüche; und darum, dass die Sehnsucht nach dem Tod auch bei jungen Menschen viele Gesichter hat.

Filmplakat: Netflix

Lost Girls

Lost Girls - NetflixDas ist kein Film, der gut unterhält. Das ist kein Film, der Mut macht. Das ist ein Film, der vom Zustand dieser Welt erzählt und damit perfekt in das Gesamtwerk der Dokumentarfilmerin Liz Garbus passt. Lost Girls handelt von einer Mordserie, der zwischen 1996 und 2010 vor allem Sexarbeiterinnen zum Opfer fielen. Polizei und Medien zeigten offenbar wenig Interesse an Aufklärung – für sie waren die Opfer wohl nur ein paar „Huren“, die es nicht besser verdient hatten. Die Frauenverachtung des unbekannten Täters und anderer Personen ist stets Gegenstand dieses Films, in dem die Mutter einer Vermissten gemeinsam mit den anderen Töchtern und weiblichen Hinterbliebenen nach Wahrheit sucht. Dass Garbus zuvor nur Dokumentationen drehte, merkt man diesem Spielfilmdebüt an. Sie verzichtet auf unnötige Zuspitzungen, interessiert sich mehr für Ambivalenz als für Spannung und zeigt Bilder, die kaum inszeniert wirken, weil sich die Charaktere natürlicher zur Kamera verhalten als man das aus ähnlichen Genrefilmen gewohnt ist.

Filmplakat: Netflix

The Lodge

The Lodge - SquareOne EntertainmentRiley Keough ist momentan vielleicht die interessanteste Genre-Darstellerin in den USA. Nachdem sie in „The Discovery“, „It Comes at Night“, „The House That Jack Build“, „Under the Silver Lake“, „Hold the Dark“ und „Earthquake Bird“ noch in eher kleinen Rollen zu sehen war, ist sie nun (gebrochenes) Herz und (krankes) Hirn des Horrordramas The Lodge. Sie ist das Herz, weil sie als Kind eine religiöse Sekte überlebt hat, noch immer mit diesem Trauma kämpft und von den Kindern ihres Verlobten nicht als baldige Stiefmutter akzeptiert wird. Und sie ist das Hirn, weil wir die Isolation einer verschneiten und von der Außenwelt abgetrennten Hütte im Wald größtenteils aus ihrer Perspektive erleben (müssen) und immer wieder daran zweifeln, dass das, was wir sehen, wirklich passiert. „The Lodge“ ist psychisch grausam, architektonisch entstellt und unheimlich atmosphärisch. Manchmal wären aber etwas mehr Handlung und ein paar weniger Wiederholungen sich ähnelnder Albtraumbilder sinnvoll gewesen, um die Spannung durchgängig oben zu halten.

Filmplakat: SquareOne Entertainment

Little Women

Little Women - SonyManchmal möchte man einen Film unbedingt mögen. Aber manchmal merkt man schnell, dass das wohl nicht passieren wird. Und manchmal täuscht der erste Eindruck. Little Women entwickelt sich von einer kitschigen Liebesgeschichte zu einem in seinen besten Momenten herzzerreißenden Coming-of-Age-Film, in dem die romantischen Gefühle der Protagonist*innen immer in einem Kontext stehen: zu Lebensentwürfen, Rollenerwartungen und persönlichen Tragödien. Während andere Filme häufig nicht glaubhaft darstellen können, warum sich Personen in andere Personen verlieben, nicht verlieben oder erst später verlieben, wirkt das, was die Figuren hier preisgeben, wenn sie offen über ihre Gefühle reden, absolut plausibel. Bemerkenswert ist auch, wie Greta Gerwig es schafft, mit wenigen Dialogzeilen selbst Nebencharakteren intime Details zu entlocken. „Little Women“ ist ein Film, in dem man auch als Ü30-Mann, der 150 Jahre später in komplett anderen Verhältnissen lebt, etwas über sich selbst erfahren kann.

Filmplakat: Sony Pictures

Shadow

Shadow - ConstantinWenn man großartige Farbenspektakel wie „House of Flying Daggers“ gesehen hat, ist es einerseits schwer und andererseits leicht zu glauben, dass Shadow ebenfalls von Zhang Yimou stammt. Erneut ist die Farbgestaltung eine Wucht; nur ist es diesmal eben kein bunter Bilderreigen, sondern ein trostloses Grau, das auf Bergen, im Regen und an den Gebäuden und Figuren dominiert. Lediglich die Farbe der Haut und das Blut, das diese Haut in großen Mengen verlässt, bilden Ausnahmen. Beeindruckend sind auch in diesem Martial-Arts-Film die Kämpfe, die gewohnt brachial und elegant zugleich daherkommen, aber leider nur wenig Raum einnehmen. Als Entschädigung hat sich Yimou einige Kampftechniken einfallen lassen, die zumindest in westlichen Kinosälen wohl noch nicht zu sehen waren. Eher konventionell ist hingegen die Story über Krieg, Liebe und Verrat ausgefallen. Da helfen auch die leidenschaftlichen Momente und vielen Wendungen nur wenig.

Filmplakat: Constantin