Annihilation

Annihilation - NetflixSelbst mit einigem Abstand ist nicht ganz klar, was von diesem Film zu halten ist. Was zunächst einmal für ihn spricht. Das zweite Regiewerk von Alex Garland („Ex Machina“) entführt in eine Umgebung, die auf dieser Welt liegt, aber irgendwie nicht von dieser Welt ist. Wir stoßen auf seltsame Kreaturen, hadern mit unseren Erinnerungen und zweifeln an unserem Verstand – oder vielmehr an jenem der fünf weiblichen Figuren um die Biologin mit Armeeerfahrung, gespielt von Natalie Portman, die sich in dieses Gebiet, das immer größer wird und in dem fast alle, die es betreten, spurlos verschwinden, hinein wagen. Annihilation ist auf vielen Ebenen bemerkenswert, aber auf ebenso vielen Ebenen problematisch. Auf der Ebene der Bilder findet sich in nahezu jeder Einstellung irgendein Licht, das irritiert. Mal sind es klassische Lens-Flare-Effekte, mal ist es ein künstliches oder das Sonnenlicht, das durch eine Öffnung seinen Weg findet. Auf mich wirkte das zu gewollt und daher ablenkend. Auf der inhaltlichen Ebene bleiben interessante Details in Erinnerung, aber kein stimmiges Ganzes. Ein US-Kritiker formulierte, dass sich „Annihilation“ so anfühle, als sei es ein Kurzfilm auf Spielfilmlänge. Das kommt meinen Eindrücken sehr nahe. Die angeblich so zahlreichen philosophischen Ansätze, die weit über das Filmende hinaus zum Nachdenken anregen sollen, konnte ich nicht finden. Auf mich wirkten sowohl die Charaktere als auch ihre Überlegungen eher oberflächlich. Die Dramaturgie folgt weitgehend ausgetretenen Pfaden; wirkliche Überraschungen sind rar. Entscheidend voran kommt der Film immer nur dann, wenn die Figuren nicht nachvollziehbar handeln oder Dinge geschehen, die nicht erklärbar sind. Was wohl einen Teil des großen Mysteriums darstellen soll; aber damit macht es sich Garland zu einfach. Im Grunde bietet „Annihilation“ eine handvoll Denkanstöße und greift dabei vor allem bekannte Ideen des Genrefilms auf. Vergleicht man das mit einem anderen Netflix-Film, „The Discovery“, bietet allein dessen Prämisse – ein Wissenschaftler entdeckt das Leben nach dem Tod und löst damit eine Flut von Selbstmorden aus – mehr Stoff für Diskussionen als „Annihilation“ insgesamt. Die vielleicht beste Idee kommt zudem schon ziemlich früh zum Vorschein – und wiederholt sich später, selbst im faszinierenden und audiovisuell betörenden Finale, nur noch in diversen Variationen. Aber keine Angst: Wer an „Ex Machina“ nichts auszusetzen hatte, dürfte auch mit „Annihilation“ glücklich werden. Aus meiner Sicht ist es nun aber schon der zweite Garland-Film, der die großen Menschheitsfragen behandeln möchte, dabei aber intellektuell nicht über Schulniveau hinauskommt. Weil er vor allem optisch und musikalisch ungewöhnliche Wege geht, sollte jeder Cineast dennoch einen Blick riskieren.

 

Filmplakat: Netflix

Star Wars: Die letzten Jedi

StarWars8Nach anderthalb Stunden war der Verriss eigentlich schon fast fertig. Mit der Macht der Gedanken musste er nur noch auf Papier übertragen werden. Bis zu diesem Zeitpunkt war die achte „Star Wars“-Episode ein schrecklich langweiliger und vorhersehbarer Film. Die Konfrontation zwischen böser First Order und guten Rebellen verlagerte sich immer wieder an uninteressante Nebenschauplätze, die Annäherungsversuche zwischen Rey und Luke Skywalker schleppten sich mühevoll dahin und die inneren Konflikte der Charaktere wurden nur behauptet, aber nicht glaubwürdig erklärt. Was in der siebten Episode mangels anderer Schwächen kaum ins Gewicht fiel, schlägt diesmal besonders negativ zu Buche: eine Story, der es an originellen Ideen und Spannung mangelt. Stattdessen: Klischees, Pathos und ein kaum mehr zu ertragendes Dark-Light-Geschwurbel, das fast wie eine Parodie der alten Filme wirkt. Doch irgendwie konnten Regisseur Rian Johnson und die anderen Beteiligten das Ruder noch rumreißen. In der finalen Stunde präsentieren sie mitreißende Lichtschwertduelle, überraschende Figurenschicksale, sehenswerte Innenausstattungen und ein überwältigendes Finale mit betörenden Farben, epischen Momenten und einem Badass-Auftritt, der allein für die anfänglichen Strapazen entschädigt. Fairerweise muss man aber ergänzen: Die besten Momente funktionieren nur wegen der Vorarbeit der anderen Filme so herausragend.

 

Filmplakat: Walt Disney

Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht

StarWars7Ich bin begeistert. Dass das so ist, überrascht mich nicht, denn schon der vor einem Jahr veröffentlichte Teaser zu Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht hat diesen Film für mich zu einem der meisterwarteten des Jahres 2015 gemacht. Und dabei bin ich ganz sicher kein „Star Wars“-Fanboy. Oder besser gesagt: war. Denn das hat sich nun geändert. Dem Team um J.J. Abrams ist es nicht nur gelungen, den besten Blockbuster des Jahres abzuliefern, sondern dabei auch mutige Wege zu gehen, die man in anderen Werken wie „Avengers 2“ oder „Jurassic World“ so schmerzlich vermisst hat. Man hat es geschafft, einen Film zu drehen, der sich vor dem Original verneigt, technisch und erzählerisch auf der Höhe der Zeit ist und dabei in bemerkenswerter Weise als eine Art Remake-Reboot funktioniert. Am Ende waren es vielleicht ein, zwei kopierte Storyelemente zu viel – aber wirklich störend ist das nicht. Zu stark und sympathisch sind die guten und bösen Charaktere, zu schlagfertig ist der Humor, zu mitreißend die Inszenierung. Und selten zuvor dürfte es einer Fortsetzung gelungen sein, die alten Hauptcharaktere so geschickt in das neue Universum einzubinden – sei es Zeitpunkt ihres Auftretens oder auch die Funktion für die Handlung. Mindestens Daisy Ridley dürfte zudem als eine der großen Entdeckungen des Kinojahres gelten. Eine unbekannte Darstellerin auf einen Schlag zum Star machen, bildgewaltig erzählen, zu Tränen rühren – es gelingt viel zu selten, doch hier ist es der Fall. „Star Wars“ lebt, die Prequel-Trilogie ist vergessen, das Abenteuer darf und muss weitergehen.

 

Filmplakat: Walt Disney

Ex Machina (René)

Ex MachinaSpike Jonzes philosophische SciFi-Romanze „Her“, die vor etwas mehr als einem Jahr in den deutschen Kinos startete, war ein begeisterndes Stück Kino – wegen seiner Darsteller, seines Looks, vor allem aber wegen seiner Fragen und Antworten zum Thema Menschsein, Liebe – oder etwas allgemeiner: Interaktion zwischen Mensch und Maschine – sowie den Grenzen, die womöglich zunehmend verschwimmen. Auch Alex Garlands Regiedebüt Ex Machina hat überzeugende Darsteller, ist phantastisch gefilmt und stellt faszinierende Fragen in den Raum, über die nachzudenken es sich lohnt – nicht zuletzt deswegen, weil sich diese Fragen irgendwann in unserer ganz realen Welt bald zwangsläufig stellen werden (man könnte sicher auch argumentieren, dass es bereits so weit ist). Caleb, Mitarbeiter einer großen Suchmaschinenfirma, „gewinnt“ in diesem Film einen einwöchigen Trip zum abgelegen lebenden Firmenchef Nathan. Dieser hat offenbar die erste wirkliche künstliche Intelligenz erschaffen (ein Roboter namens Ava, der äußerlich weitgehend einer Frau gleicht) und erwartet von Caleb, dass dieser sie testet. Er redet viel mit ihr: über ihn, über sie, über beider Wahrnehmungen von sich und dem anderen, aber auch über Nathan, dem – so erzählt es Ava, als gerade der Strom und somit auch die Kamera ausfällt – nicht zu trauen ist. Es geht auch um Gefühle, die beide füreinander entwickeln (oder auch nicht), und um die Frage, ob hier wirklich jenes Experiment vor sich geht, das eingangs erklärt wurde, oder nicht doch etwas ganz anderes. Um es schon einmal vorwegzunehmen: Natürlich ist am Ende nicht alles so wie es noch zu Beginn den Anschein hatte. Und das ist leider das große Problem von „Ex Machina“. So interessant, spannend und faszinierend es über lange Zeit größtenteils sein mag – am Ende drängt sich das Gefühl auf, dass es hier im Kern doch weniger um einen substanziellen philosophischen Exkurs als vielmehr um den Effekt einer oder mehrerer vermeintlich überraschender Wendungen geht. „Ex Machina“ ist einer dieser Filme, die nur dann richtig gut funktionieren, wenn alle Fäden am Ende zusammenlaufen. Das tun sie aber nicht, denn – anders als beispielsweise bei „Her“ – läuft hier vieles ins Leere und hinterlässt nichts, worüber es sich weiter nachzudenken lohnt. Es ist schon eine halbwegs bittere Erkenntnis, die sich am Ende des Films breit macht, wenn man realisiert, dass hier viel Schein aufgebaut wird, und wenig Sein dahintersteckt, und somit selbst das „Robocop“-Remake mehr zur Frage, was einen Menschen (und eine Maschine) eigentlich definiert, beizutragen hatte. „Ex Machina“ ist sicher kein dummer Film – im Gegenteil: Er fordert dazu auf, intensiv nachzudenken. Doch die Belohnung dafür bleibt am Ende aus.

 

Filmplakat: Universal

A Most Violent Year

most-violent-year-big posterAbel Moreles befindet sich “between a rock and a hard place”, wie man so schön sagt. Oder genauer: between a rock and a hard place and another shitty hard rock. Abel – gespielt von einem längst überfälligen noch nicht Oscar-Nominee Oscar Isaac – baute seine Ölvertriebsfirma namens “Standard Oil” mit eigenen Händen auf, setzte sich mit harter Arbeit und fairen Konditionen gegen die Konkurrenz durch und will nun ein Stück Land mit Zugang zum New Yorker East River, der seinem Unternehmen einen gewaltigen Geschäftsvorteil einbringen würde. Innerhalb von dreißig Tagen müssen er und seine Frau Anna, die von einer elektrisierenden Jessica Chastain gespielt wird, noch über 50% des zum Kauf benötigten Geldes von Investoren auftreiben, oder das Grundstück geht an die Konkurrenz. Derweil werden die Trucks von Standard Oil regelmäßig von Unbekannten überfallen, um das Öl zu stehlen, und sowohl Anna als auch Abels Mitarbeiter drängen ihn dazu, seine Saubermannmethoden abzuschwören und Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen. Zu allem Überfluss leitet der Staatsanwalt Lawrence (David Oyelowo) ein scheinbar haltloses Verfahren wegen diverser betrügerischer Vergehen gegen Standard Oil ein und bringt Abel noch mehr zum Kreiseln und Zweifeln und stetem Verzweifeln. A Most Violent Year von Drehbuchautor und Regisseur J.C. Chandor steht nicht nur der Tradition der großen Mafia-Filme des 20. Jahrhunderts, deren verwandte Ästhetik und historischen Kontext er beschwört. Vielmehr scheint Chandor das ausgetüftelte Spiel der Unglücke und äußeren Drücke, die seinem Helden widerfahren, direkt aus dem Lehrbuch für griechische Tragödien entnommen zu haben. Chandor und seine umwerfenden Darsteller verschwenden keine einzige Szene an Nichtigkeiten, die nicht die stetig und schneller näher kommenden Wände um Abel, seine Familie und seine Firma deutlicher machen würden. Dabei löst sich “A Most Violent Year” gleichzeitig auch aus der Tradition von “Der Pate”, “Die Unbestechlichen” und Co., indem es sich trotz seiner parabellhaften Erzählweise doch von jenen schönen Mafia-Mythen frei macht und seine eigenen, existenzielleren und zugleich authentischeren Mythen erfindet. Die Gewalt in “A Most Violent Year” ist nicht wirklich blutig – sie ist korrupt, sie ist psychisch, sie ist familiär, sie ist institutionell. Sie ist alltäglich und homerisch zugleich, wie die Kids zu sagen pflegen.

 

 

Filmplakat: A24