Die Taschendiebin

Die Taschendiebin - Koch FilmsWieder einmal ist bei Park Chan-wook („Oldboy“) einiges nicht so, wie es auf den ersten Blick scheint. Diese Feststellung bezieht sich sowohl auf die Perspektive des Zuschauers als auch auf jene sämtlicher Protagonisten. Für uns, das Publikum, macht es zunächst den Eindruck, als ob sich die Taschendiebin Sookee (Kim Tae-ri), die dem im Englischen „The Handmaiden“ genannten Film den ansonsten wenig sinnvollen deutschen Titel verleiht, als Dienstmädchen ausgibt, um das Vertrauen des reichen Fräuleins Hideko (Kim Min-hee) zu gewinnen. Dieses soll sich nach dem Eintreffen des Hochstaplers Fujiwara (Ha Jung-woo) verlieben und sich später – nicht ganz freiwillig – von ihrem Vermögen trennen. Selbstverständlich nimmt die Handlung jedoch eine andere Entwicklung als zunächst erwartet. Dabei sind nicht nur die drei Hauptcharaktere zumindest eine Zeitlang über das eigentliche Geschehen nicht ganz im Bilde, sondern auch die Zuschauer benötigen mehrere Perspektivwechsel, um die Lügen und Intrigen zu durchschauen. Park Chan-wook setzt diesmal weniger auf Verstörendes und Schockierendes, so wie etwa in eingangs erwähntem Meisterwerk, sondern mehr auf Raffinesse und Ironie – wenngleich es auch hier teils sehr bizarr zugeht. Die Taschendiebin ist clever erzählt und macht trotz langer Laufzeit von der ersten bis zur letzten Minute Spaß. Etwas ratlos haben mich lediglich die freizügigen, lesbischen Sexszenen zurückgelassen. Wenn ein Mann so etwas inszeniert, weiß man nie so genau, warum er das eigentlich gemacht hat. Was für ihn spricht: „Die Taschendiebin“ ist grundsätzlich ein Film, der von starken Frauen und schwachen Männern erzählt. Hinzu kommt: So lustig wie hier ist Sex selten inszeniert – man denke nur an den aus Vagina-Sicht gefilmten Cunnilingus und die den Akt begleitenden Kommentare.

 

 

Filmplakat: Koch Films

Knock Knock

Knock KnockWer kennt das nicht: Mann ist allein daheim, weil Frau und Kinder das Wochenende woanders verbringen. Plötzlich klingelt es und zwei regendurchnässte, verirrte junge Frauen stehen vor der Tür. Weil Mann ein Gentleman ist, bietet er den Damen an, im Haus auf das gerufene Taxi zu warten. Die Dinge nehmen ihren Lauf und nach einer sportlichen Nacht verwandeln sich die beiden Frauen in wahre Furien, die einem erst den Verstand und später womöglich das Leben rauben. So zumindest trägt es sich in Eli Roths neuestem Horrorfilm Knock Knock zu, der sich vielmehr jedoch als rabenschwarze und streckenweise bitterböse Komödie versteht. Familydaddy Keanu Reeves erwischt nach „John Wick“ zu Jahresbeginn nun die zweite Traumrolle binnen kürzester Zeit und hat sichtlich Spaß, zunächst den ausdauernden Avancen der Frauen auszuweichen und später überhaupt nicht mehr nachvollziehen zu können, was eigentlich vor sich geht. So richtig schlau wird man aus den Beiden tatsächlich nicht. Die Fragen, was genau sie motiviert, ob sie das alles wirklich ernst meinen und wie weit sie ihre perversen Spiele treiben wollen, hält die Spannung wiederum bis zum Schluss am Köcheln. Das ist wahrlich nicht ansatzweise originell, macht aber – direkt proportional zum Leiden des männlichen Protagonisten – jede Menge Spaß.

 

Filmplakat: Universum Film

Wild

WildManchmal muss man wohl einfach aufbrechen und das bisherige Leben hinter sich lassen. Welche persönlichen Rückschläge Cheryl verkraften musste und in welche Abgründe sie sich selbst gestürzt hat, offenbart das Selbstfindungsdrama Wild von „Dallas Buyers Club“-Regisseur Jean-Marc Vallée im Laufe des Films in Rückblenden. Währenddessen marschiert die wenig wandererprobte Cheryl allein und mit einem – Vorsicht, Symbolbild – riesigen Rucksack bepackt tausende Meilen quer durch die USA. Immer wieder trifft sie dabei auf unterschiedlichste Menschen, mit denen sie schöne und unangenehme Momente teilt. Die Landschaften sind neben der überzeugenden, mit vollem Körpereinsatz agierenden, aber nicht überragenden Hauptdarstellerin Reese Witherspoon und der großartigen Laura Dern als Filmmutter Bobbi der dritte Star von „Wild“. Nicht nur wegen des Titels fühlt man sich ein bisschen an Sean Penns berührendes Meisterwerk „Into the Wild“ erinnert, dessen emotionale Sogkraft dieser Film jedoch nie erreicht. Dafür gibt’s einige zu platte Lebensweisheiten und Metaphern sowie konstruierte Momente wie etwa eine Begegnung mit einem Kind, das der Protagonistin rein zufällig plötzlich genau das erzählt, was ihr Charakter zu diesem Zeitpunkt des Films benötigt. Das Ende wirkt zudem abrupt und nicht so richtig kohärent zum Rest. Schön hingegen ist die feministische Note, die „Wild“ durchzieht. Die beiden Frauen sind willensstarke, bewundernswerte, authentische Charaktere. Und es reift die Erkenntnis: In der freien Natur ist der Mann das schlimmste Tier.

 

Filmplakat: 20th Century Fox