Weightless

WeightlessJoel arbeitet auf einer Müllhalde in einer US-amerikanischen Kleinstadt. Viel mehr lässt sich über den introvertierten, zurückhaltenden Mann kaum sagen. Möglicherweise spielten Gewalt und Alkohol in seiner Vergangenheit eine große Rolle. Die Abende und Nächte verbringt er mit einer Frau, deren Rolle zunächst ebenfalls nicht ganz klar ist. Eines Tages erreicht ihn ein Anruf: Joel soll sich um seinen 10-jährigen Sohn Will kümmern, nachdem dessen Mutter spurlos verschwunden ist. Will spricht seitdem kein Wort und verlässt das Haus nicht mehr. Weil er stark übergewichtig ist, hänseln ihn die anderen Kinder. Joel wächst langsam in die ihm ungewohnte Rolle als Vater hinein, doch sein Arzt ist anderer Meinung: Eine Pflegefamilie soll sich um Will kümmern. Das große Drama, das diese Konstellation in Aussicht stellt, bleibt jedoch aus. Was einerseits positiv ist: Weightless verzichtet auf allzu konstruierte Momente, schlägt leise Töne an, gibt Emotionen den nötigen Raum und konzentriert sich lieber auf Atmosphäre und Stimmungen. Andererseits: Dabei mangelt es den Charakteren an Tiefe; am Ende des Films weiß man kaum mehr über Vater und Sohn als zu Beginn. Weil oft nicht zu durchschauen ist, was genau in den Köpfen der Figuren eigentlich vorgeht, schaffen es die Emotionen und Gefühle zu selten von der Leinwand in den Kinosaal.

Filmplakat: Kinostar

Babylon Berlin (Staffel 1+2)

Babylon BerlinNein, Babylon Berlin ist nicht das deutsche „Game of Thrones“, wozu es gelegentlich erklärt wird. Ganz offensichtlich nicht, da keine Fantasywelt mit fliegenden Drachen und wandelnden Toten zu sehen ist, sondern die Weimarer Republik mit korrupten Cops und bösen Gangstern. Das ist aber nicht der entscheidende Punkt. „Babylon Berlin“ ist schlicht besser, viel besser als „Game of Thrones“. Der bislang 16 Episoden umfassende Krimi, welcher auf dem Roman „Der nasse Fisch“ basiert, ist dank einer Vielzahl an Charakteren und Ereignissen komplex, aber stets im nötigen Tempo erzählt. Es entsteht nie das Gefühl, in den zurückliegenden Folgen über bestimmte Figuren oder Nebenplots zu wenig erfahren zu haben. Was sicherlich vor allem daran liegt, dass man gar nicht über das, was gerade nicht erzählt wird, nachdenkt, weil das, was erzählt wird, so packend, berührend und authentisch ist. Kein Charakter oder Handlungsstrang hat mich gelangweilt. Im Gegenteil: An jeder Straßenecke wartet das Unerwartete und Überraschende. Falls eine Wendung doch mal vorhersehbar ist – so wie am Ende der 15. Episode – dann stellt sich gleichzeitig heraus, dass ein damit verknüpfter Twist der eigentlich relevante ist. Häufig geht „Babylon Berlin“ sowieso den anderen Weg: Die vermuteten Storyelemente sind einfach nicht vorhanden; dort nicht der Verrat, hier nicht die Läuterung und da nicht die Romanze, mit denen man rechnet, weil vieles darauf hindeutet, nicht zuletzt die Genretradition – stattdessen immer wieder Kurswechsel, Rückschläge und das böse Erwachen. Zu Beginn der finalen Folge zwingt mich „Babylon Berlin“ sogar zu einem Verlangen, das mich innerlich fast zerreißt: Weil das, was ich mir in diesem Moment für die Dramaturgie der Serie erhoffe, im Gegensatz zu dem steht, was ich den Charakteren wünsche – die man trotz diverser Lügen, Intrigen und Gemeinheiten irgendwann halt doch ins Herz schließt. Sie kämpfen schließlich nicht nur im Großen gegen das organisierte Verbrechen, sondern auch im Kleinen und meistens ganz allein gegen schwere Krankheiten, ärmliche Verhältnisse und die Dominanz der Männer. Neben ausnahmslos herausragenden Schauspieler*innen, grandioser Ausstattung, meisterhaft konstruierten Spannungsmomenten und atmosphärischer Musik enthält „Babylon Berlin“ noch eine politische Komponente von höchster Relevanz: mit einer Polizei im Zentrum des Geschehens, die den Feind auf der linken Seite mit allen Mitteln bekämpft, während sich innerhalb und außerhalb der Behörde längst rechtsradikale Terrornetzwerke gebildet haben und der Zug Richtung Faschismus nahezu unbemerkt und ohne nennenswerten Widerstand an Fahrt gewinnt. Offenbar war der 2008 veröffentlichte Roman, der 1929 spielt, seiner Zeit voraus. Ob er besser oder schlecht als die Verfilmung ist, weiß ich nicht. „Babylon Berlin“ jedenfalls besitzt nahezu keine Schwächen, bleibt über 16 abwechslungsreiche Episoden hinweg durchgängig auf höchstem Niveau und ist daher nichts anderes als ein Meisterwerk.

Plakat: X-Verleih

Ben Is Back

Ben Is BackKurz vor Weihnachten ist Ben zu seiner Familie zurückgekehrt. Was seine Mutter Holly freut, trifft bei Schwester Ivy und Stiefvater Neal auf großes Unverständnis. Eigentlich sollte sich Ben gerade in Therapie befinden, um seine Drogensucht zu überwinden – weit weg von Zuhause, wo ihn zahlreiche Orte und Menschen an den vermeintlichen Genuss erinnern. Doch sein Therapeut sei mit diesem Ausflug einverstanden, erzählt Ben. Während Teile seiner Familie mit der Situation nur schwer warm werden, betrachten andere Bekanntschaften seine Anwesenheit überaus positiv – und schicken ihn auf einen Trip, von dem es diesmal vielleicht keine Rückkehr geben wird. Ben Is Back gehört nicht zu den Filmen, die übermäßigen Drogenkonsum und dessen unmittelbare Auswirkungen auf die Abhängigen in den Mittelpunkt der Handlung stellen. Zu sehen sind vor allem zwei Personen: eine, die sich langsam erholt, aber in Angst vor einem Rückfall lebt, und eine andere, die ebenso kämpft und zweifelt. Lucas Hedges als Ben und Julia Roberts als Holly sind das heftig schlagende Herz dieses Films. Wenn sie miteinander reden, dann stets Klartext. Gleich zu Beginn trichtert Holly ihrem Sohn ein, dass er ihr „gehöre“, wenn er Weihnachten bei seiner Familie verbringen möchte. Später fährt sie mit Ben zum Friedhof und fordert ihn auf, eine Stelle für sein künftiges Grab zu wählen – das sei bald nötig, falls er sein Leben nicht grundsätzlich ändert. Innerhalb weniger Sekunden kann mühsam aufgebautes Vertrauen wieder in Misstrauen umschlagen – ein kleiner Scherz, den beide zunächst sogar als solchen empfinden, reicht manchmal schon aus. Genau wie das Drehbuch rückt auch die Kamera die beiden Darsteller*innen permanent in den Fokus. Mit ihren Bewegungen und Einstellungen zwingt sie förmlich dazu, in die Gesichter der Protagonist*innen zu schauen. Diese Aufmerksamkeit haben Hedges und Roberts verdient.

Filmplakat: Tobis

Colette

ColetteAls die Zeitschrift „National Geographic“ im Januar 2017 ein neunjähriges Transmädchen auf dem Cover abbildete und die komplette Ausgabe der „Gender-Revolution“ widmete, folgten die erwartbaren Reaktionen: Krank, nervig, falsch und linke Propaganda sei das. Offenbar haben sich wesentliche Teile westlicher Gesellschaften in den vergangenen 100 Jahren in dieser Hinsicht nicht nennenswert weiterentwickelt. Das nach der gleichnamigen Schriftstellerin benannte Biopic Colette zeigt, dass es zumindest im Paris des frühen 20. Jahrhunderts diesbezüglich durchaus fortschrittliche Ansichten gab. So ist es die von Keira Knightley facettenreich gespielte Hauptfigur, die eine Affäre mit einer als Frau geborenen Person beginnt, die sich selbst nicht (mehr) als solche identifiziert und typische Männerkleidung trägt. Ein Kuss auf offener Bühne führt jedoch zu einer Massenschlägerei im Publikum. Colette ist außerdem sowohl in homo- als auch heterosexuellen Beziehungen zu sehen und darf gewissermaßen als frühe LGBT-Aktivistin betrachtet werden – und als Feministin, auch in eigener Sache. Im Alter von etwa 20 bis 30 Jahren schreibt sie mehrere überwiegend autobiographische Romane, die sich massenhaft verkaufen, aber das Pseudonym ihres deutlich älteren Ehemanns Henry tragen. Als Colette den Wunsch äußert, unter ihrem eigenen Namen zu publizieren, argumentiert Henry: Das kauft doch niemand. Dieser Konflikt taucht im Film erst ziemlich spät auf. Der größte Teil widmet sich den alltäglichen Kämpfen gegen einen – für damalige Verhältnisse liberalen – Machoehemann, der Colette liebt und betrügt, ausnutzt und fördert. Regisseur Wash Westmoreland („Still Alice“), der das Drehbuch gemeinsam mit seinem mittlerweile verstorbenen Ehemann Richard Glatzer geschrieben hat, ist ein erstaunlich lockeres und häufig humorvolles Porträt einer äußerst selbstbewussten, zielstrebigen und modernen Frau gelungen, das auch hinter der Kamera mit Geschlecht und Herkunft spielt. In einem Interview verriet Westmoreland, dass viele Darsteller*innen eine andere Hautfarbe oder sexuelle Orientierung hätten als es bei den historischen Originalen der Fall gewesen sei.

Filmplakat: DCM

Avengers: Infinity War

Das Marvel Cinematic Universe stand schon mehrmals am Scheideweg. Zunächst mit dem ersten „Avengers“-Film im Jahr 2012, der nach einer Reihe mittelmäßiger Soloauftritte zeigte, dass diese Comic-Umsetzungen doch richtig gut sein können. Dann mit dem „Civil War“ im Jahr 2016, als sich die Frage stellte, ob die Reihe mutig genug ist, sich von Figuren und Traditionen zu verabschieden, um frischen Wind zu entfachen, aber außer einem grandiosen Superheldenkampf wenig anzubieten hatte. Und nun wieder. Zehn Jahre nach dem ersten „Iron Man“ laufen fast alle Fäden im Infinity War zusammen. Es ist ein Spektakel, das aus dem Rahmen fällt, mit nichts zu vergleichen ist und nicht nur deshalb, sondern auch wegen der kommenden Fortsetzung im Jahr 2019 nur schwer bewertet werden kann. Wie so häufig in den vergangenen Jahren setzt Marvel mit Figurenentwicklung, Hintergrundgeschichten und Dramaturgie keine neuen Maßstäbe. Selbst wenn man Trailer und Fotos ignoriert hat, weiß man stets so ungefähr, wohin die Reise geht. Überraschend gut gelungen sind hingegen die Balance aus Humor und Tragik sowie die Mammutaufgabe, mehrere dutzend Charaktere in zweieinhalb Stunden unterzubringen, ohne dass der Film vollkommen gehetzt wirkt. Letzteres ist vielleicht die größte Leistung des Regie-Duos, das diesmal jedoch keine ganz so hervorragend inszenierten Actionszenen wie in „Civil War“ und „The Winter Soldier“ im Angebot hat. Wie die verschiedenen Superhelden und ihre Kräfte miteinander agieren, ist dennoch phantastisch anzuschauen. Aber was ist nun mit dem erneuten Scheideweg? Sagen wir es mal so: Sollte der nächste „Avengers“-Film die Entwicklungen nicht rückgängig machen, hat das Marvel Cinematic Universe nun das Potential für weitere zehn Jahre. In jedem Fall dürfte es in den Kinosälen zu Beginn des Abspanns sehr ruhig sein. Und dann wird es Redebedarf geben – so viel wie vielleicht noch nie zuvor nach einem solchen Comic-Blockbuster.

 

Filmplakat: Walt Disney

You Were Never Really Here

You Were Never Really Here - ConstantinWenn Joe (Joaquin Phoenix) den Hammer auspackt, wird‘s ungemütlich. Dann sinken Menschen reihenweise zu Boden. Warum Joe andere Personen malträtiert, bleibt erst einmal unklar. Klar ist jedoch, dass ihn sein aktueller Auftrag in ein Kinderbordell führt. Dort soll er die 13-jährige Tochter eines ambitionierten Politikers befreien – für Joe eigentlich eine Standardaufgabe. Doch daraus entwickelt sich schnell ein tödliches Komplott, das selbst ihn überfordert. Es ist mit Sicherheit nicht die Rahmenhandlung, die You Were Never Really Here (hierzulande mit anderem englischen Titel) deutlich über den Durchschnitt des Genres hebt. Denn abgesehen vom erstaunlich unspektakulären, aber inhaltlich aussagekräftigen Finale präsentiert Lynne Ramsay bekannte Kost. Viel interessanter ist das, was sie über ihren von Joaquin Phoenix mit unfassbarer Präsenz gespielten Hauptcharakter erzählt oder eben nicht erzählt. Da deuten sich in schmerzhaften Rückblenden diverse Traumata an, die der Zuschauer selbst zusammenfügen muss. Ob Joe auf bestimmte Situationen sensibel, wütend oder ängstlich reagiert, ist nicht vorherzusehen – die Reaktion fühlt sich aber immer passend an. Neben der starken Schauspielleistung bleibt vor allem die Musik des Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood im Gedächtnis. Diese erinnert in manchen Momenten in angenehmer Weise an ähnlich atmosphärische Werke wie „Drive“ oder „Mulholland Drive“, unterstreicht aber vor allem den labilen Zustand von Joe. Immer wieder springt die Musik förmlich aus der Spur, verheddert sich oder kommt einfach zum Stillstand. Diese außergewöhnlichen Elemente zu einem elektrisierenden, besonderen Film zusammenzufügen, ist die bemerkenswerte Leistung von Lynne Ramsay.

 

Filmplakat: Constantin

Transit

Transit - Piffl MedienEin Zitat des Holocaust-Überlebenden Primo Levi ist seit geraumer Zeit wieder häufiger zu lesen: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ An dieses Zitat kann man denken, nachdem man Christian Petzolds Transit gesehen hat. Es ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Anna Seghers, der von der Flucht eines Deutschen nach Frankreich erzählt, wo er sich vor den Nationalsozialisten verstecken muss, gegenüber den Behörden die Identität eines verstorbenen Schriftstellers annimmt, aber dessen Frau die Wahrheit über den Tod ihres Mannes verschweigt. Dass „es“ wieder geschehen kann, legt „Transit“ nahe, indem er die originale Geschichte von Verfolgung und Faschismus ins Frankreich der Gegenwart verlegt. Die historischen Tatsachen vermischen sich dadurch mit den aktuellen Schauplätzen. Ob es realistisch ist, dass sich so etwas wie der Nationalsozialismus in ähnlicher Form auf absehbare Zeit wiederholen kann, sei offen gelassen. Dass wesentliche Teile der Bevölkerung – in anderen europäischen Ländern noch mehr als in Deutschland – vermehrt solche Parteien wählen, die zumindest teilweise faschistisch auftreten, ist aber ein Fakt. Es fällt nicht allzu schwer, zwischen den AfD-Machtphantasien vom „Aufräumen“ und „Ausmisten“ sowie den Polizeirazzien in „Transit“ eine gedankliche Brücke zu schlagen. Vielleicht war das aber gar nicht das wesentliche Ziel von Petzold; in Interviews verweist er eher auf Parallelen zu den aktuellen Fluchtbewegungen. So oder so – das Politische gerät im Laufe des Films zunehmend in den Hintergrund; zu Gunsten einer Dreiecksliebesgeschichte, bei der vieles im Unklaren bleibt. Manchmal wirkt „Transit“ sogar wie ein Fantasyfilm, denn plausibel zu erklären sind beispielsweise die unzähligen Zufallsbegegnungen der selben Figuren in einer Großstadt wie Marseille ja kaum. Unklar bleibt vor allem, was Petzold hier eigentlich erzählen wollte; vieles läuft elegant ins Leere oder wiederholt sich allzu oft; und die bedrückenden Momente der Verfolgung, Unsicherheit und Denunziation sind leider rar. Am Ende – so suggeriert es zumindest die finale Einstellung – hat Petzold wohl eine inoffizielle Fortsetzung seiner Gespenster-Trilogie gedreht. Insgesamt ist der Film okay – was in Anbetracht der Relevanz für aktuelle Debatten, die er hätte erlangen können, zu wenig ist.

 

Filmplakat: Piffl Medien