Die Taschendiebin

Die Taschendiebin - Koch FilmsWieder einmal ist bei Park Chan-wook („Oldboy“) einiges nicht so, wie es auf den ersten Blick scheint. Diese Feststellung bezieht sich sowohl auf die Perspektive des Zuschauers als auch auf jene sämtlicher Protagonisten. Für uns, das Publikum, macht es zunächst den Eindruck, als ob sich die Taschendiebin Sookee (Kim Tae-ri), die dem im Englischen „The Handmaiden“ genannten Film den ansonsten wenig sinnvollen deutschen Titel verleiht, als Dienstmädchen ausgibt, um das Vertrauen des reichen Fräuleins Hideko (Kim Min-hee) zu gewinnen. Dieses soll sich nach dem Eintreffen des Hochstaplers Fujiwara (Ha Jung-woo) verlieben und sich später – nicht ganz freiwillig – von ihrem Vermögen trennen. Selbstverständlich nimmt die Handlung jedoch eine andere Entwicklung als zunächst erwartet. Dabei sind nicht nur die drei Hauptcharaktere zumindest eine Zeitlang über das eigentliche Geschehen nicht ganz im Bilde, sondern auch die Zuschauer benötigen mehrere Perspektivwechsel, um die Lügen und Intrigen zu durchschauen. Park Chan-wook setzt diesmal weniger auf Verstörendes und Schockierendes, so wie etwa in eingangs erwähntem Meisterwerk, sondern mehr auf Raffinesse und Ironie – wenngleich es auch hier teils sehr bizarr zugeht. Die Taschendiebin ist clever erzählt und macht trotz langer Laufzeit von der ersten bis zur letzten Minute Spaß. Etwas ratlos haben mich lediglich die freizügigen, lesbischen Sexszenen zurückgelassen. Wenn ein Mann so etwas inszeniert, weiß man nie so genau, warum er das eigentlich gemacht hat. Was für ihn spricht: „Die Taschendiebin“ ist grundsätzlich ein Film, der von starken Frauen und schwachen Männern erzählt. Hinzu kommt: So lustig wie hier ist Sex selten inszeniert – man denke nur an den aus Vagina-Sicht gefilmten Cunnilingus und die den Akt begleitenden Kommentare.

 

 

Filmplakat: Koch Films

The Lobster

LobsterDavid ist Single. In der Welt des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos („Dogtooth“, „Alpen“) stellt dies einen unhaltbaren Zustand dar. Deshalb reist David zwangsweise in ein abgelegenes Hotel, wo eine Art Partnerbörse stattfindet. Die Hausregeln haben es in sich: Wer masturbiert, muss seine Hand zur Strafe in einen Toaster stecken. Stattdessen sorgen die Zimmermädchen für regelmäßige Befriedigung. Gelingt es David nicht, innerhalb von 45 Tagen eine Partnerin zu finden, wird er in ein Tier verwandelt und in der Wildnis ausgesetzt. So sind die Regeln. Wer mit den bisherigen Werken von Lanthimos noch nicht in Berührung gekommen ist, mag das ungewöhnlich finden. Für Kenner seiner Vorgängerfilme und natürlich die Charaktere selbst wirkt das Geschehen hingegen völlig normal. Liebe und Sexualität verkommen zu bloßen Zahlenwerken. Damit zwei Menschen sich als Paar bezeichnen dürfen, benötigt es lediglich einer speziellen Gemeinsamkeit, zum Beispiel Kurzsichtigkeit oder eine Vorliebe für Bücher. Und als David, großartig gespielt von Colin Farrell, bei der Eingabe seiner sexuellen Orientierung „bi“ wählen möchte, wird ihm mit Bedauern mitgeteilt, dass diese Option im System nicht mehr verfügbar sei. Es ist schon erstaunlich, wie prominent The Lobster besetzt ist: Neben Farrell tauchen unter anderem John C. Reilly, Léa Seydoux, Ben Whishaw und Rachel Weisz auf. Was als Nächstes passiert, ist grundsätzlich nicht vorhersehbar. Immer wieder tauchen neue eigentümliche Figuren oder Regeln auf, die der Handlung eine andere Richtung geben. Ebenso herzlos wie die Welt, in der diese Charaktere leben, ist auch die Inszenierung von Lanthimos. All diese Merkwürdigkeiten und Grausamkeiten lässt er mit todernster Ruhe und ohne jede Aufgeregtheit geschehen. Wer auf bizarren Humor und abseitige Szenarien steht, sollte ins Kino gehen – denn dort wird dieser „Liebesfilm“, der ursprünglich in Deutschland lediglich auf DVD erscheinen sollte, nun doch starten. Es wäre schade, wenn dieser Ausflug nicht vom verdienten Erfolg gekrönt wäre.

 

 

Filmplakat: Park Circus