La La Land

La La Land - StudiocanalEs zerfetzt mir das Herz, sie weinen zu sehen. Mia, gespielt von Emma Stone, sitzt einfach nur da, an einem Tisch, sagt nichts, doch in ihren Augen spiegelt sich die ganze Enttäuschung, die sie in diesem Moment empfindet. Bis zu diesem folgenreichen Gespräch mit Sebastian, gespielt von Ryan Gosling, ist La La Land ein großer Freudenreigen: für die Figuren, die nach idealistischer Selbstverwirklichung und künstlerischen Erfolgen streben, aber vor allem für das staunende Publikum, dem Regisseur Damien Chazelle („Whiplash“) eine mitreißende Liebesgeschichte im Gewand eines gleichermaßen modernen wie nostalgischen Musicals präsentiert. Er nutzt die Möglichkeiten des zeitgenössischen Kinos, um gleich zu Beginn eine atemberaubende, scheinbar fast ungeschnittene Tanz- und Gesangseinlage auf einer Autobahn zu inszenieren, die sich – klammert man den technischen Aufwand aus – so anfühlt, als wäre sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Die mal nachdenkliche, mal abenteuerlustige Musik macht süchtig und der Dreiklang aus Energie, Leidenschaft und Ideenreichtum in der Präsentation der Musicalnummern lässt die Leinwand förmlich erbeben. Doch das Herz des Films ist Emma Stone, die all das ausstrahlt, was eine Figur in einem solchen Film braucht: Lust, Freude, Verlangen, Verletzlichkeit und nicht zuletzt eine Ambivalenz in ihren Gefühlen, die ihren Charakter zutiefst menschlich macht. Es passiert nicht oft, dass der bloße Anblick einer Schauspielerin mir die Tränen in die Augen treibt – in „La La Land“ geschieht dies unzählige Male. Alle Stärken des Films finden im furiosen Finale noch einmal zueinander. Dieses lässt zwar zunächst etwas ratlos zurück, doch das kurze Gefühl der Trauer wandelt sich – sobald die wesentliche Aussage über die Ungewissheiten des Lebens erkannt ist – in eine tiefe Zufriedenheit, die wohl niemals enden wird.

 

 

Filmplakat: Studiocanal

Carol

Carol-PosterTherese (Rooney Mara) verbringt ihre Tage wie eine Schlafwandlerin. Sie arbeitet in einem Job, der sie nicht interessiert, und ist liiert mit einem Mann, den sie nie geliebt hat. Sie sieht die Leute in das Geschäft hinein- und wieder herauskommen, starrt gedankenversunken auf die kleinen Miniaturzüge in der Spielzeugabteilung und denkt daran, wie sie selbst als Kind damit gespielt hat. Und still ruht die Frage auf ihrem starren Gesicht, warum sie sich so leer fühlt. Warum sie nicht in der Lage ist, Glück zu finden. Da nimmt sie eine Bestellung entgegen. Eine blonde Frau mittleren Alters (Cate Blanchett) will für ihre Tochter eine Puppe zu Weihnachten kaufen, doch leider ist dieses Modell schon ausverkauft. Nach ein paar ausgetauschten freundlichen Blicken, Kaufempfehlungen und ein paar weiteren, freundlichen, taxierenden Blicken verabschiedet sich die blonde Frau namens Carol Aird. Therese blickt ihr nach, bis sie aus dem Kaufhaus verschwunden ist. Mit einem Blick auf den Tresen macht ihr Herz einen sichtbaren Hüpfer: Sie hat ihre Handschuhe vergessen. Regisseur Todd Haynes scheint nach den brillant gefilmten “Velvet Goldmine” und “I’m Not There” mit seinem neuen Film Carol den vorläufigen Höhepunkt seiner visuellen Schaffenskraft erreicht zu haben, pulsieren seine ruhigen, in jeder einzelnen Einstellung pointierten Bilder doch nur so mit gestalterischer Hingabe. Hier wird nie nur etwas gezeigt, kein Frame wird verschwendet, ohne etwas über die faszinierenden Figuren zu erzählen: “Carol” basiert auf dem Roman “The Price of Salt” der berühmt berüchtigten Autorin Patricia Highsmith, die vor allem durch psychologisch-abgründige Thrillerdramen wie “Strangers on a Train” und “The Talented Mr. Ripley” bekannt wurde. Bereits in der Verfilmung des letzteren spielte Cate Blanchett mit, die in “Carol” nun die Titelrolle übernimmt und – auffällig im Vergleich zur Vorlage – eine beinah ebenso präsente, zentrale handelnde Figur ist wie Therese. Das adaptierte Drehbuch von Phyllis Nagy und Haynes erlauben uns, in die Gefühlswelten beider Frauen – deren Darstellerinnen sich die Seele aus dem Leib spielen – abzutauchen und Carol nicht “bloß” als Objekt von Therese’ eigener Perspektive zu sehen. So entfaltet sich ein kurzer Ausschnitt aus zwei sehr unterschiedlichen und doch sehr ähnlichen Leben: Die junge, verwirrte Frau, die auf der Suche nach dem ist, was in ihrem Leben wirklich fehlt und was sie sich bislang nicht erklären konnte. Und die Frau, die einen langen Weg gehen musste, um mit sich selbst und der Welt Frieden zu schließen, nur um sich noch immer an der Grausamkeit ihrer Mitmenschen die Zähne auszubeißen. Und die beide einander gesucht haben.

 

 

Filmplakat: The Weinstein Company / Studiocanal

Still The Water

STILL-THE-WATER_HDDa draußen gibt es etwas, das ist so gewaltig, so unfassbar, als sei es die ganze Welt. Für manchen ist es die Nacht oder der Himmel. Für Kyoko und Kaito ist es das tosende Meer. Bei ihren einsamen, langen Tauchgängen vor der Küste fühlt sich Kyoko (Jun Yoshinaga) eins mit allem. Hier findet sie Kraft in Zeiten des Wandels und Abschieds, der nun nicht mehr aufzuhalten scheint. Außerhalb ihrer Familie fühlt sie sich nur Kaito (Nijirô Murakami) wirklich verbunden. Verschlossen vor seinen geschiedenen, distanzierten Eltern sucht Kaito stets Kyokos Nähe. Doch mag er sich nicht eingestehen, wieso. Die See fürchtet er wie Nichts. Gigantisch, aufbrausend und umberechenbar. Naomi Kawases Still the Water reflektiert die Empfindlichkeit und Empfindsamkeit voreinander und vor dem, was nicht zu fassen ist. Seine jugendlichen Protagonisten reifen durch Einsamkeit, Sehnsucht und Unverständnis über Leben und Sterben zu jungen Erwachsenen heran. Indem sie versuchen, zusammenzufinden. Die Geschichte erzählt sich in ruhigen, ungekünstelten und doch malerischen Bildern. Die Kamera bewegt sich frei in der Situation, frei von Beschönigungen durch Stativ und Steadycam. Und trotz dieser scheinbaren Unruhe und dokumentarisch scheinenden Präsenz im Moment, nehmen sich die Bilder Zeit für Melancholie. Für das, was Kino größer als das Leben macht. Worte fallen nur, wenn sie Gewicht haben. Auch wenn durch die teilweise allzu bedeutungsschwangeren Töne vereinzelt die Glaubwürdigkeit des Moments überdehnt wird, reißt doch die Verbindung zu Kyoko und Kaito nie ab. Denn sie ihr Herz genauso auf der Zunge, wie auf den geschlossenen Lippen, wie auf den unsicher Ihresgleichen suchenden Augen.

 

 

Filmplakat: Asmik Ace

Ex Machina (René)

Ex MachinaSpike Jonzes philosophische SciFi-Romanze „Her“, die vor etwas mehr als einem Jahr in den deutschen Kinos startete, war ein begeisterndes Stück Kino – wegen seiner Darsteller, seines Looks, vor allem aber wegen seiner Fragen und Antworten zum Thema Menschsein, Liebe – oder etwas allgemeiner: Interaktion zwischen Mensch und Maschine – sowie den Grenzen, die womöglich zunehmend verschwimmen. Auch Alex Garlands Regiedebüt Ex Machina hat überzeugende Darsteller, ist phantastisch gefilmt und stellt faszinierende Fragen in den Raum, über die nachzudenken es sich lohnt – nicht zuletzt deswegen, weil sich diese Fragen irgendwann in unserer ganz realen Welt bald zwangsläufig stellen werden (man könnte sicher auch argumentieren, dass es bereits so weit ist). Caleb, Mitarbeiter einer großen Suchmaschinenfirma, „gewinnt“ in diesem Film einen einwöchigen Trip zum abgelegen lebenden Firmenchef Nathan. Dieser hat offenbar die erste wirkliche künstliche Intelligenz erschaffen (ein Roboter namens Ava, der äußerlich weitgehend einer Frau gleicht) und erwartet von Caleb, dass dieser sie testet. Er redet viel mit ihr: über ihn, über sie, über beider Wahrnehmungen von sich und dem anderen, aber auch über Nathan, dem – so erzählt es Ava, als gerade der Strom und somit auch die Kamera ausfällt – nicht zu trauen ist. Es geht auch um Gefühle, die beide füreinander entwickeln (oder auch nicht), und um die Frage, ob hier wirklich jenes Experiment vor sich geht, das eingangs erklärt wurde, oder nicht doch etwas ganz anderes. Um es schon einmal vorwegzunehmen: Natürlich ist am Ende nicht alles so wie es noch zu Beginn den Anschein hatte. Und das ist leider das große Problem von „Ex Machina“. So interessant, spannend und faszinierend es über lange Zeit größtenteils sein mag – am Ende drängt sich das Gefühl auf, dass es hier im Kern doch weniger um einen substanziellen philosophischen Exkurs als vielmehr um den Effekt einer oder mehrerer vermeintlich überraschender Wendungen geht. „Ex Machina“ ist einer dieser Filme, die nur dann richtig gut funktionieren, wenn alle Fäden am Ende zusammenlaufen. Das tun sie aber nicht, denn – anders als beispielsweise bei „Her“ – läuft hier vieles ins Leere und hinterlässt nichts, worüber es sich weiter nachzudenken lohnt. Es ist schon eine halbwegs bittere Erkenntnis, die sich am Ende des Films breit macht, wenn man realisiert, dass hier viel Schein aufgebaut wird, und wenig Sein dahintersteckt, und somit selbst das „Robocop“-Remake mehr zur Frage, was einen Menschen (und eine Maschine) eigentlich definiert, beizutragen hatte. „Ex Machina“ ist sicher kein dummer Film – im Gegenteil: Er fordert dazu auf, intensiv nachzudenken. Doch die Belohnung dafür bleibt am Ende aus.

 

Filmplakat: Universal

Top Five

TopFiveIch bin mir noch nicht ganz sicher, ob es das große Glück oder das große Pech von Chris Rock ist, etwa zeitgleich mit „Birdman“ in die Kinosäle eingezogen zu sein. Die von ihm inszenierte und geschriebene sowie mit ihm in der Hauptrolle besetzte Komödie Top Five ist natürlich kein zweiter „Birdman“, vor allem nicht in qualitativer Hinsicht. Aber gewisse Vergleiche drängen sich auf. In beiden Filmen geht es um Schauspieler in der Sinnkrise, die sich auf ungewohntes Terrain begeben (in diesem Fall möchte ein Komödiendarsteller auch mal was Ernstes ausprobieren), um Verweise auf die Medien- und Showbizszene und beide wirken sehr verdichtet – „Birdman“ räumlich (Theater) und zeitlich (die One-Take-Suggestion), „Top Five“ zumindest letzteres. Der Einstieg ist ein rasanter Dialog zwischen Chris Rocks Charakter Andre Allen und Chelsea Brown, gespielt von Rosario Dawson, die ihn, wie wir später erfahren werden, für die New York Times interviewt. Es geht um zukünftige Präsidenten und welche „Behinderungen“ diese haben dürften, um für den gemeinen US-Amerikaner noch wählbar zu sein. Ähnlich temporeich geht es weiter, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich Chris Rock irgendwie verheddert und nicht mehr so recht weiß, ob er hier ein selbstreferenzielles Künstlerporträt oder eine handelsübliche Schnulze abliefern soll. Zudem zünden die Gags an den entscheidenden Stellen manchmal überhaupt nicht – etwa in der Szene, in der Andre Allen seine vermeintliche und bejubelte Rückkehr zu alter Comedyform feiert, aber eigentlich nichts anderes erzählt als „Blowjob, Blowjob, Blowjob“. Und sind wir mal ehrlich: Das sind ziemliche Wohlstandsprobleme, denen man hier beiwohnen darf. In die Charaktere von „Birdman“, der auch formell in jeder Hinsicht besser war, konnte man da deutlich mehr investieren. Trotzdem: Im Großen und Ganzen macht „Top Five“ schon Spaß, ist aber nicht der Hit, den viele Kritiken in den USA haben erhoffen lassen.

 

Filmplakat: Paramount