Avengers: Endgame

Wenig trifft das Nerd-Herz so sehr, wie das misslungene Ende einer geliebten Serie. Oder Buchreihe. Oder eines 50+ Stunden Videospiels. Oder einer sich über Jahre hinwegstreckenden Pen & Paper Kampagne … Klar, wenn das Ende Murks ist, so versaut das fast jede Geschichte – doch je mehr Zeit ich mit den Charakteren verbracht habe, je mehr ich mit ihnen mitleiden und mitfiebern konnte, wenn ich förmlich in ihren Schuhen gelaufen bin und mit ihnen eine Reise unternommen habe, die sich in manchen Momenten so anfühlt, als ob ich sie selbst wirklich, physisch erlebt haben könnte, nur vielleicht … dann steht am Ende unglaublich viel auf dem Spiel.
Und für viele Erzählreihen ist das auch immer wieder schlicht zuviel. Da kann das Ende den Erwartungen scheinbar einfach nicht gerecht werden, auch wenn die Macher alles daran setzen.

Die Marvel Cinematic Universe Filme sind gewiss nicht das erste Movie Franchise, das diese schwere Aufgabe zu bewältigen hatte – wenngleich es mit 22 Filmen innerhalb von 11 Jahren, knapp 17 verschiedenen Regieführenden und ein paar dutzend Hauptfiguren durchaus vor einigen einzigartigen Herausforderungen stand. Umso größer die Erleichterung, dass “Endgame” den Erwartungen und Ansprüchen trotz allem nicht nur standhalten kann.
Es hat sie auch noch bei weitem übertroffen.
Als letztes Glied in der Kette (ungeachtet der Tatsache, dass es natürlich nicht der letzte Marvel-Film sein wird und wir manche altbekannten Marvel-Charaktere und Darsteller wiedersehen werden), als Schlussstein des Mosaiks, das die Infinity-Saga ist, tut “Endgame” genau, was es tun muss, und schließt den Kreis – auf so ziemlich jeder denkbaren Ebene. Dem Film gelingt es noch besser als allen “Avengers”-Teilen zuvor, jeden seiner zentralen Charaktere scheinen und eine unersetzliche Rolle in der Geschichte einnehmen zu lassen – wie mit einer wirklich gelungenen Pen & Paper Kampagne, deren Helden gemeinsam zur Hölle und zurückgereist sind. Noch nie schienen die Entscheidungen von Cap und Co. so gravierend, die ungewissen Konsequenzen so offenkundig schwerwiegend und endgültig – gleich den Entscheidungsmöglichkeiten eines epischen Videospielabenteuers. “Endgame” sprüht vor originellen Rückgriffen auf die große Filmgeschichte wie auch auf seine eigene Filmgeschichte mit Momenten voller Herzschmerz und verspieltem Humor, ohne dabei selbstgefällig, gefühlsduselig oder albern zu werden – wie die letzten Seiten des letzten Romans der Reihe, der seinen Vorgängern in nichts nachstehen darf und in dem Bewusstsein geschrieben wurde, Teil der Literaturgeschichte zu sein.

Und “Endgame” ist eben, natürlich, auch irgendwie wie die letzte Folge einer wirklich gelungenen Serie, bei der es rückblickend so scheint, als hätte es kein anderes Ende geben können als dieses. Es passen alle beweglichen Teile des Films so gut zusammen, alles baut so gekonnt auf dem Vergangenen auf, lässt so gut alle Charaktere, individuelle Fähigkeiten, Gefühle und Beziehungen ineinandergreifen … ich könnte fast glauben, alle vorherigen MCU-Filme wurden bloß gemacht, damit es “Endgame” geben konnte. Und wenn dem so ist, dann hat es sich gelohnt. Dann hätte es mein Nerd-Herz nie anders haben wollen.

Filmplakat: Walt Disney

The Jungle Book

JungleBookWar das wirklich sinnvoll? Eine weitere Verfilmung der Coming-of-Age-Geschichte „Das Dschungelbuch“ aus den Jahren 1894/95 beziehungsweise ein Quasi-Remake des gleichnamigen Kinder- und Zeichentrickfilmklassikers aus dem Hause Disney von 1967 zu machen? Ja, das war es! Die bis dato letzte Realverfilmung von Stephen Sommers handelte weniger von den Bewohnern des Dschungels als von Menschen, genauer gesagt von sich liebenden Menschen. Seitdem sind mehr als 20 Jahre vergangen, in denen sich die technischen Möglichkeiten rasant weiterentwickelt haben. Die nunmehr animierten Tiere wirken unfassbar realistisch und machen The Jungle Book schon jetzt zu einem Favoriten für den Effekte-Oscar. Doch das allein ist es nicht, was diese Neuverfilmung so sehenswert und wichtig macht. Es ist vor allem das Plädoyer für Werte, die heute so umstritten scheinen wie schon lange nicht mehr: Vielfalt, Toleranz und das Recht eines jeden Individuums auf Freiheit und Wohlergehen. Der Schurke dieses Films – der Tiger Shere Khan – diskriminiert und grenzt aus. Sowohl in Europa (und hier beileibe nicht nur am rechten Rand) als auch im Produktionsland USA sind aktuell politische und gesellschaftliche Kräfte am Werk, die ähnlich handeln. Wenn ein solcher Film, der sich speziell auch an Kinder und Jugendliche richtet, dagegen ankämpft – ob bewusst oder unbewusst – ist dies nur zu begrüßen. Richtig unterhaltsam, humorvoll und bewegend wird „The Jungle Book“ folgerichtig dann, wenn der antiautoritäre und hedonistisch veranlagte Bär Balu die Bühne betritt. Leider ist nicht zu übersehen, dass der Film unter einigen dramaturgischen Schwächen leidet. So spannend und atmosphärisch der Konflikt zwischen Mowgli und Shere Khan zunächst aufgebaut wird, so belanglos ist er mit zunehmender Dauer. Stattdessen scheinen die Macher darum bemüht, so viele bekannte Charaktere wie möglich einzubauen. Insbesondere der Handlungsstrang um den Affenkönig Louie wirkt überflüssig. Die Art und Weise, wie Mowgli anschließend zum eigentlichen Kernkonflikt zurückgetrieben wird, ist zudem arg konstruiert. Kleiner Tipp: Selbstverständlich ist die Originalfassung mit den Stimmen von Ben Kingsley, Bill Murray, Scarlett Johansson und Christopher Walken der deutschen Synchronisierung vorzuziehen.

 

 

Filmplakat: Walt Disney

Podcast #14: Whedoncast vs. The Avengers

It’s Avengers Time! In der neuesten Folge des Podcasts sprechen wir über die zwei Mega-Blockbuster von Marvel, wie die im Superheldencosmos einzuordnen sind und was Regisseur Joss Whedon für eine tragende Rolle in ihrer Entstehung hatte.

Abstecher zum Post

Under the Skin

under-the-skin-posterArsch offen, Senator? … war genau das, was sich so ziemlich jeder Cineast dachte, als bekannt wurde, dass der Filmverleih den neuen Film von Jonathan Glazer („Birth“) nur auf DVD herausbringen möchte. Jenen Under the Skin, der beispielsweise in Venedig lief und von manchen Rezensenten in eine Reihe mit „2001“ gestellt wurde. Das mag vielleicht übertrieben sein, aber gelohnt hat sich das Engagement der Facebookseite „Under The Skin im dt. Kino, jetzt“ allemal – denn ihr ist es zu verdanken, dass das mysteriöse SciFi-Drama in zahlreichen Städten zeitgleich zum Heimkinostart auch auf der großen Leinwand zu bewundern ist. Ja, und tatsächlich gehört der Film ins Kino und sonst erstmal nirgendwohin. Scarlett Johansson spielt darin ein männermordendes Alien (oder so), das auf die Erde gekommen ist, um Liebe zu erfahren (oder so). Ob das der eigentliche Inhalt des Films ist und worum es sonst noch gehen könnte, mag jeder Zuschauer für sich selbst entdecken. Kinotauglich ist der fast dialogfreie „Under the Skin“ vor allem wegen seines faszinierenden Soundtracks und seiner innovativen Bilder, die Regisseur Glazer nicht nur, aber vor allem für die „Tötungsszenen“ findet. Wer meint, im Kino schon alles gesehen zu haben, findet in „Under the Skin“ seinen Meister.

 

Filmplakat: Senator

Her

her-posterWenn Theodore (Joaquin Phoenix) von Berufs wegen jene Grußkarten, Trauerkarten, Glück-wunschkarten und Liebesbriefe für andere Leute verfasst, die selbst keine verfassen wollen oder können, dann macht ihn die erhoffte Freude bei den Beschenkten Freude, doch sie macht ihn nicht glücklich. Nicht nur will er als Autor mehr verfassen als fremde Post – er will auch weniger einsam sein. Theodore möchte jemanden haben, der ihm zuhört, ihm Witze erzählt, über seine Anekdoten nachsinnt, sich zum Mittag mit ihm über vorbeilaufende Passanten unterhält und zu dem er am Abend nach Hause kommen kann. Und so lernt er unverhofft Samantha (Scarlett Johansson) kenne, mit der er sich seltsamerweise anfreundet und zu der sich kurioserweise eine romantische Beziehung aufbaut. Denn dass er sich jemals in das Betriebssystem eines Computers verlieben könnte, eine künstliche Intelligenz, die selbstständig zu lernen zu fühlen beginnt, hätte Theodore nichte gedacht. Her ist eine absolut jetzige Geschichte in der Zukunft, bei der die Technik wie heute ist, nur viel weiter. Wo die Liebe genau so wehtut wie heute, die Grenzen zwischen Körper und Geist jedoch nicht mehr scharf zwischen Fleisch und Metall getrennt sind. “Her” ist warmherzig bebildert und klug geschrieben, doch sind die Sphären, in die er abhebt, nicht verkopft. Es ist eher so, als hätte Scarlett Johansson gerne noch Mal einen Film drehen wollen, der sich anfühlt wie “Lost in Translation”.

 

Filmplakat: Warner Bros.

Captain America 2

FirstAvengerOkay, scheiß auf den “deutschen” Titel. Captain America 2 eröffnet die Blockbuster-Saison mit einem ziemlich beeindruckenden Schlag in die Actionfresse. Was im amerikanischen Kino bislang eigentlich bloß Paul Greengrass in seinen “Bourne”-Filmen geschafft hat, nämlich hektische Kamera und wirklich spürbare Schläge-Tritte-Explosionen miteinander zu vereinen, gelingt nun auch den Brüdern Russo. Schon lange nicht mehr hat das US-Kino solch dynamische, spannende und top choreographierte Action gezeigt. Und als wäre das allein nicht schon geil genug, erzählt Captain America 2 sogar noch eine wendungsreiche Story, die wie die selbstkritische amerikanische Antwort auf die NSA-Datensammelwut wirkt und einen ur-patriotischen Superhelden glaubwürdig ins 21. Jahrhundert katapultiert. Eigentlich ein ganz großer Film. Dem bedauerlicherweise gegen Ende die Luft ausgeht. Das ist schade, sollte aber niemanden, der sich nach mitreißend inszenierten und überaus abwechslungsreichen Actionszenen sehnt, vom Kinogang abhalten.

 

Filmplakat: Walt Disney